Heute, 20 Uhr, zieht sich der Stellvertreter Gottes auf Erden zurück aufs Altenteil. Der Papst wird sich zuvor von seinen Kardinälen verabschieden und dann in einem Hubschrauber entschwinden. Macht sich da einer aus dem Staub?

Zwei Wochen nach seiner Rücktrittsankündigung gibt es neue Spekulationen, warum der Papst auf sein Amt verzichtet. Der Vatikan soll von homosexuellen Netzwerken durchzogen sein, Würdenträger sollen korrupt sein und sich bereichert haben: Sodom und Gomorra hinter heiligen Mauern. Glaubt man italienischen Medien, die keine Quellen nennen, hat der Papst von diesen Dingen in einem geheimen 300-Seiten-Bericht einer Kardinalskommission zur VatiLeaks-Affäre gelesen, der ihm eine Woche vor Weihnachten vorgelegt worden ist. Hat er angesichts solch desolater Zustände im Kirchenstaat resigniert?

Benedikt XVI. hat jahrelang in der Kurie für Reformen gekämpft und viele Niederlagen erlitten. Gelungen ist es ihm, die Taten von Priestern offen zu geißeln, die sich über Jahrzehnte an ihnen anvertrauten Minderjährigen vergangen hatten – und zwar gegen die in weiten Teilen der Kirchenführung verbreitete Leugnungskultur. Gescheitert ist er aber an zwei großen binnenvatikanischen Projekten: Er wollte die Vatikanbank (IOR) und die Verwaltung neu ordnen. Die beiden Reformvorhaben wären an die Wurzeln des über Jahrhunderte gewachsenen undurchdringlichen Geflechts aus Einflusssphären, Besitzständen und Machtkämpfen gegangen. Zu viel für die konservativen Bewahrer im Vatikan.

Deutsch-italienischer Geisteskonflikt

Dieser Konflikt zwischen dem Reformwillen des Papstes und den Beharrungskräften im Vatikan lässt sich als deutsch-italienischer Geisteskonflikt lesen. Hier der Deutsche, dort die durch und durch italienisch geprägte Kurie. Ein Gegeneinander zweier Denkarten: Hier abstraktes Denken in Strukturen und davon abgeleitet eine angestrebte Kohärenz zwischen Theorie und Praxis, dort die Emotion, die Pflege von Netzwerken und eine Neigung dazu, Fünfe gerade sein zu lassen. Hier die Sachebene, dort die Beziehungsebene.

Zwar hatten die italienischen Kardinäle im Konklave Joseph Ratzinger gewählt, den Präfekten der Glaubenskongregation, dem man dort das Attribut Panzerkardinal verpasst hatte. Die meisten nahmen an, er werde im Alter von 78 Jahren keine Reformen mehr angehen. Sie gingen davon aus, ein weiterer ausländischer Papst nach dem polnischen sei in der von Italienern dominierten Geschichte des Kirchenstaates nichts als ein weiterer Betriebsunfall. Welch ein Irrtum.

Furcht vor teutonischer Strenge

Dies begann einigen gleich nach der Wahl zu dämmern, als die Springer-Presse in Deutschland titelte "Wir sind Papst". Ein neu aufgelegtes "Wir sind wieder wer". Prompt wuchs die Sorge im Vatikan: Würden eine Milliarde Katholiken jetzt, wo nach 500 Jahren wieder ein Deutscher auf dem Stuhl Petri Platz genommen hatte, mit teutonischer Strenge geführt? Zögen am Tiber deutsche Geradlinigkeit, Gründlichkeit und Prinzipientreue ein? Sollte der Vatikan am deutschen Wesen genesen?

Kurz vor seiner Wahl hatte Ratzinger vom Schmutz in der Kirche gesprochen und sie als sinkendes Schiff bezeichnet. Nun machte er sich daran, den Dreck auszukehren und das Schiff wieder flott zu machen. Doch Kapitän und Mannschaft zogen nicht an einem Strang. Der Amtsantritt Benedikts XVI. führte zu einem Clash der Mentalitäten an Bord. "Ein deutscher Papst geht gegen italienische Sitten vor? Das konnte nicht gut gehen", sagt ein Monsignore, der schon lange im Vatikan arbeitet und namentlich nicht genannt werden will.