Der Papst mit Kardinälen und Bischöfen während einer Audienz im Vatikan © Max Rossi/Reuters

Gerade weil wir jetzt nicht mehr Papst sind, sollte inmitten des offiziellen Geredes derer, die über einen Dahingegangenen nur Gutes sagen wollen, zur Sache geredet werden. Bevor die Geschichte ihr – wie ich meine, vernichtendes – Urteil über Joseph Ratzinger sprechen wird, können wir zusammenfassen: Erst durch seinen Rücktritt hat Benedikt XVI. ein gewisses Maß an historischer Bedeutung gewonnen. Ansonsten war da vergleichsweise wenig.

Er investierte in den eigenen Nachruhm. Eine Gesamtausgabe seiner Werke zum Beispiel oder die "Eiligsprechung" seines Vorgängers – das sollte garantieren helfen, dass Ratzinger nicht jener Vergessenheit verfällt, die einem Übergangspapst gebührt. Doch Benedikt XVI. war der schwächste Papst seit 150 Jahren. Wer anderer Ansicht ist, soll mir einen Schwächeren nennen.

Lassen wir die deutschnationalen Emotionen des Bild-Anfangs beiseite, war es mit Recht ruhiger um diesen Papst geworden. Zu Beginn hatte ich zögernd angenommen, er nutze die Chancen, die sein Amt bot. Anlässe für Reformen, Dringlichkeiten sogar, gab es genug: eine Ökumene, die über die gerade von Ratzinger zu verantwortende Beschämung etwa der evangelischen Kirchen als bloße Gemeinschaften hinaus ging, eine Anerkennung anderer Religionen und Konfessionen, die entschieden vom Alleinvertretungsanspruch der Catholica abrückte, die Klärung des Verhältnisses von Vatikan und Ortsbischöfen, die drängende Neufassung von Zölibat und Frauenordination, die unsägliche, auf Angst gegründete Stellung des Vatikans zur Sexualität schlechthin.

Nichts ist passiert. Dieser Papst stritt sich mit Piusbrüdern herum – und Schluss. Nirgendwo ging er voran. Alles wurde klein auf klein abgehandelt. Da war nichts originell, alles sekundäre Existenz. Professor Ratzinger gefiel sich darin, ein Buch nach dem anderen zu schreiben, als habe er verdrängt, dass er ein Papst war, von dem mehr verlangt werden durfte. Besonders schlimm wirkte die Attitüde des Geisterfahrers: Er allein fuhr auf der rechten Spur. Wir, ein zigmillionenfacher Rest, waren in der falschen Richtung unterwegs. 

Beharren auf tradierten Morallehren

Er wird schneller vergessen sein, als das manchen lieb sein kann. Allenfalls das Lager der Säkularen hat diesem Papst viel zu verdanken, denn Joseph Ratzinger war eine starke Triebkraft für eine Abwendung vieler Katholiken von ihrer Kirche. Das Anspruchsdenken der Vatikanischen Konfession und ihr uneinsichtiges Beharren auf tradierten Morallehren entzog immer mehr Menschen die Bereitschaft, in dieser Kirche zu bleiben.

An diesem millionenfachen Abschied wird auch ein neuer Papst nichts ändern, auf dem jetzt so auffällig viele reformerische Hoffnungen ruhen. Der Neue wird, wer immer das Rennen macht, gefangen bleiben in den Vorgaben des vatikanischen Milieus. Eine Auflösung des Reformstaus – siehe oben – ist nicht in Sicht.

Zum einen hat Benedikt XVI. für eine eindeutige Ausrichtung des Wahlmännergremiums gesorgt. Im Konklave sitzen nur handverlesene Kleriker, von denen jeder weiß, was von ihm verlangt wird. Zum anderen kann es sich kein Papst leisten, die Nibelungentreue gegen das Lehramt aufzukündigen. Jeder neue Papst bleibt festgezurrt an der Tradition, jeder wird an der Leine von Dogma und Moral seiner Vorgänger geführt – und, was noch wichtiger ist, an der Leine eben der Vatikanischen Konfession, die sich als Kirche ausgibt.

Hoffnungslos. Und niemand sollte den Geist Gottes bemühen, wo allein Intrige und Machtkalkül eine Rolle spielen. Selten, dass so viel Hoffnung schon jetzt auf so viel Enttäuschung trifft. Selten? Nein, kirchenüblich.