Benedikt-Nachfolge : Ein afrikanischer Papst wäre ein Wunder

Weißer Rauch für einen schwarzen Hirten – das wäre ein Schock für die Katholische Kirche. Liberaler wäre ein Papst aus Afrika aber nicht automatisch.

Ein Februarmorgen im vergangenen Jahr im Bischofssitz der Diözese Tombura-Yambio, Südsudan. Die Frühmesse war vorbei, im Gemeinschaftszimmer gab es wie jeden Tag Frühstück in großer Runde. Bei Bischof Eduardo Hiiboro Kussala kann man unangemeldet auf einen Kaffee vorbeischauen und über so ziemlich alles diskutieren: seine Kindheit als Kriegsflüchtling, die neuesten Rebellengruppen, den gewaltfreien Widerstand von Martin Luther King, die Hirsepreise auf dem Markt, den Staatsaufbau nach Jahrzehnten Bürgerkrieg oder die besten Survival-Tipps beim Angriff einer Python. "Die Nerven behalten und das Biest in den Schwanz beißen", sagte der Bischof und grinste.

Ein paar tausend Kilometer von Rom entfernt ist der Gesprächsstoff eben ein etwas anderer als im Vatikan. Fragte man Bischof Eduardo damals nach dem Papst, sagte er strahlend: "Ich habe ihn selbst erlebt, 1993 in Khartum. Es war ein ergreifender Moment." Er meinte Johannes Paul II., nicht Benedikt XVI.

Viele afrikanische Katholiken sind nie richtig warm geworden mit dem deutschen Papst. Dessen Biografie und Ausstrahlung bot wenig Bezugspunkte für Menschen, in deren Leben die Krise der Normalzustand ist. Ganz anders der Pole Wojtyla, dessen Bild auch nach seinem Tod in vielen afrikanischen Pfarrhäusern hängen blieb.

Jetzt, nach dem Rücktritt Benedikts, sind Katholiken zwischen Khartum und Kapstadt gleich mit zwei überraschenden Perspektiven konfrontiert: Unter Theologen und Kommentatoren weltweit wird nicht nur über mehrere afrikanische Kandidaten für Benedikts Nachfolge spekuliert. Afrika wird auch gleich als Quelle der Erneuerung einer mürbe gewordenen Katholischen Kirche ausgemacht. Ein Obama-Effekt für den Vatikan. Das klingt nicht nur für reformhungrige Katholiken verführerisch gut.

Weißer Rauch für einen schwarzen Papst – das wäre eine weit größere Sensation als der Sieg von Barack Obama 2008. Es wäre (weit mehr als die Wahl eines Lateinamerikaners) ein Schock für eine Kirche, die selbst ihre finstersten Phasen auf diesem Kontinent nie einer selbstkritischen Betrachtung unterzogen hat. Das gilt für die Ära der Kolonialisierung ebenso wie für ihre verheerende Dogmatik beim Kampf gegen Aids und die Verbrechen katholischer Priester, Nonnen und Bischöfe während des Genozids in Ruanda 1994. Es wäre auch ein symbolischer Schock für eine Institution, die wie kaum eine andere zum Bild des Afrikaners als hilfsbedürftigem Mündel beigetragen hat.

Verlagsangebot

Hören Sie DIE ZEIT

Genießen Sie wöchentlich aktuelle ZEIT-Artikel mit ZEIT AUDIO

Hier reinhören

Kommentare

55 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Der Fehler

ist der Tatsache geschuldet das man hier nicht editieren kann, danke für den Hinweis. Wie Sie schon schrieben, es ist ein wenig fraglich, in Afrika beispielsweise europäische Maßstäbe zu setzen.

Von dem Umstand unberührt bleibt die Tatsache, das man einem Individuum (hier potentielle afrikanischer Papst) nicht die "Taten" seines Herkunftskontinents zu Lasten legen kann.