Sexismus : Wir sind nicht schwach!
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Grenzübertritte ruhig und bestimmt thematisieren

Die Kollegin Annett Meiritz hat es in ihrem Beitrag über ihre abstoßenden Erfahrungen mit Sexismus bei den Piraten gut formuliert: Natürlich laufen wir nicht bei jedem missratenen Witz zur Antidiskriminierungsstelle. Wir sagen aber deutlich, dass er nicht lustig ist. Wenn sich Anzüglichkeiten wiederholen, wenn das Ganze offenbar System hat, dann wehren wir uns gnadenlos. Aber wir unterstellen nicht jedem Mann bei jedem unpassenden Kommentar eine uns Frauen gegenüber herabwürdigende Haltung.

"Wir armen, beschützenswerten Frauen gegen die bösen, übergriffigen Männer." In diesen Kategorien will ich nicht diskutieren, denn ich halte das nicht für emanzipiert. Ein Problem habe ich auch mit der Twitter-Aktion unter dem Hashtag #aufschrei, so legitim das Ziel auch ist. Auch hier ist es die Tonalität. Warum müssen wir Frauen aufschreien? Können wir Grenzübertritte nicht ruhig und bestimmt als solche thematisieren? In den letzten Tagen habe ich viel Wichtiges unter dem Hashtag gelesen, manches aber schien übertrieben. Klar, jede Frau hat ihre eigenen Grenzen. Ich möchte nichts bagatellisieren. Aber die Absolutheit der Diskussion stört mich. Der Mann im Allgemeinen ist jetzt unser Feind.

Außerdem provoziert die öffentliche Erregung auf der anderen Seite hässliche Abwehrreflexe. Die sind nicht zu entschuldigen. Ein Flirt dürfe doch noch erlaubt sein, hört man – dabei geht es um unerwünschte Anzüglichkeiten. FDP-Haudrauf Wolfgang Kubicki sagt, er nehme fortan keine Journalistinnen mehr im Auto mit. Der liberale Minister Dirk Niebel will sich nicht mehr mit Autorin Himmelreich treffen. Sebastian Edathy von der SPD findet, es gehöre sich nicht, dass junge Frauen abends an der Hotelbar mit Politikern noch professionelle Themen bereden. Gestandene Journalisten werfen Himmelreich vor, sie habe sich an den FDP-Politiker "heranwanzen" wollen. Wie gestrig ist das denn?

Wir Berichterstatter sind sowieso nicht besser. Am Mittwoch trafen Himmelreich und Brüderle bei einem Pressegespräch erstmals wieder aufeinander. Unsere Zunft hatte nichts Besseres zu tun, als live davon zu twittern. Wie wird sie wohl gucken, die Anklägerin? Auch ZEIT ONLINE berichtete. Die Bild-Zeitung und eine seriöse Nachrichtenagentur thematisierten gar, welche Kleidung Himmelreich trug.  Jetzt wird die junge Journalistin doch zum Freiwild gemacht –  und zwar durch uns Kollegen.

Unterschwelliger Sexismus

Lasst uns diese Hysterie beenden und lieber eine Koalition der Aufgeklärten bilden – unabhängig vom Geschlecht. Ich will keine Sittenpolizei, die jeden sexualisiert anmutenden Witz verbietet. Ich will aber auch keine Gesellschaft, in der frau keinen Rock zur Arbeit tragen kann, ohne anzügliche Kommentare dafür zu bekommen.

Ich will einen respektvollen Umgang zwischen Männern und Frauen. Ja, wir haben noch einen langen Weg vor uns. Denn unterschwelliger Sexismus ist bei uns allen ein Problem. Weil er unausgesprochen bleibt –  im Gegensatz zu schlüpfrigen Kommentaren, die man daher leichter verurteilen kann. Wer kennt nicht solche Gedanken: Wenn ich die Frau jetzt einstelle, wird sie doch nur schwanger. Der hat die Position nur, weil er mit dem Chef regelmäßig saufen geht. Sie ist nur befördert worden, weil sie immer so kurze Röcke trägt.

Beim Thema Sexismus sollten wir alle selbstkritisch, unaufgeregt und sachlich vorgehen. Vor allem sollten wir Frauen und Männer gemeinsam um Gleichberechtigung kämpfen, nicht gegeneinander.

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Kommentare

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Bei Brüderle bestand kein Abhängigkeitsverhältnis

Und daher ist der #Aufschrei, so wichtig er auch sein mag, irgendwie ein Haus ohne Fundament.

Die Ganzen Anklagen, Brüderle soll sich "entschuldigen"; und das obwohl Himmelreich sagte sie fühle sich nicht belästigt, sind ein versuch, nachträglich ein Fundament zu bauen.

Und auch der Anlass ist der berechtigte Grund für die Gegenreaktionen. Denn jeder Baut gleich die Reihe Türck - Kachellmann - Brüderle - Ich?

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