Während der Abschiedsfeier von Benedikt XVI. in Rom © Peter Macdiarmid/Getty Images

Um 10:52 Uhr breitet Papst Benedikt XVI. noch einmal die Arme aus und versetzt seine Anhänger auf dem Petersplatz in Jubel. Es wehen Banner und Fahnen, selbstgebastelte rote Herzen aus Pappmaché werden geschwenkt. Bereits am frühen Morgen hatten die bayerischen Gebirgsschützen mit Blasmusik aufgewartet.

Verglichen mit den vergangenen Monaten sieht Benedikt XVI. bei seiner letzten Generalaudienz besser aus. Das war auch schon am vergangenen Sonntag augenfällig. Da betete er mit Zehntausenden Menschen den Angelus auf dem Petersplatz und wirkte so gelöst wie lange nicht mehr.

Rund 150.000 Anhänger sind diese Woche in den Vatikan gereist, um mit Benedikt Abschied zu feiern. Viele davon aus seiner Heimat Bayern. Wo immer Benedikt auf dem Petersplatz die bayerische Fahne sieht, winkt er und bewegt die Finger wie gewohnt, so als würde er Klavier spielen.

Als das Papamobil durch die Menge fährt und die Gebirgsschützen passiert, reißt der Papst erfreut die Augen auf. Schon als Kardinal wurde Ratzinger Ehrenmitglied der Kompanie Tegernsee, eines scheinbar aus der Zeit gefallenen Schützenbundes. Die Mitglieder des Vereins standen zu ihm, als er "Panzerkardinal" genannt wurde und die "Wir sind Papst"-Euphorie in Deutschland längst verflogen war. Auch jetzt halten sie zu ihm und tragen seinen Rücktritt mit. "Es ist schad, aber gut so", sagt einer.

Keine große Gesten

Die Emotionen auf dem Platz sind deutlich spürbar. Doch das Zeremoniell der Generalaudienz nimmt dem Moment etwas von seiner besonderen Bedeutung. Benedikt verzichtet auf große Gesten.

Benedikt war noch nie ein Mann großer Gesten. Er ist und bleibt ein Mann des Wortes. Die Worte, die er heute spricht, verbreiten eine gewisse Melancholie auf dem Petersplatz.

Benedikt dankt den Gläubigen, "dass ihr meine Entscheidung, die ich vor dem Herrn zum Wohl der Kirche getroffen habe, mit Respekt und Verständnis aufgenommen habt". Er sei sich bewusst, wie "wichtig" und ungewöhnlich sein Rücktritt sei. Seinen Entschluss habe er dennoch in "Gelassenheit" getroffen.

Rückkehr ins Private undenkbar

Noch einmal redet Benedikt sein typisches Italienisch mit bayerischem Akzent, noch einmal mag ihm das "th" bei den Grüßen an die "Pilger englischer Sprache" nicht recht gelingen. "Der Herr hat mich immer geführt und war mir nahe", sagt Benedikt XVI. mit gebrochener Stimme in deutscher Sprache, "in Zeiten der Freude und des Lichts, aber auch in schwierigen Zeiten".

Was aus seiner Amtszeit wird er wie verbuchen? Zu den Zeiten der Freude sicher die Reise nach Bayern 2006, überhaupt die Reisen und Begegnungen mit Gläubigen. Jene Momente, in denen die Öffentlichkeit nicht, wie er einmal sagte, "sprungbereit" schien, jede Geste, jedes Wort in gut oder schlecht einzuordnen.

Unfähigkeiten, Eitelkeiten und Verfehlungen im Vatikan

Zu den schwierigen Zeiten wird er jede Stunde rechnen, in der er sich vom Wesentlichen ablenken lassen musste und sich mit den Verfehlungen seiner eigenen Hirten, den Eitelkeiten und manchmal der Unfähigkeit in der kirchlichen Bürokratie beschäftigen musste. Vielleicht hat es ihm mit VatiLeaks endgültig gereicht.

"Viva il Papa", rufen seine Anhänger auf dem Petersplatz, "Benedikt XVI. für immer" steht auf Plakaten. Italienische Schulklassen skandieren: "Benedetto". Kann es sein, dass sich ein Papst von der ihm tausendfach gezeigten Verehrung einmal entwöhnen kann?

Benedikt scheint mit sich, Gott und der Kirche im Reinen zu sein. Während der Audienz gibt er seine Interpretation des Rücktritts: "Für mich gibt es kein Zurück mehr, keine Rückkehr ins Private. Ich trage nicht mehr die Macht des Amts, aber ich bleibe im Dienst des Gebets."

Gut eine Stunde nach dem Beginn, es ist jetzt 11.58 Uhr, spendet er zum letzten Mal als amtierender Papst den Segen. Später schreibt er noch eine Botschaft an seine 1,6 Millionen Follower auf Twitter: "Mein Wunsch ist es, dass ein jeder von uns die Freude spürt, Christ zu sein und von Gott geliebt zu sein, der uns seinen Sohn geschenkt hat."