Benedikt-Rücktritt : Ein neuer Papst wird nichts ändern

Was bleibt von Papst Benedikt XVI.? Nicht viel, meint der Theologe und Kirchenkritiker Horst Herrmann. Und auch der nächste Papst wird den Reformstau nicht überwinden.
Der Papst mit Kardinälen und Bischöfen während einer Audienz im Vatikan © Max Rossi/Reuters

Gerade weil wir jetzt nicht mehr Papst sind, sollte inmitten des offiziellen Geredes derer, die über einen Dahingegangenen nur Gutes sagen wollen, zur Sache geredet werden. Bevor die Geschichte ihr – wie ich meine, vernichtendes – Urteil über Joseph Ratzinger sprechen wird, können wir zusammenfassen: Erst durch seinen Rücktritt hat Benedikt XVI. ein gewisses Maß an historischer Bedeutung gewonnen. Ansonsten war da vergleichsweise wenig.

Er investierte in den eigenen Nachruhm. Eine Gesamtausgabe seiner Werke zum Beispiel oder die "Eiligsprechung" seines Vorgängers – das sollte garantieren helfen, dass Ratzinger nicht jener Vergessenheit verfällt, die einem Übergangspapst gebührt. Doch Benedikt XVI. war der schwächste Papst seit 150 Jahren. Wer anderer Ansicht ist, soll mir einen Schwächeren nennen.

Lassen wir die deutschnationalen Emotionen des Bild-Anfangs beiseite, war es mit Recht ruhiger um diesen Papst geworden. Zu Beginn hatte ich zögernd angenommen, er nutze die Chancen, die sein Amt bot. Anlässe für Reformen, Dringlichkeiten sogar, gab es genug: eine Ökumene, die über die gerade von Ratzinger zu verantwortende Beschämung etwa der evangelischen Kirchen als bloße Gemeinschaften hinaus ging, eine Anerkennung anderer Religionen und Konfessionen, die entschieden vom Alleinvertretungsanspruch der Catholica abrückte, die Klärung des Verhältnisses von Vatikan und Ortsbischöfen, die drängende Neufassung von Zölibat und Frauenordination, die unsägliche, auf Angst gegründete Stellung des Vatikans zur Sexualität schlechthin.

Horst Herrmann

Horst Herrmann, geboren 1940, ist Doktor der Theologie und war von 1970 2005 Professor an der Universität Münster – zunächst am Lehrstuhl für katholisches  Kirchenrecht, dann für Soziologie. 1975 entzog ihm die Kirche nach heftigen Auseinandersetzungen die kirchliche Lehrerlaubnis, 1981 trat er aus der Kirche aus. Herrmann ist Autor zahlreicher Bücher.

Nichts ist passiert. Dieser Papst stritt sich mit Piusbrüdern herum – und Schluss. Nirgendwo ging er voran. Alles wurde klein auf klein abgehandelt. Da war nichts originell, alles sekundäre Existenz. Professor Ratzinger gefiel sich darin, ein Buch nach dem anderen zu schreiben, als habe er verdrängt, dass er ein Papst war, von dem mehr verlangt werden durfte. Besonders schlimm wirkte die Attitüde des Geisterfahrers: Er allein fuhr auf der rechten Spur. Wir, ein zigmillionenfacher Rest, waren in der falschen Richtung unterwegs. 

Beharren auf tradierten Morallehren

Er wird schneller vergessen sein, als das manchen lieb sein kann. Allenfalls das Lager der Säkularen hat diesem Papst viel zu verdanken, denn Joseph Ratzinger war eine starke Triebkraft für eine Abwendung vieler Katholiken von ihrer Kirche. Das Anspruchsdenken der Vatikanischen Konfession und ihr uneinsichtiges Beharren auf tradierten Morallehren entzog immer mehr Menschen die Bereitschaft, in dieser Kirche zu bleiben.

An diesem millionenfachen Abschied wird auch ein neuer Papst nichts ändern, auf dem jetzt so auffällig viele reformerische Hoffnungen ruhen. Der Neue wird, wer immer das Rennen macht, gefangen bleiben in den Vorgaben des vatikanischen Milieus. Eine Auflösung des Reformstaus – siehe oben – ist nicht in Sicht.

Zum einen hat Benedikt XVI. für eine eindeutige Ausrichtung des Wahlmännergremiums gesorgt. Im Konklave sitzen nur handverlesene Kleriker, von denen jeder weiß, was von ihm verlangt wird. Zum anderen kann es sich kein Papst leisten, die Nibelungentreue gegen das Lehramt aufzukündigen. Jeder neue Papst bleibt festgezurrt an der Tradition, jeder wird an der Leine von Dogma und Moral seiner Vorgänger geführt – und, was noch wichtiger ist, an der Leine eben der Vatikanischen Konfession, die sich als Kirche ausgibt.

Hoffnungslos. Und niemand sollte den Geist Gottes bemühen, wo allein Intrige und Machtkalkül eine Rolle spielen. Selten, dass so viel Hoffnung schon jetzt auf so viel Enttäuschung trifft. Selten? Nein, kirchenüblich.

