Gérard DepardieuPutins Rasputin

Der Kreml macht den französischen Schauspieler Gérard Depardieu per Dekret zum russischen Staatsbürger. Ist das jetzt ganz böse? von 

Gérard Depardieu

Gérard Depardieu   |  © Jens Kalaene/DPA

Gérard Depardieu, für viele der Inbegriff des Franzosentums, ist seit heute Russe. Das jedenfalls twitterte der Kreml: Putin habe von seinem Recht Gebrauch gemacht, die russische Staatsbürgerschaft per Dekret zu verleihen. Und sofort schlugen dem informellen Nationalschauspieler Wut und Verachtung seiner Landsleute entgegen.

Bereits als kürzlich bekannt wurde, dass Depardieu das Land Richtung Belgien verlassen wollte, regte sich Empörung, doch bald wendete sich das Blatt: Dass ein Weltstar Frankreich wegen seiner Steuerpolitik den Rücken kehrt, hatte sich zu einem Imageproblem der sozialistischen Regierung ausgewachsen. Jetzt jedoch sehen deren Parteigänger die Gelegenheit, die Stimmung umzudrehen. Auf der Website des Nouvel Observateur wird rhetorisch gefragt, ob es die Verteidiger des "abrutschenden Schauspielers" wohl wagen würden, ihn "nach dieser Gunst eines Quasi-Diktators" ein weiteres Mal zu verteidigen? Wenn ja, dann wäre es das Zeichen dafür, dass die französische Rechte "verrückt" wäre, und, notabene: "weniger französisch als sie vorgibt".

Anzeige

Was genau wird Depardieu vorgeworfen? Zweierlei: Dass er in Frankreich keine Steuern mehr zahlen will, und dass Putin sein Freund ist.

 Der erste Vorwurf beruht auf dem Verständnis, dass es nicht nur Pflicht, sondern höhere, patriotische Pflicht sei, Steuern zu zahlen. Nun wird niemand, auch Depardieu nicht, bestreiten wollen, dass ein Staat Einnahmen braucht. Doch wer sich, wie Depardieu, nicht als nationales Wesen begreift, für den ist ein Steuerbescheid bloß Ausdruck einer sachlichen, nicht aber einer moralisch eingefärbten Beziehung. Und wenn er, wie beileibe nicht nur Depardieu, den französischen Steuerstaat als hypertroph ansieht, dann spricht kein ethischer Grundsatz dagegen, anderswo Steuern zu zahlen.

Dagegen werden in Frankreich zwei Einwände vorgebracht: Erstens beruhe Depardieus Erfolg auf all dem, was ihm die Nation gegeben habe. Und zweitens sei sein Kino subventioniert worden. Beide Einwände ziehen nicht.

Jeder Erfolg hat auch mit ökonomischen und kulturellen Randbedingungen zu tun. Doch ergibt sich daraus etwa ein natürliches Anrecht der Nationen auf die Individuen? Das ist pure Staatsreligion, über die schon Marxens Zeitgenosse Max Stirner das schrieb: "Die Gesellschaft, von der wir alles haben, ist eine neue Herrin, ein neuer Spuk, ein neues 'höchstes Wesen', das uns in Dienst und Pflicht nimmt!"

Und was die Subventionen betrifft: Sie werden in Frankreich vom Eintrittsgeld der Kinos abgezweigt. Wer aber hat den Lichtspielhäusern Millioneneinnahmen in die Kassen gespielt, wenn nicht Depardieu? Im Übrigen dienten die Subventionen nur dazu, dass Filme entstehen – was augenscheinlich der Fall war, also waren sie gut angelegt. Mit Steuern haben sie nichts zu tun. Depardieu hat sich mit ihnen auch nicht die Freizügigkeit abkaufen lassen. Abgesehen davon, dass er selbst Filme subventioniert hat: Für seinen großartigen Mammuth zum Beispiel hat er keinen Cent Gage genommen.

Aber Putin?

