Am 27. Februar wird die Gerichtsvollzieherin klingeln. Dann wird Rosemarie F. wegen eines Mietrückstands ihre Wohnung in Berlin-Reinickendorf verlassen müssen. Zwangsräumungen gibt es in Berlin jeden Tag, aber dieser Fall ist besonders. Denn Rosemarie F., 67 Jahre alt, anerkannte DDR-Verfolgte und schwerbehindert, muss ihre Miete eigentlich gar nicht selbst bezahlen. Das Sozialamt müsste es tun. Ulrich Wimmer, Sprecher der Berliner Zivilgerichte, hat auf Anfrage von ZEIT ONLINE den Räumungstermin bestätigt. Zwar laufe noch ein Berufungsverfahren vor dem Landgericht, doch das Urteil vom 29. Oktober 2012 sei "vorläufig vollstreckbar".

Das ist in Berlin kein Einzelfall. Nach Schätzungen gibt es mehrere Tausend Räumungen im Jahr, genaue Daten werden nicht erhoben. Ein Aktionsbündnis versucht, auf die Situation aufmerksam zu machen. Für den Tag der Räumung in Reinickendorf haben Aktivisten von "Zwangsräumung verhindern" eine Kundgebung angemeldet. Immer wieder gab es in den vergangenen Monaten Demonstrationen gegen steigende Mieten.

Und der Protest gewinnt an Schärfe. Als Mitte Februar in Kreuzberg eine Wohnung geräumt wurde, versuchten fast 1.000 Demonstranten den Vollzug zu verhindern. Die Polizei setzte 815 Beamte und einen Helikopter ein, die U-Bahn fuhr nicht mehr, es gab Krawalle und hinterher 75 Ermittlungsverfahren. Alles wegen der Zwangsräumung einer Wohnung.

Wie konnte es so weit kommen? 2001, als SPD und Linke die Regierung übernahmen, galten Berliner Wohnungen als Schnäppchen. Seither ist Berlin zur Hauptstadt der Gentrifizierung geworden. Ausgerechnet eine rot-rote Koalition hat das Thema soziale Wohnungspolitik verschlafen.

"Ziviler Ungehorsam" gegen jede Zwangsräumung

Zahlen belegen das. Zwischen 2001 und 2010 ist die Anzahl der Sozialwohnungen nach Daten der Investitionsbank Berlin von 264.000 auf 165.000 gesunken. Der Preis von Neuvertragsmieten ist dagegen in den vergangenen acht Jahren um rund 23 Prozent gestiegen. Gleichzeitig werden mehr Hartz-IV-Empfänger aufgefordert, in günstigere Wohnungen zu ziehen. Katrin Schmidberger, Grünen-Sprecherin für Mieten, sagt: "Die Spaltung Berlins in Arm und Reich muss gestoppt werden."

Die Berliner Linke, die zehn Jahre lang hätte eingreifen können, entdeckt das Thema nun auf einmal für sich. Ihr Landesvorsitzender Klaus Lederer, forderte auf Twitter dazu auf, künftig gegen jede Räumung zu protestieren. Er sagt: "Die Rücksichtslosigkeit einiger Eigentümer ist zum Symbol für einen gesellschaftlichen Verdrängungsprozess geworden, der längst kein individuelles Problem mehr ist."

Unterstützung erhält Lederer von Halina Wawzyniak, Bundestagsabgeordnete und ehemalige Vizevorsitzende der Linken. Sie sagt, Wohnungseigentümer müssten mit Protesten an ihre gesellschaftliche und moralische Verantwortung erinnert werden. Die Politik sollte ersatzlose Räumungen verbieten und Mieterhöhung nur zum Inflationsausgleich erlauben.