Kirchengebäude : Christen in Deutschland sollten Vorbild sein

In Hamburg wird eine evangelische Kirche in eine Moschee umgewandelt. Die EKD ist empört – und ignoriert damit die religiöse Realität, kommentiert Malte Lehming.
Die Kapernaum-Kirche (im Bild der Turm) in Hamburg-Horn soll in eine Moschee umgewandelt werden. © Creative Commons

Was ist stärker? Das Verbundenheitsgefühl aller religiösen Menschen in Deutschland gegenüber der stetig wachsenden Gruppe der Konfessionslosen? Oder das Verbundenheitsgefühl von ethnisch deutschen Christen mit ethnisch deutschen Nicht-Christen gegenüber anderen Religionen, besonders dem Islam?

Das ist eine Schlüsselfrage bei der Nutzung von Kirchengebäuden, die wegen zu vieler Austritte, schwach besuchter Gottesdienste und/oder zu hoher Instandhaltungskosten geschlossen werden müssen. Das betrifft in den kommenden Jahren jede zehnte Kirche. Seit 30 Jahren ist die Zahl der Kirchenmitglieder rückläufig. Außerdem sind viele Bauten aus der Nachkriegszeit stark renovierungsbedürftig. Doch dafür fehlt meist das Geld. Was also soll mit den Kirchen geschehen?

In Hamburg beginnt in wenigen Wochen der Umbau einer evangelischen Kirche in eine Moschee. Die ehemalige Kapernaum-Kirche im Stadtteil Horn war 2002 entwidmet und drei Jahre später an einen privaten Investor verkauft worden. Der wollte dort eine Kindertagesstätte einrichten, tat das aber nicht. Stattdessen verfiel das Bauwerk, das Grundstück vermüllte. Im November 2012 erwarb es die sunnitische Al-Nour-Gemeinde, die bisher in einer Tiefgarage im Stadtteil St. Georg untergebracht ist. Dunkel und kalt sei es dort, seit Langem habe man nach einem geeignetem Andachtsraum gesucht.

Die Al-Nour-Gemeinde weiß, wie brisant ihre Pläne sind. Darum versichert sie: Altar und Kreuz werden an eine christliche Gemeinde verschenkt, kein Muezzin ruft zum Gebet, das Fenstermosaik bleibt erhalten, alle Maßnahmen sind mit dem Denkmalschutzamt abgestimmt. Ob auch das Kreuz auf dem Kirchturm bleibt, wird in Absprache mit dem Amt noch entschieden. Sanierung und Umbau des Gotteshauses kosten rund eine Million Euro, das Geld wird durch Spenden eingeworben.

Jede Exklusion wirkt anachronistisch

Dennoch ist die Amtskirche empört. Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), nannte die Veräußerung ein "Missgeschick". Sie sei eine "geistliche Zumutung für die Menschen, die dort leben und sich mit der Kirche identifiziert haben". Denn "der Islam lehnt Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen, und das Kreuz Christi ab". Darin allerdings ähneln sich Islam und Judentum. Gegen die Umwandlung von Kirchen in Synagogen indes hat die EKD keine Einwände. Es schwingt in der schroffen Ablehnung mehr mit als die Konstatierung theologischer Differenz.

Beide christliche Kirchen wenden sich entschieden gegen eine Umwandlung von Kirchen, die geschlossen werden müssen, in Moscheen. Jede weltliche Nutzung – ob als Galerie, Restaurant, Bibliothek, kommunales Stadtteilzentrum oder Museum – ist ihnen lieber. Es kursiert die Angst vor dem falschen Signal: Das Christentum ist auf dem Rückzug, der Islam auf dem Vormarsch. Praktisch übersetzt heißt das: Es ist besser, Gott ganz aufzugeben und einst sakrale Räume zu profanisieren, als den Gläubigen einer anderen monotheistischen Religion zu helfen. An der religiösen Realität in Deutschland geht das vorbei.

Die Gruppe der Konfessionslosen in Deutschland ist inzwischen größer als die der Katholiken und Protestanten. Eine Folge dieses christlichen Schrumpfungsprozesses müsste ein Zusammenrücken der religionsgebundenen Menschen sein, ob innerchristlich als kleine Ökumene oder gemeinsam mit den abrahamitischen Religionen im Trialog der großen Ökumene. Ansätze davon gab es sowohl bei der Auseinandersetzung um ein Wahlpflichtfach Religion in Berlin als auch beim Streit über die Zulässigkeit von religiösen Beschneidungen. Je aggressiver der Atheismus auftritt, desto engmaschiger sollte das Netz der Gottgläubigen gestrickt sein. Jede Exklusion wirkt anachronistisch.

