Letzte AudienzBenedikt scheint mit sich im Reinen

Er wirkte gelöst, sah besser aus als zuletzt: Papst Benedikt XVI. hat sich von seinen Anhängern in einer bewegenden Feier verabschiedet. von Martin Zöller

Während der Abschiedsfeier von Benedikt XVI. in Rom

Während der Abschiedsfeier von Benedikt XVI. in Rom  |  © Peter Macdiarmid/Getty Images

Um 10:52 Uhr breitet Papst Benedikt XVI. noch einmal die Arme aus und versetzt seine Anhänger auf dem Petersplatz in Jubel. Es wehen Banner und Fahnen, selbstgebastelte rote Herzen aus Pappmaché werden geschwenkt. Bereits am frühen Morgen hatten die bayerischen Gebirgsschützen mit Blasmusik aufgewartet.

Verglichen mit den vergangenen Monaten sieht Benedikt XVI. bei seiner letzten Generalaudienz besser aus. Das war auch schon am vergangenen Sonntag augenfällig. Da betete er mit Zehntausenden Menschen den Angelus auf dem Petersplatz und wirkte so gelöst wie lange nicht mehr.

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Rund 150.000 Anhänger sind diese Woche in den Vatikan gereist, um mit Benedikt Abschied zu feiern. Viele davon aus seiner Heimat Bayern. Wo immer Benedikt auf dem Petersplatz die bayerische Fahne sieht, winkt er und bewegt die Finger wie gewohnt, so als würde er Klavier spielen.

Als das Papamobil durch die Menge fährt und die Gebirgsschützen passiert, reißt der Papst erfreut die Augen auf. Schon als Kardinal wurde Ratzinger Ehrenmitglied der Kompanie Tegernsee, eines scheinbar aus der Zeit gefallenen Schützenbundes. Die Mitglieder des Vereins standen zu ihm, als er "Panzerkardinal" genannt wurde und die "Wir sind Papst"-Euphorie in Deutschland längst verflogen war. Auch jetzt halten sie zu ihm und tragen seinen Rücktritt mit. "Es ist schad, aber gut so", sagt einer.

Keine große Gesten

Die Emotionen auf dem Platz sind deutlich spürbar. Doch das Zeremoniell der Generalaudienz nimmt dem Moment etwas von seiner besonderen Bedeutung. Benedikt verzichtet auf große Gesten.

Benedikt war noch nie ein Mann großer Gesten. Er ist und bleibt ein Mann des Wortes. Die Worte, die er heute spricht, verbreiten eine gewisse Melancholie auf dem Petersplatz.

Benedikt dankt den Gläubigen, "dass ihr meine Entscheidung, die ich vor dem Herrn zum Wohl der Kirche getroffen habe, mit Respekt und Verständnis aufgenommen habt". Er sei sich bewusst, wie "wichtig" und ungewöhnlich sein Rücktritt sei. Seinen Entschluss habe er dennoch in "Gelassenheit" getroffen.

Leserkommentare
  1. Schade, dass er abdankt. Aber er hatte es auch nicht einfach. Der Missbrauchsskandal wurde während seiner Amtszeit aufgedeckt, der in Nordamerika ins Rollen kam, nach Deutschland herüberschwappte und nicht mehr enden wollte,
    war für die Kirche ein Faustschlag ins Gesicht.
    Später hielt ihn die Vatileaks Affäre auf Trab. Er saß in einem leck geschlagenem Ruderboot und schöpfte nur noch Wasser.
    Wären die Skandale ein Jahrzehnt früher aufgedeckt worden, wäre Johannes Paul II. vielleicht der Buhmann. Aber es traf Benedikt.
    Harte Zeiten fordern Tribut.

