Benedikt XVI.Der scheidende Papst ruft zum spirituellen Kampf

Eine große Menschenmenge bejubelt Papst Benedikt XVI. auf dem Petersplatz. Wird er nach seinem Abgang weiter wirken? Theologe Hans Küng warnt vor einem "Schattenpapst".

Menschen versammeln sich auf dem Petersplatz vor dem Angelus-Gebet des Papstes

Menschen versammeln sich auf dem Petersplatz vor dem Angelus-Gebet des Papstes  |  ©REUTERS/Tony Gentile

Zehntausende Menschen sind zum vorletzten Angelus-Gebet des scheidenden Papstes auf den Petersplatz in Rom gekommen. Benedikt XVI. sprach vom Fenster seines Arbeitszimmers zu der jubelnden Menge.

Er rief die Anhänger des katholischen Glaubens zur Erneuerung auf. Sie sollten "sich neu Gott zuwenden, um Hochmut und Egoismus zu begegnen". Dies bedeute einen "spirituellen Kampf, weil der Geist des Bösen versucht, uns vom Weg zu Gott abzubringen". Benedikt dankte den Menschen für ihre Unterstützung in diesen "besonderen Tagen für mich und für die Kirche".

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Laut Vatikan waren etwa 50.000 Menschen auf dem Petersplatz, Bürgermeister Gianni Alemanno sprach sogar von mehr als 100.000. Rund 1.000 Einsatzkräfte und 200 Freiwillige waren in Rom im Einsatz. Die Straßen rund um den Petersplatz wurden gesperrt, der Nahverkehr verstärkt.

Am kommenden Sonntag folgt Benedikts letztes Angelus-Gebet, am Mittwoch darauf seine letzte Generalaudienz. Allein dafür lagen bis Samstag schon 35.000 Anfragen von Pilgern vor.

Konklave wird vielleicht vorgezogen

Der Vatikan erwägt, das Konklave zur Wahl des neuen Kirchen-Oberhauptes vorzuziehen. Üblicherweise gibt es eine Frist von 15 bis 20 Tagen, bis die Kardinalsversammlung zusammenkommt. Diese Regelung gilt aber für den Normalfall, dass das Amt frei wird, nachdem ein Papst gestorben ist. So sollen die Kardinäle Zeit bekommen, um aus aller Welt nach Rom zu reisen.

Benedikt hatte vor einer Woche überraschend angekündigt, zum 28. Februar zurückzutreten. Da sich die Kardinäle nach dieser Ankündigung aber vorbereiten könnten, sei es möglich, den Beginn des Konklaves vorzuziehen, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Das würde bedeuten, dass die Versammlung aus knapp 120 Kardinälen bereits vor dem 15. März zusammenkommen könnte, um den nächsten Papst zu bestimmen.

Theologe warnt vor "Schattenpapst"

Der Theologe Hans Küng kritisierte den Rücktritt. "Es droht mit Benedikt XVI. ein Schattenpapst, der zwar abgedankt hat, aber indirekt weiter Einfluss nehmen kann", sagte Küng dem Spiegel.

Er befürchte nach dem Rücktritt Benedikts einen Machtkampf im Vatikan. Als Nachfolger wünschte sich Küng "einen Papst, der geistig nicht im Mittelalter lebt".

Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich vom künftigen Papst Reformen in der katholischen Kirche. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor. 80 Prozent der Befragten befürworten demnach Reformen etwa im Bereich der Sexualmoral oder beim Zölibat. Nur sieben Prozent wollen das nicht. 77 Prozent stellen zugleich fest, dass der Papst mit seinem Wirken keine Bedeutung für ihren Alltag hat.

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte verzichten Sie auf Beleidigende Äußerungen. Wir wünschen uns konstruktive und argumentative Diskussionen. Danke, die Redaktion/fk.

    6 Leserempfehlungen
  2. 2. [...]

    Entfernt, ebenfalls kein konstruktiver Beitrag. Die Redaktion/fk.