Das gilt zumindest in Europa. Christen in muslimischen Ländern werden oft verfolgt. Das Recht auf Religionsfreiheit, einschließlich der Konversion, wird dort nirgendwo gewährt. In Iran, Saudi-Arabien oder Pakistan kann es buchstäblich lebensgefährlich sein, in der Bibel zu lesen. Das gehört angeprangert, viel lauter als bisher. Doch Christen in Deutschland sollten Vorbild sein wollen, nicht Rächer. Präses Schneider sagt auch: "Muslime sind Gottes Kinder." Diesen Satz sollte er in der Praxis ernster nehmen als die latente oder manifeste Xenophobie in Deutschland, ob von Christen oder Nicht-Christen.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

255 Kommentare Seite 1 von 18 Kommentieren

Naja wenn ich sage

"nur etwas, dass..." Dann meine Ich, damit indiesem Zusammenhang ja Regeln, Sitten, Normen und Gesetze um dieses hier ja geht und nicht Naturphänomene, Pickel, Lungenkrebs, Liebe oder Hämorieden.

Gesetze, die den Menschen nicht Verständlich sind (VERSTAND!), nicht VERSTANDen werden, weil sie zu undruchsichtig sind, weil sie nicht logisch sind, nicht mit dem VERSTAND (Die Ratio) erasst werden können, hallte ich für dem Menschen nicht gerecht. Jawoll.

"32 kg Lebendmasse mit Hundegebiss auf Hüfthöhe reichen übrigens auch, um das zu merken"

Ja sicher, es entsteht dann eine negative Emtion die, die dazu führt, dass eine tat unterlassen wird. Aber um die Realtion von Tat und negative Folge zu begreifen, braucht es auch bei kleineren Lebewesen, Ratten zb, eine Grundintelligenz. Also selbst da, wo man sagen würde, dass pure Emotion reicht, braucht es INtelligenz. Erst recht bei den großen Fragen, die unser Gemeinwesen betreffen und von den Religionen erst garnicht diskutiert, weil die Antwort als gesetzt erachtete werden,.

Wenn eine Lüge gemacht wird, weil sie Beqeum ist, ist dsa doch ein rationaler Prozess. Man erkennt, dass auf eine bestimmte Aktion eine Reaktion folgt, die positiv stimuliert, also wiederholt man das Muster. Das können auch die eben erwähnten Ratten. Der Mensch ist aber zu noch viel höherem Denken befähigt, und erkennt warum im großen und ganzen viele lügen falsch sind. Dazu braucht es keine Steintafeln.

Sie haben einen Logikfehler

wenn ich sage, dass die christlichen Agitatoren in der Gesellschaft den Menschen in dieser eher schaden als nutzen, dann sage ich damit noch lange nicht, dass alle Christen der Gesellschaft schaden. Nicht wahr?

Zudem bitte ich Sie zu belegen, dass Christ-Sein bei den von Ihnen Gedachten Menschen notwendige Bedingung für ihre Leistungen war. Ist zwar irrelevant für meine These, könnte Ihnen aber zeigen, wie flach Ihr einwurf war.

Es stimmt,

es gibt eine solche Haltung, wie Sie sie von den Religiösen beschreiben - allerdings in Deutschland allenfalls am äußersten Rand des christlichen Spektrums. Noch nicht einmal die meisten Freikirchen vertreten sie, geschweige denn die größeren Konfessionen.

In de katholischen Kirche wird allerdings größeren Wert auf die offizielle Meinung gelegt, wobei das dann nicht unbedingt die biblische ist, sondern die biblische in der Auslegung der - katholischen - Tradition. Aber fragen Sie mal, wie viel davon in der Gemeinde ankommt...

Etwas anderes ist es natürlich mit den Hauptamtlichen, besonders den Priestern. Sie stehen in einem besonderen Treue- und Verpflichtungsverhältnis zur Kirche. Aber Sie werden auch nicht erleben, dass ein VW-Vertreter Werbung für Mercedes macht - und wenn, hat er Ärger am Hals.