Depardieu wird die Freundschaft mit ihm vorgeworfen. Schon richtig, Putin ist ein "Halb-Diktator", wie der Nouvel Observateur schreibt. Gewiss nicht der erste und einzige, mit dem prominente Franzosen (oder Deutsche) Freundschaft pflegen. Da ließe sich eine lange Liste durchmustern, und die Frage wäre stets konkret zu stellen: Hat sich jemand der Komplizenschaft mitschuldig gemacht? Sie ist nicht immer leicht zu beantworten. Von Depardieu wird man bald fordern, sich zu Pussy Riot zu äußern – doch wurde auch von ihm verlangt, etwas gegen die Behandlung der Roma in Frankreich zu sagen?

In seinem neuen Film Der Mann der lacht spielt Depardieu den Ursus aus der gleichnamigen Erzählung Victor Hugos: einen Bauern, innerlich frei, nur dem eigenen Urteil vertrauend und stets bereit, seinen Mitmenschen zu helfen. So kennen ihn seine Freunde auch im wirklichen Leben. Aber weil er von unten kommt, ist er die ideale Zielscheibe für alle, die sich für etwas Besseres halten. Wie einst der Russe Rasputin, den Depardieu vor zwei Jahren kongenial in einem Film verkörperte.

Rasputin, so wird er jetzt genannt, und die Medien schlachten ihn hin. Da sei an eine Stelle in der Rasputin-Erzählung des deutschen Dichters Klabund (1890-1928) erinnert:

"Die Arbeiter,
besonders die Bauern,
haben andere Gedanken über die Ermordung Rasputins.
Er war – trotz allem – einer der ihren, ein Muschik,
ganz unten aus dem Volk,
und bis an den Zarenthron hinaufgestiegen."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ...nur heißen sie bei uns "Schuhmacher", "Beckenbauer", "Becker" und "Vettel" etc...

    Aber ist es nicht viel praktischer, dieser Tage mit dem Finger nach Frankreich zu zeigen, solange Hollande dort regiert, um nicht über die Zustände daheim berichten zu müssen?

    13 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Peugeot
    • 03. Januar 2013 17:53 Uhr

    ... haben halt nicht so ein Bohei um ihren "Abzug", "Umzug", eben ihre Szeuerflucht gemacht.

    wenn der Gerard still und heimlich an den genfer see gezogen wäre -alles wäre gut.

    Sie schreiben: "Beckers und Beckenbauers haben halt nicht so ein Bohei um ihren "Abzug", "Umzug", eben ihre Szeuerflucht gemacht."

    Das sehe ich ein wenig anders: Seit wann besitzen die Genannten eigene Medien-Ressourcen? Wer die Bühne für's große Bohei erhält - und was zum großen Bohei erklärt wird, bestimmen immer noch einige wenige auflagenstarke Zeitungshäuser, finanzstarke Rundfunksender. Der Rest erklärt sich aus diesem Bild mit seinem eindeutig zweideutigen Untertext der kürzlich dahin geschiedenen Financial Times Deutschland (FTD):
    http://www.ftd.de/panoram...

    Was lernen wir davon?
    Eine "gute" Zeitung muss sich NICHT bei seinen Gesellschaftern, Anzeigekunden und Regierungsvertretern entschuldigen: Wer alles"richtig" macht, muss um seinen Job nicht fürchten. Richtig deutlich kann eine Redaktion nur am fest datierten, finalen Tag ihres Wirkens werden. Das Damoklesschwert des Niklaus-Brender-Schicksals baumelt über den meisten Redakteurs-Schreibtischen in Deutschland. Wer an Unabhängigkeit glaubt, ist naiv - das lernen die Primaner der schreibenden Zunft vermutlich sehr schnell. Das gelegentliche Sympathien mit linken Positionen. Keynesianismus etc...nichts in einer Wirtschaftsredaktion verloren haben, ist nicht neu.

    • Scuzzle
    • 03. Januar 2013 17:45 Uhr

    Ich bin dafür hohe Einkommen stärker zu besteuern.
    Meiner Meinung nach sollte dies aber eher durch ein Einschränken der Abschreibungsmöglichkeiten geschehen.

    Wenn ein Staat 75% Steuern erheben will hat er eine Steuerflucht mehr als verdient.
    Nach meinem empfinden sollte der Maximale Steuersatz nicht über 49% liegen (der dann aber auch ohne Abzüge hier und da zu zahlen ist)

    4 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Peugeot
    • 03. Januar 2013 17:56 Uhr

    welche meinen Sie denn da?

