Thierses Schwaben-Debatte: Ein Spießer gegen die Spießigkeit
Wolfgang Thierse hat der Debatte um die Stadtteilkultur einen Bärendienst erwiesen. Seine Intoleranz schürt Konflikte, die keiner braucht.
© Jens Büttner/dpa

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (Archivbild von 2010)
Wolfgang Thierse ist ein engagierter Intellektueller, der Konservative reizen kann wie sonst wohl nur Claudia Roth. Sein Kampf gegen die Neonazis und seine beständige Kritik an dem laxen behördlichen Umgang mit dem Thema machten ihn glaubwürdig für viele, die auch in der Mitte die Wurzeln des Rechtsextremismus sehen. Umso tragischer, dass ausgerechnet er sich nun als einer jener Berliner Spießer zeigt, deren Intoleranz die Stadt manchmal so hässlich macht.
Thierse hat die ohnehin schon vorurteilsbeladene Berliner Debatte zwischen vermeintlich Alteingesessenen und angeblich neureichen Zugezogenen noch einmal um eine Stufe unterboten. Er fordert für seinesgleichen Etablierten-Vorrechte und von den Zugereisten – sein plumpes Etikett: Schwaben – Anpassung an eine diffuse Altostberliner Leitkultur ein.
Dabei nutzt er Stereotype, die selbst die letzten verrauchten Eckkneipen des Prenzlauer Bergs unterfordern. Die Schrippe habe Schrippe zu heißen und nicht Wecken. Und Berlin sei eben nicht so sauber und idyllisch wie Schwaben. Als gäbe es keine Ostberliner Spießer, als seien alle Schwaben welche. Und als gäbe es keine Schwaben, die die Veränderung des Prenzlauer Berges kritisieren.
Thierses falschen, vereinfachenden Begriff von bestehender und fremder Kultur machen sich normalerweise Rechtspopulisten zunutze. Und auch, wenn es hier um Schwaben, also Deutsche geht – er ethnisiert den Konflikt, indem er alle Probleme einem bestimmten Herkunftsmilieu unterschiebt.
Stumpfe Feindbilder
Die Welt hat gezeigt, was passiert, wenn man die Debatte auf dieses Niveau herunterzieht: Warum, fragt dort ein Autor, rege sich Thierse nicht über Araber und Türken auf, die schließlich ganze Berliner Stadtteile islamisiert hätten? So wird aus einer notwendigen Debatte über die Städte und ihr Innenleben ein Konflikt, der sich von stumpfen Feindbildern nährt.
Das Thema ist viel zu wichtig, um es derart zu entintellektualisieren. Jahrelang haben die Bürgermeister zugesehen, wie Investoren gewachsene Stadtteile nach Belieben verändern, die soziale Schichtung und damit die Stadtteilkultur umkrempelten. Die Fragen lauten: Wie verhindern wir die soziale Homogenisierung ganzer Großstadtviertel? Was können Staat und Kommunen dafür tun? Wie sollen Konflikte zwischen neuen und alten Bewohnern ausgetragen werden? Doch da sind selbst die meisten Kneipenphilosophen weiter als Thierse.
Möglich, dass er glaubt, man müsse die Debatte vereinfachen, um ein Echo zu erreichen. Doch was bleibt, ist ein Ton selbstgerechter Intoleranz, wie man sie von Ralph Giordano und Günther Grass kennt. Eine Stadtdebatte voller Feindbilder aber wirft all jene Ost- und Westdeutsche zurück, die um Klubkultur, Lebensart und Vielfalt in ihrem Viertel kämpfen.





...für Sie diesen schönen Artikel. Ich mag den Thierse irgendwie, der scheint mir einigermaßen aufrichtig und engagiert, aber dieses Gerede über die Schwaben, die sich gefälligst zu assimilieren hätten, ist unendlich provinziell und peinlich. Zum Selbstverständnis einer echten Weltstadt, als die Berlin sich ja gerne sieht, gehört eben auch echte Weltläufigkeit und nicht so ein verdruckster Regional-Rassimus.
"Eine Stadtdebatte voller Feindbilder aber wirft all jene Ost- und Westdeutsche zurück, die um Klubkultur, Lebensart und Vielfalt in ihrem Viertel kämpfen."
Was soll das sein, "Klubkultur"? Mir als seit 28 JAhren in Berlin ansässiger "Westdeutschen" erschließt sich dieser Begriff nicht so recht. Es stimmt ja, dass nach der Wende die Clubs wie Pilze aus dem Boden schossen. Inzwischen ist aber nicht nur Techno nicht mehr so gefragt, auch das Überangebot an Clubs hat sich sozusagen gesundgeschrumpft. Ein ganz normaler Prozess.