Andergläubige

"In Bezug auf die Bibel haben Sie Recht: Es gibt Stellen, in denen den Gegnern Israels der Tod gewünscht und von "Gott" sogar angedroht wird. Eine mögliche heutige Reaktion: Ignorieren. Machen die Kirchen übrigens mit den meisten der über 600 Gebote der Bibel. Atheisten und Fundamentalisten sagen: Das dürft ihr nicht, ihr müsst gehorchen. Wir sagen: Warum? Weil "unser" Gott dann böse wird? Das regeln wir schon mit ihm. Schließlich haben wir ja den Zugang ;-)"
Stimmt, heutige Theologen sind meist Rosinenpicker. Sie sind zwar bibelkundig in den Predigten wird dann aber nur eine minimalistische Auswahl von Bibelstellen erwähnt. Das meiste, was in der Bibel steht wird ignoriert.
Und "Ihr Gott" scheint nicht der Gott, der im Munificentissimus Deus erwähnt wird, zu sein. Gemeinsam mit Peter und Paul ist der nämlich sehr böse auf mich. Und ich vermute auf sie auch.

Religion im heutigen Zeitgeist

"In Bezug auf Atheisten war Ihre Aussage wertlos, da Sie die Ungläubigen der Bibel mit den modernen Atheisten in einen Topf warfen. Nach heutigem Verständnis waren die Ungläubigen von damals aber lediglich Andersgläubige."

Das ist doch egal ob Ungläubige oder Andersgläubige, was rechtfertigt überhaupt jemanden zu töten.
Denn nach heutigen Gesichtspunkten würde ein Buch wie die Bibel umgehend indiziert werden, aus bekannten Gründen.

Eine andere Sache ist, das die Bibel wie wir sie heute kennen nicht mehr auf der Urbibel basiert, von Jahrhundert zu Jahrhundert hat immer mal wieder ein Papst einige Passagen hinzugefügt.

"Atheisten und Fundamentalisten sagen: Das dürft ihr nicht, ihr müsst gehorchen."

Religion ist ja nunmal kein Fast-Food Restaurant, wo man sich aussucht was man mag, entweder man nimmt alles oder nichts. Das gilt sowohl für's Christentum, als auch für das Judentum oder den Islam.

"Warum? Weil "unser" Gott dann böse wird?"

Christliche Gemeinschaften wie etwa die Calvinisten und diverse Evangelikalen betrachten Gott ohnehin als sehr streng und böse.

Auf der anderen Seite ist die Bibel/Koran etc. heute nicht mehr zeitgemäß wenn es jetzt z.b. um Dinge geht wie Stammzellenforschung, Kondome/Pille oder Geburtenkontrolle, das gab es alles in der Antike nicht, somit kann man solche Debatten - (und diese Thematik ist nicht selten Brennpunkt religiöser Ansichten) - nicht auf religiöser Basis führen.

Wahrheit

"Religion ist ja nunmal kein Fast-Food Restaurant, wo man sich aussucht was man mag, entweder man nimmt alles oder nichts. Das gilt sowohl für's Christentum, als auch für das Judentum oder den Islam."
Das was man gewöhnlich unter Wahrheit versteht, ist kein Fast-Food Restaurant. Wahr ist das was mit den Tatsachen übereinstimmt. Entweder man nimmt alles oder nichts.
Wahrheit ist im religiösen Kontext aber etwas anderes.

Laut Johannesevangelium liebt derjenige das Licht, der die Wahrheit tut. Haben sie schon einmal versucht, das zu tun, was ohnehin mit den Tatsachen übereinstimmt? Manchmal tun die, die "die Wahrheit tun" Gutes, manchmal Schlechtes, manchmal sind sie in ihrem Handeln auch nur geistig unflexibel.

Dann gibt es im religiösen Kontext noch höhere Wahrheiten, tiefere Wahrheiten, metaphorische Wahrheiten, personifizierte Wahrheit (Jesus ist die Wahrheit) und vielleicht noch einige Wahrheiten mehr, die mir aktuell nicht einfallen.

Für die meisten Menschen dürfte es wichtiger sein, eine Antwort, was es für Sie bedeutet, zu leben, zu finden, als zu wissen, was den Tatsachen entspricht.

Hier setzt Religion an. Allerdings ist der Preis hoch, den man zahlt, wenn man sich auf Religionen einläßt. Die Bedeutung von Wahrheit (im Sinne von den Tatsachen entsprechend) wird verwässert.

Die Sinndeutung fürs Leben basiert nicht auf einer Wirklichkeitsdeutung, sondern auf einer Legendendeutung im religiösen Kontext. Und dabei ist Rosinenpickerei möglich.

Das Thema, das Sie ansprechen,

[...] Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke. Die Redaktion/kvk

Wie ich bereits in vorherigen Kommentaren erwähnt habe, geht es mir beim Zusammenhalt der monotheistischen Religionen um die allgemeine Stärkung des Glaubens an Gott und die Menschheit, und friedlich gesinnte Atheisten/Heiden/etc. sind ebenso zu diesem "Trialog" herzlich eingeladen.