    3 Leserempfehlungen
  3. "Als Nachfolger wünschte sich Küng "einen Papst, der geistig nicht im Mittelalter lebt"."

    Eine mehr als treffende Beschreibung der Erscheinung des scheidenden Papstes!!
    Mit der ersten Ankündigung, dass nur der kath. Glaube der wahre Glaube sei und kurz danach der Angriff auf den Islam, der noch im Mittelalter stehen würde, hat der Papst großen Schaden hinterlassen. Von der Rolle der Frau in der Kirche ganz zu schweigen.

    Vll. ist ja die Zeit gekommen, wo die Menschen der Gegenwart sich als selbstbewusste Wesen begreifen, die es nicht mehr nötig haben, sich von selbsternannten "Vertretern Gottes", was schon eine Blasphemie an sich darstellt!!!vorschreiben zu lassen, was sie zu denken, zu fühlen und zu glauben haben?

    8 Leserempfehlungen
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    • lxththf
    • 17. Februar 2013 18:34 Uhr

    der katholischen Kirche beizutreten? Eher nicht. Und das sich die katholische Kirche als einzig richtige betrachtet liegt in der Natur der Dinge. Es ist ähnlich wie mit Parteien. Da glaubt auch jede einzelne, die einzig richtigen Antworten zu kennen.
    Ich finde es sehr interessant, was sich die Deutschen so alles wünschen. Was ich dabei nur nie verstanden habe ist, dass man sich problemlos auch anderen oder keiner Religion zuwenden kann.
    Natürlich wäre es angenehm, wenn die Entwicklung zeitgenössischer wird, aber inwiefern dies mit der katholischen Kirche wirklich vereinbar ist, sei einmal dahingestellt.
    Die Stärke des Katholizismus liegt nicht in seiner Haltung zu Fragen der Verhütung oder Sexualmoral, sondern eher im individuellen Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen. Die Lebensrealität der meisten Katholiken, vor allem den jüngeren ist sowieso eine andere, von daher ...

    Verzichten Sie bitte auf pauschalisierende Äußerungen. Danke, die Redaktion/fk.

    ...mutet es an, wenn einerseits soviele Leute erklären, der Papst hätt kaum Bedeutung für sie, sie sich andererseits aber den Mund fusselig reden, was sie sich für Reformen wünschen. Was gehen Nicht-Katholiken letztlich die Reformen oder Nicht-Reformen der Kirche an? (Die Frage lässt sich natürlich problemlos ausweiten auf andere Religionsgemeinschaften - ich verlange auch keine 'Reformen' von den Salafis...). Es ist auch erstaunlich, wie sich Leute in theologische Fragen einzumischen meinen, von denen sie eigentlich gar nichts verstehen (siehe Ökumene, Zölibat etc.).
    Und diese ganze Theologen, die jetzt überall hervorkommen und den Untergang des Abendlandes an die Wand malen, weil ein Papst zurückgetreten ist - das ist doch alles nur Wichtigtuerei. Man soll Benedikt in Frieden lassen, er ist ja nun bald Privatmann.
    Im Übrigen sollte man mal bedenken, dass keine Institution 2000 Jahre lang unter Beibehaltung ihrer Identität (im Großen und Ganzan) übersteht, wenn sie sich ständig nach der Mode richtet und ihre Überzeugungen permanent über Bord wirft. Dafür gibts die FDP ;)

  4. 4. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/mak

    2 Leserempfehlungen
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    Der Papst ruft zum "spirituellen Kampf" auf. Auch in den Kommentarseiten bei Zeit Online konnte ich in der Vergangenheit immer wieder lesen, dass "spiritueller Kampf" in Windeseile in echten, physischen Kampf umschlagen kann. Allerdings nur im Zusammenhang mit dem Islam.

    Jetzt nutzt der Papst Kampfrhetorik und das wird unwidersprochen hingenommen?

    Zu meinem vorherigen Kommentar: Aufrufe zum Kampf von religiösen Führern werden gemeinhin als Bedrohung wahrgenommen. Diesen Bedrohungen begegnen westliche Nationen mittlerweile gerne mit Drohnen (auch Deutschland plant das ja).