Als ich nach Berlin kam, sprach man von der "einzigartigen Kneipenkultur, besonders in Kreuzberg". Ohne Sperrstunde und so.
Doch wer, ausgenommen Studenten und Künstler, möchte wirklich in solchen Vierteln wohnen? Otto Normalarbeitnehmer, der morgens früh raus muss, sicherlich eher nicht.
Künstler-und Szeneviertel sind eben in erster Linie Ausgehviertel und der Bedarf einer Großstadt hieran ist begrenzt. Familien haben in der Regel andere Bedürfnisse.
Ich bin jedenfalls heilfroh, dass ich nicht an der Admiralsbrücke wohne, wo des Sommers jeden Abend die Polizei das "bunte, lebensfrohe Völkchen" auffordern muss, sich zum musizieren in den Park zu verziehen...
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Fragwürdig wird es eben dann, wenn aus Studenten, Arbeitnehmeer werden und dann nicht wegziehen, sondern versuchen den Kiez ihren neuen Bedürfnissen anzupassen.
2.
Ich finde die Diskussion die Herr Thierse losgetreten hat super. Unter unsren sogenannten linken Intellektuellen ist Schwabenkritische Bemerkungen ok - Ausländerkritische Bemerkungen sind immer dumm und rechts.
Sich vor Überfremdung schützen zu wollen, scheint also doch nur allzu menschlich zu sein und nicht nur ein Problem der Rechten/ mit den Rechten.
Diese Diskussion ist doch lange noch nicht zuende: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?- und zwar alle zusammen Intellektuelle, Migranten, Arbeiter, Harzer, Konservative, Reiche, Arme usw.
P.S. Ich lebe friedlich und zufrieden in einem sogenannten "islamisierten" (Problem-)Viertel von Berlin.
P.P.S. Ja manchmal nervt das auch und ich verstehe die Menschen die das nicht wollen.
Ich frage Herrn Thierse wie soll denn das Zusammenleben funktionieren, wenn wir schon Vorbehalte gegen Süddeutsche haben?
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Fragwürdig wird es eben dann, wenn aus Studenten, Arbeitnehmeer werden und dann nicht wegziehen, sondern versuchen den Kiez ihren neuen Bedürfnissen anzupassen.
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Ich finde die Diskussion die Herr Thierse losgetreten hat super. Unter unsren sogenannten linken Intellektuellen ist Schwabenkritische Bemerkungen ok - Ausländerkritische Bemerkungen sind immer dumm und rechts.
Sich vor Überfremdung schützen zu wollen, scheint also doch nur allzu menschlich zu sein und nicht nur ein Problem der Rechten/ mit den Rechten.
Diese Diskussion ist doch lange noch nicht zuende: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?- und zwar alle zusammen Intellektuelle, Migranten, Arbeiter, Harzer, Konservative, Reiche, Arme usw.
P.S. Ich lebe friedlich und zufrieden in einem sogenannten "islamisierten" (Problem-)Viertel von Berlin.
P.P.S. Ja manchmal nervt das auch und ich verstehe die Menschen die das nicht wollen.
Ich frage Herrn Thierse wie soll denn das Zusammenleben funktionieren, wenn wir schon Vorbehalte gegen Süddeutsche haben?
bisher nicht ernst genommen (wenn denn als satire) und kann mir auch kaum vorstellen, dass thierse sie so verstanden wissen wollte.
wenn allerdings "die welt" meint, der sache eine solche wendung geben zu müssen, indem sie arabische und türkische mitbürger in die diskussion einführt, so fällt das auf "die welt" und ihr weltbild zurück und nicht auf thierse.
Der Prenzlauer Berg wird zum Eingeborenenreservat erklärt. Als eingeboren gilt, wer sich dort bis 1990 angesiedelt hat. Es gibt ein Recht auf bedingungslose Subvention der intellektuellen und pseudointellektuellen Szene und ein Grundgehalt für alle Ureinwohner. Herr Thierse wird zum Repräsentanten ernannt und damit beauftragt, Reservatsnormen und eine Reservatsethik zu erarbeiten, die Nachwuchs- und Besuchsfragen regeln. Auch würde ich vorschlagen, die spießig renovierten Häuser wieder in den alten, heimeligen Zustand zurückzuversetzen: schwarzbraun vom Braunkohlesmog und mit Einschusslöchern aus dem 2. Weltkrieg . Das war so schön bunt, lebensfreudig und vielfältig.