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Kommentare

296 Kommentare Seite 1 von 34 Kommentieren

Der Geist weht, wo Er will (Bibelzitat)

Sorry, wer sind Sie, dass Sie zu wissen meinen, wo und wie der Heilige Geist wirkt? Überlassen Sie das doch Gott.
Der Heilige Geist hat zudem schon immer bei Sündern gewirkt - ausnahmslos, weil wir alle dazugehören. FallsSie etwas Bibelkenntnis haben, sollten Sie das wissen, ansonsten empfehle ich ihnen dringend mal über die Bücher gehen. Aber nicht nur vor 2000 Jahren hat Er an Sündern gewirkt, Er tut das heute noch, da könnten Ihnen abertausende von Zeitzeugen mit sehr dunklem Hintergrund Zeugnis davon ablegen. Und vielleicht noch dies: vielleicht sollten sie sich auch mal die Frage andersrum stellen - könnte nicht was dran sein an der katholischen Kirche, dass sie bis heute die grösste christliche Konfession ist.Ich zweifle, dass weltweit so viele Katholiken alles nur blinde Anhänger sind.

Belege, bitte?

"Die Zahl der Atheisten in Deutschland ist bei über 50%, in Ländern wie Schweden geht es inzwischen schon Richtung 80%."

Können Sie diese Zahlen belegen?

Meines Wissens ist die Mehrheit der Bevölkerungen Schwedens und Deutschlands Mitglied in einer der christlichen Kirchen. Hinzu kommen in den letzten Jahren wachsende Zahlen von Musliminnen und Muslimen. - Wo sind da die von Ihnen behaupteten Atheisten?
http://de.wikipedia.org/w...
http://de.wikipedia.org/w...

Davon abgesehen stimme ich Ihnen zu, daß die Mehrheit der katholischen Christinnen und Christen außerhalb Europas leben - und entsprechenden Einfluß auf die Leitung ihrer Kirche haben sollten. Nur: das würde dann bedeuten, daß die r.k. Kirche konservativ(er) werden würde.

Die Hälfte der Christenmenschen in Deutschland und fast alle Christinnen und Christen in Schweden betrifft das jedoch nicht, denn sie gehören evangelischen Kirchen an.

Mit Verlaub,....

... das ist keine Polemik. Turkson hat erst im Herbst letzten Jahres für einen Skandal im Vatikan gesorgt, als er die Bischofssynode dazu missbrauchte, um einen antiislamischen Hassfilm aufzuführen. Etliche Bischöfe waren geschockt, der Vatikan hat sich distanziert und das ganze als Turksons Privatmeinung dargestellt. Im Kern ging es um das Lieblingsmotiv der islamophoben Rechten in Europa: um die Islamisierung per Demographie und der daraus abgeleiteten Forderung, "aufzuwachen" und Widerstand zu leisten.

"...a Vatican spokesman, Father Federico Lombardi, sought to distance the holy see from the video, saying: "This video does not express the view of the synod or the Vatican. Turkson has said he is sorry if the video was wrongly interpreted since he did not intend it to be anti-Muslim, merely a comment on the nihilism in western society."

Bishops who watched the video were reportedly shocked by its content...."

http://www.guardian.co.uk...

Es ist keineswegs polemisch, einen möglichen Papst Turkson als "feuchten Traum" von PI, Pro-xy und co. zu bezeichnen, umso mehr, da er als Farbiger aus Ghana wunderbar zur Immunisierung gegen den Vorwurf des Rassismus instrumentalisiert werden kann. Eine ähnliche Funktion für die neorassistische Rechte in Europa erfüllt ja auch die angebliche Solidarisierung mit Israel. Daher die überspitzte Anmerkung, dass sich das nur noch mit einem farbigen Papst aus Israel toppen ließe.

Lesen hilft

"Um etwas von dem zu erfahren lesen Sie doch einmal den Kommentar 29, hier blitzt etwas von dem, was ich meine auf.
Kurzum, neben vielem, was in der Kirche reformwürdig sein mag, ist sie mir und vielen anderen mehr als ein theologisches Konstrukt, sondern Heimat."

Wer oder was Ihnen eine Heimtat bietet, ist mir persönlich relativ wurscht. Ich sehe nur leider in Deutschland keine Grundlage (aufgrund der gelebten (!) Lebenswirklichkeit des überwiegenden Teils der Bevölkerung), dem Papst, der katholischen Kirche und dem Vatikan mit seinem Mummenschanz (ein anderes Beispiel für dieses groteske Schauspiel fällt mir leider nicht ein) derart viel Raum einzuräumen. 30% der Deutschland sind Mitglied der katholischen Kirche, 30% evangelisch.

Wie das in anderen Ländern ist, ist mir relativ egal, aber wenn ich allein Brasilien sehe und die dort gelebte, fast schon hedonistische Lebensweise (oder Mexiko und sein Drogenproblem), frage ich mich, wie viel Heuchelei ein Mensch sich selbst zumuten kann, wenn er einerseits dem Papst seine Verehrung darbietet und andererseits ein Leben führt, was so gar nicht im Einklang mit den katholischen Grundregeln ist. Darum geht es mir. Wer das kann, bitte. Ich kann das nicht.

Ich fand es schon als Kind suspekt, wie mein "christliches" Umfeld sich die Woche über versündigt und sich dann am Sonntag mit der Beichte reingewaschen hat. Das hat mich persönlich von der Religion (nicht dem Glauben) geheilt.

Sie sprechen mir aus meiner nicht existenten Seele!

Besonders erschreckend sind die Frauen die erblich bedingt zur katholischen Kirche halten, aber alles machen was sie Laut Ratzinger in die Hölle bringt: Sex vor der Ehe mit Kondomen.

Aber würden sie das nicht machen wäre die katholische Kirche schon längst erledigt.
So ist diese Kirche nun mal: Anders handeln als gefordert, deshalb dann schlecht fühlen und mehr um Vergebung der eingebildeten Sünden beten!