JustizTürkische Autorin Pinar Selek zu lebenslanger Haft verurteilt

Drei Mal wurde Pinar Selek freigesprochen, nun hat ein Gericht in Istanbul sie zu lebenslanger Haft verurteilt. Kritiker sprechen von einer "beispiellosen Prozessfarce".

Pinar Selek während einer Veranstaltung der Universität Straßburg im Januar

Pinar Selek während einer Veranstaltung der Universität Straßburg im Januar  |  © Frederik Florin/AFP/Getty Images

Ein Gericht in Istanbul hat die türkische Schriftstellerin Pinar Selek erneut wegen Beteiligung an einem angeblichen Bombenanschlag zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht schloss sich damit einem Urteil des Obersten Berufungsgerichtshofs an.

Selek wird vorgeworfen, als Anhängerin der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) im Jahr 1998 bei einem Anschlag in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Sieben Menschen kamen damals bei einer Explosion ums Leben. Selek wurde festgenommen, als Bombenlegerin angeklagt und zweieinhalb Jahre inhaftiert.

Anzeige

Die 41-jährige lebt derzeit in Straßburg und war bei der Urteilsverkündung nicht anwesend. Sie kündigte an, in Frankreich Asyl beantragen zu wollen. Das Verfahren bezeichnete sie als "schwierig", aber sie werde "bis zum Ende Widerstand leisten".

Was damals wirklich geschah, ist umstritten. Mehrere Gutachter hatten es für wahrscheinlich gehalten, dass eine Gasexplosion den Unfall verursacht habe. In den Jahren 2001, 2006 und 2011 hatten sich Richter für Freisprüche in dem Prozess entschieden. Das Oberste Gericht hatte diese Entscheidungen jedoch jeweils wieder aufgehoben und die Neuverhandlung gegen Selek und vier weitere Angeklagte angeordnet.

Kritiker sprechen von einem politisch motivierten Verfahren

Der Schriftstellerverband PEN Deutschland sprach von einer "beispiellosen Prozessfarce". Die Gerichtsentscheidung nähre "massive Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit der Türkei", hieß es. "Derselbe Richter, der Pinar Selek dreimal freigesprochen hat", habe nun die "definitive Aufhebung des Freispruchs" bestätigt. Laut PEN-Zentrum geht das Urteil nun zur Bestätigung erneut an das Oberste Berufungsgericht.

Viele Unterstützer Seleks, auch Gäste aus Deutschland und anderen europäischen Staaten, waren zur Gerichtsentscheidung nach Istanbul gekommen. Einige Zuschauer beschimpften die Richter als "Faschisten". Der Journalist Günter Wallraff, der als Beobachter angereist war, kritisierte die Entscheidung als "Willkürurteil erster Güte". Der Richter habe sich offensichtlichen Vorgaben höherer Stellen gefügt.

Die Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth und Cem Özdemir teilten mit, der Urteilsspruch dürfe "nicht das letzte Wort sein". Er basiere "auf absurden und fadenscheinigen Vorwürfen" und sei "politisch motiviert.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • Vibert
    • 25. Januar 2013 7:00 Uhr

    "motivierte" Gerichtsurteile, oder besser Verurteilungen, sind in diesem Land ja nichts neues. Deshalb und immer wieder: die Türkei in der EU (wenn es sie denn noch länger geben sollte)? - Nie und nimmer!

    24 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Nibbla
    • 25. Januar 2013 7:44 Uhr

    vergärmen mich auch immer. Jedoch stellt sich die Frage, warum die Gegner immer so Laut sind und es so wirkt als ob die Türkei das einzige Land wär, dass äusserst Fragwürdig handelt:

    2min Power Google:

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-12/sachsensumpf-journalisten...
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/urteil-nach-anti-nazi-demo-in-dres...
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/eu-kommission-verklagt-ungarn-wege...

    und man darf Bunga Bunga nicht vergessen ^^

    Gerade eine Mitgliedschaft in der EU würde die Türkei als Demokratie stärken. Eine Verschmähung verhindert nur demokratische Prozesse!

  1. Türken und noch Kemalisten aber der Trend geht ja in eine andere Richtung (Zwangsschliessung von Bordellen, Verbot von Alkohol in den Lokalen, es wurden jugendliche Kurden bis 17 in Gefängnisse gesteckt und misshandelt, Islamisierung).

    Dazu noch die geographische Lage mit den Nachbarländern und das die EU ein absoluter Chaoshaufen ist und ein Land dieser Größe und dieser Bevölkerungsanzahl derzeit nur noch mehr Probleme bereiten würde (vor allem bei einer Vollmitgliedschaft).

    Die Grünen sollten sich mit Statements zurückhalten, ich finde dieses agressive Einmischen von ausserhalb für sehr problematisch. Wir haben in Deutschland genug Baustellen, vor allem durch diese Partei geschaffen.

    19 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sie denn für ein Blödsinn auf?
    Verbot von Alkohol , 17 jährige Kurden im Gefängnisse zwecks Islamisierung .,..
    Haben sie auch Fakten für diese unverschämten Unterstellungen ?