Der extreme Kämpfer gegen den Neonazismus ist mir schon immer so suspekt gewesen wie eine gewisse Art von Philosemiten. Vielleicht ist der Verdacht nicht ganz unbegründet, daß da quasi mit Gewalt der eigene unbewußte Nazismus oder Antisemitismus unterdrückt werden soll.
Wer kein gestörtes Verhältnis zu "Fremden" hat, der kann sich über manche Leute ärgern und mit manchen befreundet sein, sie seien Türken, Schwaben, Berliner, Juden oder Katholiken. Wenn man aber Bevölkerungsgruppen diffamiert oder übertrieben in den Himmel hebt, dann stimmt etwas nicht.
Und ein politischer Mensch sollte eigentlich wissen, daß Gentrifizierung wirtschaftliche (und politische) Ursachen hat und daß nicht die schwäbischen Gene daran schuld sind.
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Fragwürdig wird es eben dann, wenn aus Studenten, Arbeitnehmeer werden und dann nicht wegziehen, sondern versuchen den Kiez ihren neuen Bedürfnissen anzupassen.
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Ich finde die Diskussion die Herr Thierse losgetreten hat super. Unter unsren sogenannten linken Intellektuellen ist Schwabenkritische Bemerkungen ok - Ausländerkritische Bemerkungen sind immer dumm und rechts.
Sich vor Überfremdung schützen zu wollen, scheint also doch nur allzu menschlich zu sein und nicht nur ein Problem der Rechten/ mit den Rechten.
Diese Diskussion ist doch lange noch nicht zuende: In welcher Gesellschaft wollen wir leben?- und zwar alle zusammen Intellektuelle, Migranten, Arbeiter, Harzer, Konservative, Reiche, Arme usw.
P.S. Ich lebe friedlich und zufrieden in einem sogenannten "islamisierten" (Problem-)Viertel von Berlin.
P.P.S. Ja manchmal nervt das auch und ich verstehe die Menschen die das nicht wollen.
Ich frage Herrn Thierse wie soll denn das Zusammenleben funktionieren, wenn wir schon Vorbehalte gegen Süddeutsche haben?
Bitte nehmen Sie die Hauptstadt dort auf, wo Sie leben. Ja, genau dort, wo Ihre Heimat ist. Dann ist sie nämlich nicht mehr da, wo meine ist.
Berlin ist wohl in der Tat hauptstadtungeeignet. Jedenfalls, wenn man Westdeutschen zuhört: es gibt kein Land auf der Welt, wo man so wenig mit der Hauptstadt einverstanden ist wie in Westdeutschland mit Berlin. Übrigens haben sich die West-Berliner nicht unbedingt um Hauptstadt gerissen.
Sondern: wir in Berlin haben seit den Nachwende-Wolkenkuckucks-Träumen unseres beeindruckend schlechten politischen Personals deren Schulden am Hals, mußten deswegen 7 Jahre den Sarrazyniker ertragen, den Austausch von bis zu 90% der Bewohner der Innenstadtviertel - Dank Mieterhöhungen statt Arbeitsplätze, Bausünden wie den Potsdamer Platz, drohende wie das potemkinsche Stadtschloß, vergnügungssüchtige Billig-(zum 1. Mai Krawall-)Touristen etc.etc.und natürlich das u.n.a.u.s.g.e.s.e.t.z.t.e Berlin-Bashing.
Thierse (Spießer) kritisierte die Übernahme und Spießigkeiten der jetzigen Prenzlebergle-Bewohner, gern noch einmal: 90% der Einwohner von '89 wurden ausgetauscht. Die Neuen kommen auch nicht nur aus Schwaben, sondern aus Hamburg, München und jedem Landstrich dazwischen, aus den USA, GB, Italien, Spanien, Frankreich, aus wasweißdennichwohernoch, except Türkei. Das tat er in extrem dümmlicher Weise. Noch dümmlicher ist nur, seine spießige Dümmlichkeit seit Tagen durch die Medien zu ziehen und für das übliche Berlin-Bashing zu nutzen.
Die Schrullen und Lebensgewohnheiten der Zuwanderer schleifen sich ab oder werden ins Berlinerische aufgenommen. Die Mehrheit der Berliner ist sowieso nicht in Berlin geboren.
Eine weltoffene Stadt wird weder durch die Befindlichkeiten eines älteren Herren mit Bart noch durch kleinkarierte Reaktionen der Angesprochenen aufgehalten.
Dass nun auch noch Bundespolitiker und gar der Herr Oettinger aus Brüssel ihren Senf dazugeben, ist nur noch peinlich!
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