    Die Abschreibungsregeln für Investitionen haben sich seit Jahren auch bei uns schon nur zu Lasten von Unternehmern geändert.

  2. Das ist es wohl eher, dass jemand eine 8-oder 9-stellige Summe verdient, und andere Leute sich für 10000 Euro im Jahr kaputt schaffen müssen.
    Ich finde diese Aktion von Depardieu wirklich widerlich. Er ist für Frankreich und die EU charakterlich sicher kein Verlust.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Mehr als die Hälfte?"
    • Peugeot
    • 03. Januar 2013 17:50 Uhr

    Welche Kompetenzen per Verfassung die russ. Staatsoberhäupter haben, ist mir nicht bekannt.

    Wenns so ist, ist es sicher nicht umsonst so. Ich schreibe Putin jedenfalls zu Gute, sein Land aus einer tiefen wirtschaftlichen Depression herausgeführt zu haben. Und sein Wort von einer gelenkten Demokratie ist so falsch nicht.
    Wir können das zwar kritisieren, doch leider sind wir mit den Bestrebungen, anderen unsere *westliche* Demokratie aufzudrücken, ziemlich kläglich gescheitert.

    Warum er sich ungefragt in diese französiche Steuer-Frage einbringt, bleibt mir allerdings ein Rätsel.

    Eine Leserempfehlung
    • zmqfab
    • 03. Januar 2013 17:50 Uhr

    Herr Depardieu ist nur zufällig der prominenteste "Landesverräter". In Wirklichkeit aber sollte sich die Diskussion um die Sozialisten drehen.

    Herr Hollande ist fast so dreist wie Herr Steinbrück hierzulande, in dem er sich voller Hochmut die Taschen füllt während die Arbeitslosigkeit und Armut so schlimm ist wie nie zuvor (sozial-ist ist sozial?) und sich dabei doch noch beklagt. Gearbeitet hat er in seinem ganzen Leben sowieso noch nie, höchstens mal die Internationale gesungen. Gleichzeitig zeigt er unverhohlen seinen Neid auf alle, die sich etwas erarbeitet haben, und vertreibt mit seiner Diskriminierung ausgerechnet diejenigen mit dem meisten Kapital aus dem Land -- was nur zu mehr Arbeitslosigkeit und Elend führt. Wenn die Reichen gehen, leiden die Armen.

    Affelou ist weg, Auchan ist weg, mehrere Finanzdienstleister, und Vuitton/Dior ist kurz davor. In seiner Dummheit sprach Herr Hollande davon, dass die Reichensteuer "eher symbolisch" zu sehen sei. Die Tatsache, dass jemand vom Format Depardieu AUSGERECHNET die russische Nationalität annimmt, ist eher symbolisch. Wenn jemand lieber zum totalitären ex-Kommunismus wechselt, als im Land seiner Väter zu bleiben, ist das schlichtweg ein Armutszeugnis für den Sozialismus.

    5 Leserempfehlungen
    • Peugeot
    • 03. Januar 2013 17:53 Uhr

    ... haben halt nicht so ein Bohei um ihren "Abzug", "Umzug", eben ihre Szeuerflucht gemacht.

    wenn der Gerard still und heimlich an den genfer see gezogen wäre -alles wäre gut.

    Eine Leserempfehlung
    • Peugeot
    • 03. Januar 2013 17:56 Uhr

    welche meinen Sie denn da?

    Die Abschreibungsregeln für Investitionen haben sich seit Jahren auch bei uns schon nur zu Lasten von Unternehmern geändert.

  3. Ich finde, Putin fügt dem Ruf seines Landes mit dieser Handlungsweise einen Schaden zu. Das passt nicht zu einem seriösen Politiker, die Staatsbürgerschaft seines Landes für einen Mediengag mit seinem Kumpel Depardieu zu verschleudern.

    Woraus leitet sich übrigens die Bezeichnung Putins als "Halbdiktator" ab? Nur daraus, zur anderen "Seite" zu gehören, oder existiert dafür eine sachliche Begründung?

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Film | Frankreich | Freundschaft | Kino | Wladimir Putin | Roma
Service