Zehntausende Menschen sind zum vorletzten Angelus-Gebet des scheidenden Papstes auf den Petersplatz in Rom gekommen. Benedikt XVI. sprach vom Fenster seines Arbeitszimmers zu der jubelnden Menge.

Er rief die Anhänger des katholischen Glaubens zur Erneuerung auf. Sie sollten "sich neu Gott zuwenden, um Hochmut und Egoismus zu begegnen". Dies bedeute einen "spirituellen Kampf, weil der Geist des Bösen versucht, uns vom Weg zu Gott abzubringen". Benedikt dankte den Menschen für ihre Unterstützung in diesen "besonderen Tagen für mich und für die Kirche".

Laut Vatikan waren etwa 50.000 Menschen auf dem Petersplatz, Bürgermeister Gianni Alemanno sprach sogar von mehr als 100.000. Rund 1.000 Einsatzkräfte und 200 Freiwillige waren in Rom im Einsatz. Die Straßen rund um den Petersplatz wurden gesperrt, der Nahverkehr verstärkt.

Am kommenden Sonntag folgt Benedikts letztes Angelus-Gebet, am Mittwoch darauf seine letzte Generalaudienz. Allein dafür lagen bis Samstag schon 35.000 Anfragen von Pilgern vor.

Konklave wird vielleicht vorgezogen

Der Vatikan erwägt, das Konklave zur Wahl des neuen Kirchen-Oberhauptes vorzuziehen. Üblicherweise gibt es eine Frist von 15 bis 20 Tagen, bis die Kardinalsversammlung zusammenkommt. Diese Regelung gilt aber für den Normalfall, dass das Amt frei wird, nachdem ein Papst gestorben ist. So sollen die Kardinäle Zeit bekommen, um aus aller Welt nach Rom zu reisen.

Benedikt hatte vor einer Woche überraschend angekündigt, zum 28. Februar zurückzutreten. Da sich die Kardinäle nach dieser Ankündigung aber vorbereiten könnten, sei es möglich, den Beginn des Konklaves vorzuziehen, sagte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Das würde bedeuten, dass die Versammlung aus knapp 120 Kardinälen bereits vor dem 15. März zusammenkommen könnte, um den nächsten Papst zu bestimmen.

Theologe warnt vor "Schattenpapst"

Der Theologe Hans Küng kritisierte den Rücktritt. "Es droht mit Benedikt XVI. ein Schattenpapst, der zwar abgedankt hat, aber indirekt weiter Einfluss nehmen kann", sagte Küng dem Spiegel.

Er befürchte nach dem Rücktritt Benedikts einen Machtkampf im Vatikan. Als Nachfolger wünschte sich Küng "einen Papst, der geistig nicht im Mittelalter lebt".

Eine große Mehrheit der Deutschen wünscht sich vom künftigen Papst Reformen in der katholischen Kirche. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hervor. 80 Prozent der Befragten befürworten demnach Reformen etwa im Bereich der Sexualmoral oder beim Zölibat. Nur sieben Prozent wollen das nicht. 77 Prozent stellen zugleich fest, dass der Papst mit seinem Wirken keine Bedeutung für ihren Alltag hat.