Papst : Mein Leben mit Benedikt

Die Theologin und Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann hat einst mit Joseph Ratzinger studiert. Hier beschreibt sie, welche Hoffnungen sie hatte, als er Papst wurde.

Ja, tatsächlich, ich habe fast mein ganzes Leben mit Benedikt verbracht. Fühlte mich ihm seit 1953 verbunden, hielt seine Briefe an mich für "freundlich". Und wenn mein Sohn sagte: "Nein, Mama, der Brief ist nicht freundlich", dann glaubte ich, dass der Brief doch freundlich ist.

Aber von vorn: 1953 war ich zum Schrecken meiner geliebten, frommen evangelischen Eltern zum Katholizismus konvertiert. Der Grund, mein Grund war: Ich hatte mich auf der Schulbank des Essener Burggymnasiums mit Edmund Ranke verlobt. Und weil mein Verlobter, der eigentlich Mönch werden wollte, so tolerant war und ich deswegen glaubte, alle Katholiken sind toleranter als die Protestanten, wurde ich also katholisch und geriet dann leider von der Bratpfanne ins Feuer, wie die Engländer das nennen.

Und so kam ich nach München. Ratzinger fiel mir damals auf als sehr intelligent. Er war der Star unter den Studenten. Und ich sehe uns noch, wie wir beide einsam in einem der großen Hörsäle nebeneinander saßen und die Thesen unserer Doktorarbeiten ins Lateinische übersetzten. Eine gegenseitige Achtung ist seitdem geblieben. Ich hatte damals unter den Studenten einen Übersetzungspartner gesucht, der für mich als Verlobte infrage kam und mir nicht plötzlich einen Kuss auf die Backe drücken würde, wenn wir stundenlang mutterseelenallein abends in einem der großen, leeren Hörsäle saßen.

Uta Ranke-Heinemann

Uta Ranke-Heinemann, Jahrgang 1927, ist Theologin und Kirchenkritikerin. Die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Gustav Heinemann studierte zunächst evangelische Theologie. 1953 konvertierte sie zum Katholizismus und studierte katholische Theologie. Sie war die erste Frau weltweit, die in diesem Fach einen Lehrstuhl innehatte. Bekannt wurde sie durch ihre Kritik am Dogma der Jungfrauengeburt. 1987 wurde ihr deshalb der Lehrstuhl an der Universität Essen entzogen.

In ihrem Hauptwerk Eunuchen für das Himmelreich von 1988 (2012 ergänzt um Kapitel u.a. zu Papst Benedikt XVI.) schreibt sie über die katholische Sexualmoral. Sie legt eine Anfälligkeit Geistlicher für Pädophilie nahe. In Nein und Amen von 2002 schreibt sie über "Mein Abschied vom traditionellen Christentum".

Ratzinger promovierte damals bei Professor Söhngen, einem sehr angesehenen Gelehrten. Ratzinger war sein Lieblingsstudent. Eines Morgens begann Professor Söhngen seine Vorlesung im überfüllten großen Hörsaal mit den Worten: "Hieronymus wachte auf und seufzte: 'Der Weltkreis ist arianisch.'"Und ich wachte auf und seufzte: "Der Weltkreis ist marianisch."

Der ganze Hörsaal lachte über den "marianisch" gewordenen Weltkreis, einschließlich Ratzinger. 1950, also kurz zuvor, hatte nämlich Pius XII. die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel als neues Mariendogma verkündet. Ich dachte also, dass Ratzinger den extremen Jungfräulichkeitskult nicht teilte. Und das dachte ich auch die nächsten Jahrzehnte noch.

Weihnachten wurde ein Marienfest

Beispiel: Weihnachten. Dieses Fest war vor Johannes Paul II. bekannt unter der Bezeichnung: "Heute ist uns der Retter geboren". Oder so ähnlich. Weihnachten 24. Dezember 1992 jedoch, in der Mitternachtsmesse der ARD, kündigte Kardinal Sterzinsky das Weihnachtsgeschehen so an: "Heute feiern wir den Tag, an dem Maria in unversehrter Jungfräulichkeit ihren Sohn geboren hat". Vorher hatte Johannes Paul II. schon den ganzen Advent über von der nahe bevorstehenden Entbindung der jungfräulich empfangen habenden, immerwährenden Jungfrau gepredigt. Christentum war Jungfrauenkult geworden und Weihnachten ein Marienfest. Ich dachte: Ratzinger schweigt, denn "Wes' Brot ich ess, des Lied ich sing."

Als Ratzinger Papst wurde, freute ich mich riesig. Und als er dann zum Weltjugendtag nach Köln kam, äußerte ich im Fernsehen am Rheinufer stehend, wo Ratzinger erwartet wurde, meine Hoffnung auf seine reformatorische Tat. Ich sagte: Es ist der erste Besuch eines deutschen Papstes im Lande Luthers, 500 Jahre nach der Abspaltung Luthers und 1.000 Jahre nach der großen Spaltung zwischen Ost- und Westkirche. Beide Spaltungen erfolgten wegen des Priesterzölibats. Und da ja der Zölibat nicht einmal ein Dogma sei, sondern laut Päpsten jederzeit abgeschafft werden könne, setzte ich meine Hoffnung auf ihn, Papst Benedikt.

Als ersten Schritt schlug ich dem Papst die Praxis der Ostkirche vor, in der die Priester verheiratet sind, lediglich die Bischöfe nicht. Als zweiten Schritt dann die Praxis der evangelischen Kirche, wo alle Pfarrer verheiratet sind bis hinauf zur Bischöfin.

Ich hielt damals eine Seite der papstfreundlichen italienischen Illustrierten Oggi vom 3. August 2005 in die Kamera. Zu sehen war darauf ein Foto des Papstes, wie er sich im Urlaub angeregt mit dem 10-jährigen Jungen Mattia unterhält. Die Überschrift des Artikels: "Wenn ich groß bin, möchte ich Papst werden, aber nur, wenn ich heiraten kann und eine schöne Familie (una bella famiglia) haben kann wie bei uns zu Hause mit meinem Bruder." Dass das Foto von höchster Stelle, nämlich vom Pressesprecher des Vatikans, Joaquin Navarro Valls, aufgenommen war, einem Opus-Dei Mitglied mit größtem Einfluss auf Johannes Paul II., schien mir eine Wende im Vatikan anzudeuten.

Ja, ich hatte tatsächlich Hoffnung, das Papst Benedikt die Sexual- und Frauenfeindlichkeit seines Vorgängers überwinden könnte.

Welch Riesenirrtum von mir!

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Kommentare

64 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

nicht nur Sie, sondern die römische Kurie

hat sich längst von Ökumene verabschiedet.

In Bezug auf die Einheitsübersetzung von "ökumenischem Entgegenkommen" zu sprechen ist ein Scherz! Nicht umsonst hat sich die EKD 2005 von der Revisionsarbeit an der Einheitsübersetzung verabschiedet, weil da Vorgaben von römisch-katholischer Seite herangetragen wurden, die nichts, aber auch gar nichts mit ökumenischen Entgegenkommen zu tun haben.