Kaum trat Benedikt XVI zurück, schlug der TV-Komiker Stephen Colbert seinen Wunschpapst vor: Cardinal Timothy M. Dolan, den Erzbischof von New York. Colbert, einer der bekanntesten Katholiken Amerikas, hatte Dolan bereits im letzten Sommer aufs Schild gehoben, als die beiden gemeinsam an der Fordham University in der Bronx auftraten, eine Institution der Jesuiten. Damals frotzelte der Erzbischof: "Falls ich zum Papst gewählt würde, nenne ich mich Stephen III." Erzbischof Dolan ist seit vier Jahren im Amt und ein Getreuer von Papst Benedikt XVI. Er steht in einer fast 200-jährigen Tradition von irisch-katholischen Würdenträgern in New York und Boston.

Tatsächlich führt Dolan, der auch der United States Conference of Catholic Bishops vorsteht, nun die Liste der amerikanischen Würdenträger für die Papst-Nachfolge an, wenngleich seine Chancen nicht wesentlich höher sind als die der USA auf den Fußball-Weltcup.

Heute ist die Hälfte der New Yorker katholisch, und ein Viertel der Amerikaner. Die US-Katholiken setzen sich vor allem aus den alteingesessenen Immigranten aus Irland, Italien und Polen zusammen und einer neueren Einwanderergeneration aus Puerto Rico, Mexiko und den Philippinen. Als Benedikt XVI. 2008 New York besuchte, drängten sich Hunderttausende vor der St. Patricks Cathedral an der Fifth Avenue und im Yankee Stadium, wo er auftrat.

Entsprechend fielen auch die Schlagzeilen zum Rücktritt des Papstes aus. Die Zeitungen erklärten jedes Detail des Post-Papsttums, vom künftigen Wohnort bis hin dazu, ob er seinen Hut behalten darf. Politiker – US-Präsident Barack Obama ebenso wie Tea-Party-Liebling Paul Ryan – priesen Benedikts Weisheit, Demut und Opferbereitschaft, und sein "Eintreten für die Armen, Machtlosen, Ungeborenen, Kranken und Alten". Late-Night-Talker David Letterman (ein Lutheraner) scherzte: Traditionell verzichte jeder Katholik in der Fastenzeit auf etwas – der Papst verzichte aufs Papstsein.

Katholiken sind im Schnitt erfolgreich und wohlhabend

Katholiken sind in Amerika in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Sie verdienen sogar im Schnitt mehr als Protestanten und sind erfolgreicher. Bei der Präsidentschaftswahl von 2012 waren mit Newt Gingrich und Rick Santorum zwei der aussichtsreichen Kandidaten katholisch. Vizepräsident Joe Biden ist Katholik sowie Pentagonchef Leon Panetta. Auch zwei potenzielle Kandidaten der Republikaner für 2016, Chris Christie und Marco Rubio, sind es. Von den neun Richtern des Supreme Court, des Verfassungsgerichtes der USA, sind sechs katholisch, kein einziger ist Protestant.

Auch die Rivalität zwischen Katholiken und Evangelikalen scheint überwunden. Theologische Differenzen gibt es ohnehin kaum, nun haben sich die Kirchenoberen im Kampf gegen Schwulenehe, Abtreibung und Verhütung faktisch vereint. Manche Katholiken treten auch öffentlich aggressiv für ihre Sache auf: William Donohue, Präsident der Catholic League, protestiert jedes Mal laut, sobald Künstler, Journalisten, Museumskuratoren oder Filmemacher Katholiken beleidigen oder auch nur kritisieren, wie im Missbrauchsskandal. Denn dadurch wurde nicht nur der Ruf der katholischen Kirche schwer beschädigt. Wegen der in den USA hohen Entschädigungszahlungen mussten auch ein knappes Dutzend Diözesen Konkurs anmelden.

Grundsätzlich waren Katholiken in den USA aber nie so konservativ wie Protestanten oder gar evangelikale Gruppierungen wie die Southern Baptists. Manche katholischen Republikaner wie Christie oder Rudy Giuliani sind sogar sozialliberal – aber nur nach amerikanischen Standards, nicht nach europäischen.