SPD-Parteichef : Sigmar Gabriel spricht über Nazi-Vergangenheit seines Vaters

Mit 18 Jahren erfuhr SPD-Chef Gabriel, dass sein Vater ein Nazi war – der an der NS-Ideologie festhielt. Als Kind habe er sich als Gefangener gefühlt, sagt Gabriel.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat mit der ZEIT über die Nazi-Vergangenheit seines Vaters gesprochen. Walter Gabriel hatte ihm kurz vor seinem Tod im Juni 2012 vorgeworfen, ihn im Stich gelassen zu  haben. Damals schwieg der SPD-Vorsitzende noch.

Im Alter von 18 Jahren hatte Gabriel erfahren, dass sein Vater ein Nazi war. Damals brach der Kontakt ab, Sigmar Gabriel nahm ihn erst 2005 wieder auf, um mit seinem Vater die Vergangenheit aufzuarbeiten. Walter Gabriel verweigerte sich allerdings und hielt weiter an der von den Nationalsozialisten verbreiteten Ideologie fest.

Dazu sagte Gabriel heute: "Ich habe keinen Groll mehr gegen meinen Vater, ich bin nicht zornig, ich bin nicht wütend und ich fühle mich nicht einmal mehr verletzt." So etwas wie Schuld empfinde er jedoch gegenüber seiner Mutter, von der sich der Vater trennte, als Gabriel drei Jahre alt war. Erst im Alter von zehn Jahren durfte der Sohn zu seiner Mutter ziehen. "Sie hat mir das Leben gerettet", sagte der SPD-Vorsitzende.

In seiner Kindheit habe er sich zuvor als kleiner Gefangener in einer herrischen, spießigen Welt des Vaters gefühlt. Aus jener Zeit sei "ein fast unbändiger Zorn" übrig geblieben, sagte Gabriel.
 

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Kommentare

86 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

"Mitleid " soll besonders Frauenherzen bewegen

Genau dasselbe fiel mir auch ein
"Da werden ja auch schwere Jugend etc. medienwirksam ausgeschlachtet, weil Mitleid Quote bringt."

Die Nummer mit dem armen Jungen, Opfer zerrütteter Familienverhältnisse, der seine kranke Mutter pflegte und aufopferungsvoll für die kleine Schwester sorgte... da die Eltern sich bereits nach zwei Jahren Ehe scheiden ließen, wurde bis zum bitteren Ende des Christian Wulff mediengerecht aufgetischt.
2002, verriet Stoiber bei Sabine Christiansen, auch aus armen Verhältnissen zu stammen ...

Das Ziel der Wahlkampfstrategen ist klar, schrieb dazu der Spiegel: nämlich Frauenstimmen (!) zu gewinnen. Schließlich hatte die Union den Bundestagwahlkampf 1998 gerade wegen der weiblichen Wählerschaft verloren...

Und dieses Mal droht (lt. Steinbrücksprech) Merkels "Frauenquote" der SPD die Suppe zu verhageln

Richtig ist ein differenzierter Blick

auf individuelle Lebensläufe. Historische Gemengelagen, Motive, Irrtümer.
Wenn Sie die Verteidigung Oberschlesiens durch rechte Freikorps ansprechen - deren Gleichsetzung mit den späteren Nazis trifft es aber auch nicht. Die Ablehnung von Versailles ging in der Weimarer Republik doch durch alle Parteien. Die Kämpfe... Auch wenn es in Schlesien heute in jeder größeren Stadt eine ulica powstancow slaskych gibt - den bewaffneten Aufstand gegen ein verlorenes Referendum würde man heute eher in der Rubrik Terrorismus abhandeln. Qualifiziert die damalige "praktische" Empörung dagegen automatisch zum "Nazi"?
Auch wenn Ihr Vater diesen Weg nahm - es sind ausgehen vom gleichen Ereignis auch andere Wege bekannt: nämlich daß man da mit monarchistischer, oder sonstiger ständisch-akademisch-elitärer Gesinnung dabei war, und sich nach '33 aber in Rechts-Opposition wiederfand, die den Staat nicht in der Hand eines "braunen Pobels" sehen wollte.......
Ihrer Sicht auf Herrn Gabriels "Nabelschau" ist zuzustimmen.
Egal um welche persönlichen Konstellationen es geht - das Terrain ist nach wie vor vermient.
Hätte z.B. ein türkischstämmiger deutscher Politiker sich zu offenbaren, welche Position man in seiner Herkunftsfamilie zum Armeniermord bezog, und könnte das für ihn schädliche Konsequenzen haben?

Danke für die differenzierte Reflektion

Also - da wäre ich mit 20 vielleicht auch dabei gewesen. Denn in Schlesien muß es ja hoch her gegangen sein in den Jahren 19 bis 22. Der Frust über eine "umgebogene" Abstimmung saß wohl tief. Dieses Engegement habe ich meinem Vater nicht übel genommen. Schuldige und Unschuldige sind dabei wohl ähnlich verteilt, wie beim Konflikt Israel/Palestinenser.
Für den Rest haben meine Eltern mit dem Verlust ihres nicht unerheblichen Eigentums bezahlt. Mit 45 Jahren noch mal als Flüchtling neu anzufangen und sich trotz Krankheit zu etablieren und mir ein Stusium zu ermöglichen, nötigt mir Respekt und dankbarkeit ab. Den Rest fand ich schlicht dumm - aber menschlich verständlich. Mein vater ist in Frieden gestorben - mit dem Wissen, daß sein Sohn es zum Dipl.-Ing. geschafft hatte!