Thierses Schwaben-DebatteEin Spießer gegen die Spießigkeit

Wolfgang Thierse hat der Debatte um die Stadtteilkultur einen Bärendienst erwiesen. Seine Intoleranz schürt Konflikte, die keiner braucht. von 

Wolfgang Thierse ist ein engagierter Intellektueller, der Konservative reizen kann wie sonst wohl nur Claudia Roth. Sein Kampf gegen die Neonazis und seine beständige Kritik an dem laxen behördlichen Umgang mit dem Thema machten ihn glaubwürdig für viele, die auch in der Mitte die Wurzeln des Rechtsextremismus sehen. Umso tragischer, dass ausgerechnet er sich nun als einer jener Berliner Spießer zeigt, deren Intoleranz die Stadt manchmal so hässlich macht.

Thierse hat die ohnehin schon vorurteilsbeladene Berliner Debatte zwischen vermeintlich Alteingesessenen und angeblich neureichen Zugezogenen noch einmal um eine Stufe unterboten. Er fordert für seinesgleichen Etablierten-Vorrechte und von den Zugereisten – sein plumpes Etikett: Schwaben – Anpassung an eine diffuse Altostberliner Leitkultur ein.

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Dabei nutzt er Stereotype, die selbst die letzten verrauchten Eckkneipen des Prenzlauer Bergs unterfordern. Die Schrippe habe Schrippe zu heißen und nicht Wecken. Und Berlin sei eben nicht so sauber und idyllisch wie Schwaben. Als gäbe es keine Ostberliner Spießer, als seien alle Schwaben welche. Und als gäbe es keine Schwaben, die die Veränderung des Prenzlauer Berges kritisieren.

Thierses falschen, vereinfachenden Begriff von bestehender und fremder Kultur machen sich normalerweise Rechtspopulisten zunutze. Und auch, wenn es hier um Schwaben, also Deutsche geht – er ethnisiert den Konflikt, indem er alle Probleme einem bestimmten Herkunftsmilieu unterschiebt.

Stumpfe Feindbilder

Die Welt hat gezeigt, was passiert, wenn man die Debatte auf dieses Niveau herunterzieht: Warum, fragt dort ein Autor, rege sich Thierse nicht über Araber und Türken auf, die schließlich ganze Berliner Stadtteile islamisiert hätten? So wird aus einer notwendigen Debatte über die Städte und ihr Innenleben ein Konflikt, der sich von stumpfen Feindbildern nährt.

Das Thema ist viel zu wichtig, um es derart zu entintellektualisieren. Jahrelang haben die Bürgermeister zugesehen, wie Investoren gewachsene Stadtteile nach Belieben verändern, die soziale Schichtung und damit die Stadtteilkultur umkrempelten. Die Fragen lauten: Wie verhindern wir die soziale Homogenisierung ganzer Großstadtviertel? Was können Staat und Kommunen dafür tun? Wie sollen Konflikte zwischen neuen und alten Bewohnern ausgetragen werden? Doch da sind selbst die meisten Kneipenphilosophen weiter als Thierse.

Möglich, dass er glaubt, man müsse die Debatte vereinfachen, um ein Echo zu erreichen. Doch was bleibt, ist ein Ton selbstgerechter Intoleranz, wie man sie von Ralph Giordano und Günther Grass kennt. Eine Stadtdebatte voller Feindbilder aber wirft all jene Ost- und Westdeutsche zurück, die um Klubkultur, Lebensart und Vielfalt in ihrem Viertel kämpfen.

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Leserkommentare
    • otmars
    • 04. Januar 2013 20:44 Uhr

    Herr Wolfgang Schäuble hat nicht nur die Rede gehalten, er hat auch jedem in der Fraktion gedroht, wer nicht für Berlin stimmt der braucht sich über eine erneute Aufstellung als Kandidat keine Gedanken mehr zu machen. Es war saubere Erpressung gegen die Fraktionsmitglieder gerichtet.
    Davon will man in der Union nichts mehr Wissen. Aber es war so von wegen überzeugende Rede und so.
    Und wie immer in solchen Situationen ist einem das Hemd näher als die Hose. Spricht man gibt der Erpressung nach.