  5. warum nochmal soll man an den gott glauben wenn man hochmut und egoismus bekämpfen will?

    können es auch nicht kath., ja viel. sogar nicht-christliche götter sein?

    warum soll man überhaupt götter dazu brauchen?

    und hat er wirklich wörtlich gesagt "(die menschen sollen) sich neu Gott zuwenden, um Hochmut und Egoismus zu begegnen"?
    ist das selbstkritisch oder nur ein formulier-eigentor?

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    Eigentlich sollte man in der Theologie nach der Wahrheit suchen, erst dann kommt der zweite Schritt in dem man überprüfen kann, ob es das ist, was wir gern hätten.

    "Warum nochmal soll man an den gott glauben wenn man hochmut und egoismus bekämpfen will?"

    Der Hochmut besteht genau darin - in dem Glauben, es OHNE Gott zu schaffen.

    Wir sind unsere eigenen Götter und erschaffen uns unser eigenes Paradies!
    Das 20. Jahrhundert ist die Probe aufs Exempel, wohin eine solche Selbstüberschätzung des Menschen führt.

    Wie soll Hochmut verhindert werden, wenn es vermutete Wesen und selbsternannte Stellvertreter gibt, die sich in riesigen und prunkvollen Kathedralen anbeten lassen?
    Die katholische Kirche an sich ist hochmütig und wehrt sich gegen gemeinsame Gottesdienste mit anderen, selbst mit christlichen Religionen. Bigott, selbstgefällig, feudalistisch, undurchsichtig, überheblich und hochmütig - so ist die vom Vatikan repräsentierte Religion. Krasseste Beispiele sind die undurchsichtige Finanzpolitik des Vatikan, das Verhalten gegenüber vergewaltigten Frauen und der Schutz von Religionsvertretern, die Kinder missbraucht haben.
    Die Kirche reserviert den Reichen und Mächtigsten einen Platz in der ersten Reihe ihrer Gotteshäuser und ruft die Armen zu Demut und Hoffnung nach ihrem Tode auf. Stillhalteappelle. Religion als Opium für Arme, damit Mächtige und Reiche sich ungeniert an den Reichtümern der Welt und der Gesellschaften bedienen können.

    • tanit
    • 17. Februar 2013 18:25 Uhr

    Da haben Sie ihrem Klerus endlich mal den Spiegel vorgehalten.

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  6. Das zu begreifen fällt den hiesigen Mitgliedern der Kirche und vor allen Dingen auch den Nichtmitgliedern, oft sehr schwer zu verstehen. Die meisten sehen sich als die einzig relevante Zielgruppe des Vatikans und der deutschen Niederlassungen.

    Aber die Wahrheit ist, dass sich das Schicksal der katholischen Kirche nicht zwischen Rhein und Oder entscheiden wird. Denn auch der Katholizismus ist eine globale Bewegung. Wie auch in vielerlei anderer Hinsicht unterscheidet sich die Sicht der Dinge von Afrikanern, Südamerikanern und Asiaten doch oft fundamental von der stark säkularen Sicht der Mitteleuropäer, ganz besonders der Deutschen.

    Da kann sich Herr Küng, in Deutschland sehr medienwirksam übrigens, einen Papst aus der Aufklärung, der Renaissance oder auch aus der Postmoderne wünschen, sein Wunsch wird verhallen. Etnscheiden tun hier andere und wir dürfen das gern kritisieren, aber es wird außer uns, keiner zuhören. Das ist der Preis, wenn man sich von den Standpunkten der Kirche so wesentlich entfernt. Dann verliert man eben auch sein Mitspracherecht.

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    vielleicht sind die lateinamerikanischen Katholiken ihrer Führung schon voraus. In Argentinien gibt es die gleichgeschlechtliche Ehe schon seit 2010, mittlerweile auch in einigen brasilianischen Bundesstaaten. Gleiches gilt auch für Südafrika (wenn das auch ein protestantisch geprägtes Land ist).

    http://en.wikipedia.org/w...