    • maksut
    • 25. Januar 2013 7:22 Uhr

    Erdogan ist Richter und Henker zugleich. Es ist ganz offensichtlich, daß die Justiz in der Türkei eine Marionette der Erdogan Diktatur ist.

    20 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • mussec
    • 25. Januar 2013 12:09 Uhr

    Erdogan ist kein typischer Diktator. Er ist von einem großen Teil der Bevölkerung geliebter und gewählter Diktator. Er ist der König, den sich viele wünschen.
    (In Deutschland sehnt man sich komischerweise auch nach Führungspersönlichkeiten, die alles im Alleingang regeln können)

    Das sind alles Folgen von fehlender, ideologisch unabhängiger Bildung.
    Und Erdogans Partei selbst sorgt dafür, dass die Bildung immer schlechter wird. Nicht so, dass kein Geld in Bildung gesteckt wird. Aber die Bildung der jugendlichen verkommt zu einer Rekrutierung neuer Anhänger.
    Mehrheitsdiktatur ist das Stichwort.

    • Nibbla
    • 25. Januar 2013 7:44 Uhr

    vergärmen mich auch immer. Jedoch stellt sich die Frage, warum die Gegner immer so Laut sind und es so wirkt als ob die Türkei das einzige Land wär, dass äusserst Fragwürdig handelt:

    2min Power Google:

    http://www.zeit.de/politik/deutschland/2012-12/sachsensumpf-journalisten...
    http://www.spiegel.de/panorama/justiz/urteil-nach-anti-nazi-demo-in-dres...
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/eu-kommission-verklagt-ungarn-wege...

    und man darf Bunga Bunga nicht vergessen ^^

    8 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Politisch"
  2. Claudia Roth dazu?

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Tork
    • 25. Januar 2013 8:47 Uhr

    Lesen vor dem Posten genügt ;)

    • scoty
    • 25. Januar 2013 7:49 Uhr

    genauso wie der Oberst aus Afganistan der zum General wurde.

    " In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009 hatte Klein in Afghanistan den Befehl zur Bombardierung von zwei Tanklastzügen in der Nähe von Kundus gegeben. Dabei kamen mehr als 100 Menschen ums Leben, darunter zahlreiche Zivilisten. "

    http://www.n-tv.de/politik/Georg-Klein-wird-befoerdert-article6917796.html

    Eine Leserempfehlung
    • Furzl
    • 25. Januar 2013 8:03 Uhr

    Wieso meint man hier eigentlich das Menschen, nur weil sie Journalist oder Schriftsteller von Beruf sind, keine Straftaten verübt haben könnten?

    5 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  3. Gerade eine Mitgliedschaft in der EU würde die Türkei als Demokratie stärken. Eine Verschmähung verhindert nur demokratische Prozesse!

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Politisch"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Grundvoraussetzung für eine EU-Mitgliedschaft ist bereits eine vollständige Demokratisierung und Rechtsstaatlichkeit. Und dies ist in der Türkei weder in der Kurdenfrage, noch in der Rechtsprechung gewährt.

    Die Türkei wird niemals EU-Mitglied werden, da irgendein Land immer sein Veto nutzen wird. Zur Erinnerung: ALLE Länder müssen zustimmen.

    Wollen Sie ernsthaft fordern, daß ein Land mit einem solchen Rechtssytem als EG-Mitglied dann z. B. einen Europäischen Haftbefehl ausstellen könnte, mit dem dann z. B. jemand wie Frau Selek oder ein wegen "Beleidigung des Türkentums" angeklagter umstandslos der türkischen Justiz überstellt werden müßte?
    Halten Sie es für richtig, daß ein Land, in dem mutmaßliche Mörder, wie die Haupttäter bei der Ermordung von Jonny K. unbehelligt Unterschlupf finden, dann noch ohne Grenzkontrollen dem europäischen grenzkontrollfreien Raum hinzugefügt wird? Nur in der Hoffnung, dadurch die "Demokratisierung" zu fördern?

    • Vibert
    • 25. Januar 2013 10:29 Uhr

    dass Sie meinen Kommentar als idiotisch bezeichnen. Sie gehören wohl auch zu jenen Träumern, die glauben, dass man von aussen oder durch Integration in ein Staatenbund ein Land demokratisieren kann. Ist die Türkei nicht Mitglied der Nato?
    Die Türkei "bemüht" sich schon lange um eine EU-Mitgliedschaft. Und dann höre man sich die Reden des Herrn Erdogan an, wenn er nach Deutschland eingeladen wird.
    Nein danke und träumen Sie weiter.

    > würde die Türkei als Demokratie stärken <.

    Wenngleich, mir fehlt der rechte Glauben.

    Hinweis: Die Türkei liegt mit 97% ihres Territoriums in Asien. Sie hat nichts in der EU zu suchen.

    Schon die Aufnahme Zyperns ist erstaunlich und wie sich hereaustellt nicht gut für die EU.
    Es heißt Europäische Union.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, dpa, nf
  • Schlagworte Cem Özdemir | Claudia Roth | Günter Wallraff | PKK | Anschlag | Asyl
Service