    • otmars
    • 04. Januar 2013 21:01 Uhr
    178. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unangebrachte Vergleiche. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Liebe Redaktion,"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Nizze
    • 04. Januar 2013 22:20 Uhr

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jp

    • Nizze
    • 04. Januar 2013 22:20 Uhr
    179. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "[...]"
  1. 180. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  2. In den frühen Achtzigern gab es eine ähnliche Diskussion -- völlig thiersefrei in der Westhälfte der Stadt.
    Den Söhnen und Töchtern schwäbischer Häuslebauer wurde von Kreuzberger Ureinwohnern unterstellt, die militantesten Besetzer im "Häuserkampf" zu sein.
    Diese parierten mit dem Vorwurf der Diskriminierung.

    Antwort auf "Danke, Herr Thierse!"
    • nochaib
    • 07. Januar 2013 18:36 Uhr
    182. [...]

    Entfernt. Kein sachlicher Beitrag. Danke, die Redaktion/jp

    • EHR19
    • 08. Januar 2013 2:23 Uhr

    Ist nicht jede Großstadt eine "Siedlungserscheinung", eine Ansammlung historisch entstandener Dörfer mit dem später zugelieferten Zement der administrativen Vereinigung? Ach was! Warum darf eine Hauptstadt nicht mit dem sympathischen Gesicht einer Siedlungserscheinung existieren? Eine Hauptstadt ist nur ein administratives Zentrum eines Staates - nichts mehr. Siehe USA. Und wenn eine Hauptstadt unter der Neurose der nicht ausrechenden Anerkennung leidet, was soll´s? Kein Mensch schuldet Berlin ein Zeugnis der Tauglichkeit zum Wohnen in dieser Siedlungserscheinung.

    • LennyP
    • 08. Januar 2013 11:44 Uhr

    nur wegen einem Missverständnis.
    Wir stellen fest: Der aus Breslau stammenden Thierse sucht von über 1000 Berliner Bäckereien ausgerechnet eine schwäbische auf...!
    Als ein Freund von mir(ich bin aus Stuttgart) anfangs der 90er nach Berlin gezogen ist( wie viele andere auch, die zumeist bis heute gerne dort leben)waren wir bei einem Berliner Bäcker.Für das, was uns als "Schrippe" oder "Brezel" verkauft wurde hätte man hierzulande seine konzession verloren, aber das ganz im Ernst...zumindest hätte man großen Ärger bekommen mit seiner Kundschaft.Kein Wunder also, das sich das rumgesprochen hat, und ein paar schwäbische Bäcker da hoch sind um ordentlich Geld zu verdienen.Weil eure Schrippe mit einem ordentlichen Weckle soviel zu tun hat, wie eine Pizza vom Dönerladen mit einer ital. Pizza.Da sich das sehr schnell in Berlin rumgesprochen hat, das die Schwaben gute Bäcker haben, versuchen diese gar nicht, ihre Herkunft zu verbergen.Deswegen wagt sich ja auch Thierse in die Höhle des Löwen um morgens ordentliche Weckle(Schrippen,Semmel) zu frühstücken.Weil ansonsten kenne ich meine Landsleute als übertrieben anpassungswillig, fragen Sie mal einen ital. oder spanischen Kellner in einer Urlaubsregion,die lachen Sich über die "italo-schwaben" auch in der 50. Saison noch schlapp.
    Und ein "Datschi" gibt es hier beim Bäcker nicht, das gibt es in Österreich und Bayern.Hierzulande heißt das Zwetschgenkuchen....

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Wolfgang Thierse | Claudia Roth | Debatte | Echo | Konflikt | Ralph Giordano
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