    • ZH1006
    • 17. Februar 2013 19:20 Uhr

    verliert niemand "sein Mitspracherecht", dass ist in einer freien Gesellschaft nicht möglich und vorgesehen, das Mitspracherecht ist im Grundgesetz verankert. Das gilt auch für Menschen, die, zurecht und weil sie es wissen müssen, eklatante Rückständigkeit in der RKK kritisieren und beklagen und deshalb von Teilen deren Anhängerschaft wie Aussätzige und Nestbeschmutzer behandelt werden, weil Aufklärung und Kritik bei Kirchenfürsten unerwünscht sind.

    dass ich mit dem Begriff "spiritueller Kampf" nichts anfangen kann. Schon gar nicht mit dem Wissen, dass in der RKK niemand ein Mitspracherecht hat. Nicht einmal in eigener Sache. Der Umgang mit Kritikern ist bekannt.

    Auch kann ich kein von Küng dem Papst unterstelltes "Intrigantentum" erkennen. Personalpolitische Intrigen sollen auch im Vatikan nichts ungewöhnliches sein. Sind aber wohl etwas anderes als Dogmen.

  7. das er noch nicht einmal begründet: Welche Macht soll ein abgedankter Papst denn noch haben, "um indirekt Einfluss zu nehmen"? Ohnehin ist Hans Küngs Stellungnahme in sich widersprüchlich. Im Bruch mit der Jahrhunderte alten Tradition kündigt ein Papst seinen Rücktritt an, und dann ist es dem selbsternannten Modernisten Küng auch wieder nicht recht. Offensichtlich wurde Küng von Papst Benedikts überraschender Rücktrittsankündigung kalt erwischt.

    16 Leserempfehlungen
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    • Mari o
    • 17. Februar 2013 19:01 Uhr

    Küng kennt Ratzinger persönlich.
    Aber der Papst Benedikt hat noch mal so viel Wind gemacht,dass nur
    noch die Wahl Gänsweins zum Papst,eine Steigerung darstellen würde

    Zutreffender lässt sich die durchaus berechtigte Befürchtung Küngs schon allein im Hinblick auf den künftigen päpstlichen Ruhesitz Benedikts XVI. inmitten des Vatikans nicht in einem Wort ausdrücken:

    "...Sicher ist, dass Benedikt XVI.- „wir nennen ihn auch künftig so“ -, sagt Pressesprecher Lombardi – „den fundamentalen Kern der päpstlichen Familie“ mit in den Klosterbau nehmen wird: die vier Frauen aus der Laien-Schwesterngemeinschaft „Memores Domini“, die ihm bisher schon den Haushalt führen, und vor allem seinen Privatsekretär Georg Gänswein....
    Frisch zum Erzbischof geweiht und zum „Präfekten des Päpstlichen Hauses“ befördert, bleibt er zuständig für den Terminkalender des neuen Papstes: Gänswein teilt Audienzen zu (oder auch nicht) und überwacht damit Ein- und Ausgang im „Appartamento“.
    Und von seiner Dachterrasse aus, wenn er es darauf anlegt, behält Benedikt XVI. auch optisch den Überblick..."
    http://www.tagesspiegel.d...

    Das Konklave wird schon einen ausersehen, auf dem der Blick des Alten wohlgefällig ruhen kann...

    dass ihm die Lehrerlaubnis entzogen wurde.

    Herr Küng ist wahrlich kein genialer Theologe und noch weniger ein souveräner Denker, sondern verheddert sich immer wieder im Klein-Klein des Zeitgeistes, den er für die letzte Wahrheit nimmt. Seine "Analysen" - auch jetzt wieder - sind nur polemisch und dienen lediglich dem Zweck, den ihm verhassten Papst in ein schlechtes Licht zu rücken, notfalls durch Unterstellung eines Interesses, das der Past ganz sicher nicht hat, sonst hätte er sein Amt nicht aufgegeben. An solchen Reaktionen, wie der jetzigen von Küng, zeigt sich, wie bösartig eine bestimmte Spielart der "Reformer" ist und welchen Begriff diese von Redlichkeit haben.

    Die Kirche tut gut daran, sich auch künftig von solchen Lehren fernzuhalten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, Reuters, rav
  • Schlagworte Hans Küng | Katholische Kirche | Alltag | Arbeitszimmer | Federico Lombardi | Gianni Alemanno
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