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    Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass JR von diesen Vorgängen, die Sie nennen bzw. auf die Sie anspielen, nicht vor seiner Wahl schon viel gewusst hat (oder haben müsste). Immerhin war er Leiter des vatikanischen Geheimdienstes. Ich frage mich, ob sein damals geäußerter Wunsch, bitte NICHT gewählt zu werden, nicht hauptsächlich damit zu tun hatte, dass er von vornherein wusste, dass er diesem gewaltigen Unrat innerhalb der Ränge seiner Amtskirche nicht gewachsen sein würde.
    Aber er hat es wenigstens, und ich denke, nach besten Kräften, versucht. Das ehrt ihn, und dass er es jetzt lieber aufgibt, statt sich vollends zu ruinieren und einen ähnlichen bühnenreifen Opfertod zu zelebrieren wie weiland sein Vorgänger, das ehrt ihn -und sein Amt- letzten Endes noch mehr. Jeder Vorgänger einer Organisation sollte wissen, wann er abgehen sollte. Dass jetzt unklar ist, wohin die Reise gehen wird, hat hauptsächlich damit zu tun, dass der Papst seinen Nachfolger nicht "vorbereiten" kann, anders als es in weltlichen Unternehmen manchmal geschieht - aber es ist nicht Schuld des heute Abtretenden.

    • voy
    • 28. Februar 2013 6:54 Uhr

    Wenn man das ein bißchen verfolgt hat was da so alles in der Kirche los ist, dann werde ich das Gefühl nicht los, dass das Ganze mich an die Machtkämpfe einer Partei erinnert. Postengerangel, Politikeinflussnahme, mit Thesen von vorgestern, ich denke da nur an die Kondom-Geschichte.. die Aids-kranken in Africa werdens ihm danken..Die pille danach, vor allem die ganzen Missbrauchsfälle. Wo bitte ist der Unterschiede der kath. Kirche zu einem Konzern, Grossunternehmen, Partei, etc`?---Den einzigen Unterschied den ich sehe ist der selbstaufgesetzte Heiligenschein,..ist nur die Frage ob der auch real ist. Als moralische Instanz hat die Kirche für mich längst ausgedient,- insofern , da ich von der Kirche so gut wie keine erfolgversprechende Änderungen z.B. an den sozialen MIssverhältnissen dieser Zeit erwarte, ist es mir ziemlich wurscht ob der zurücktritt und wer danach kommt. Amen

  2. Ich höre dieses Wort oft in Bezug auf den Papst. Was aber ist Intellektualität? Wie wäre es liebe ZEIT dazu einen Artikel zu schreiben?
    Niemand in meiner Umgebung kann mir sagen, was Intellektualität ausmacht.
    Und wenn ich einen Wiki-Artikel auf den Papst anwende, werde ich unsicher...

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    • inecht
    • 28. Februar 2013 8:38 Uhr

    ,die mit brutaler Gewalt in den Schoss der heiligen katholischen Kirche gezwungen wurden, war solch ein friedlich harmonischer Abschied nicht gegönnt.

  3. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, dass JR von diesen Vorgängen, die Sie nennen bzw. auf die Sie anspielen, nicht vor seiner Wahl schon viel gewusst hat (oder haben müsste). Immerhin war er Leiter des vatikanischen Geheimdienstes. Ich frage mich, ob sein damals geäußerter Wunsch, bitte NICHT gewählt zu werden, nicht hauptsächlich damit zu tun hatte, dass er von vornherein wusste, dass er diesem gewaltigen Unrat innerhalb der Ränge seiner Amtskirche nicht gewachsen sein würde.
    Aber er hat es wenigstens, und ich denke, nach besten Kräften, versucht. Das ehrt ihn, und dass er es jetzt lieber aufgibt, statt sich vollends zu ruinieren und einen ähnlichen bühnenreifen Opfertod zu zelebrieren wie weiland sein Vorgänger, das ehrt ihn -und sein Amt- letzten Endes noch mehr. Jeder Vorgänger einer Organisation sollte wissen, wann er abgehen sollte. Dass jetzt unklar ist, wohin die Reise gehen wird, hat hauptsächlich damit zu tun, dass der Papst seinen Nachfolger nicht "vorbereiten" kann, anders als es in weltlichen Unternehmen manchmal geschieht - aber es ist nicht Schuld des heute Abtretenden.

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    Antwort auf "Ich find's schad"
    • ffes
    • 28. Februar 2013 11:22 Uhr

    "Wir sind Papst"
    oder Wescha "ex cathedra"

    Antwort auf "Der Letzte"
    • Wescha
    • 01. März 2013 9:50 Uhr

    Nulla salus extra ecclesiam

    Antwort auf "Der Letzte"

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