Fall PistoriusSüdafrikas Gewalt ist männlich

Die Mordanklage gegen Oscar Pistorius hat in Südafrika eine Debatte über Gewalt ausgelöst. Sie ist tief in der Macho-Kultur des Landes verwurzelt. Von E. van Gelder von Elles van Gelder

Oscar Pistorius vor dem Gericht in Pretoria

Oscar Pistorius vor dem Gericht in Pretoria  |  © Siphiwe Sibeko/Reuters

Eine Vorliebe für schnelle Autos, ehrgeizig und vernarrt in Waffen. Ob er nun des Mordes an seiner Freundin Reeva Steenkamp schuldig ist oder nicht – viele Attribute dessen, was man in Südafrika unter einem richtigen Mann versteht, treffen auf Oscar Pistorius zu.

Das Land ist von einer Machokultur geprägt, in der schwarzen Bevölkerung ebenso wie in der weißen. Und diese Kultur ist eine der Ursachen für die grassierende Gewalt im Land, sagen Forscher, die sich mit dem Thema Männlichkeit befassen.

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Die Gewaltstatistiken sind schockierend. Nach Angaben des South African Institute of Race Relations werden jährlich 2.500 Frauen ermordet. 200.000 Frauen werden Opfer von Misshandlung, Vergewaltigung oder sexueller Belästigung. In einer Untersuchung des südafrikanischen Medical Research Council bekennen 40 Prozent der teilnehmenden Männer, sie hätten schon einmal eine Frau geschlagen. Ein Viertel gibt an, bereits eine Frau vergewaltigt zu haben.

Die Gefahr geht dabei vielfach nicht von fremden Übeltätern aus, sondern von Männern, die den Frauen bekannt sind. Oft sind es Ehemänner, Onkel, Brüder, Freunde oder Nachbarn. Gesprochen wird darüber wenig. Eigentlich sind häusliche Gewalt und Gewalt im Allgemeinen in Südafrika so normal geworden, dass einheimische Journalisten kaum darüber berichten. Es gibt schlicht zu viele Fälle, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Häusliche Gewalt ist in der Gesellschaft verankert

Lediglich besonders grausame Beispiele lösen Reaktionen oder kleinere Proteste aus – so wie der Fall der 17-jährigen Anene Booysen, die vor Kurzem von einer Gruppe Männer einschließlich ihres Exfreunds vergewaltigt, verstümmelt und ermordet wurde. Oder aber, wenn der mutmaßliche Täter ein berühmter Spitzensportler ist. Als das Gericht in dieser Woche darüber entschied, ob Pistorius auf Kaution freikommt, stand vor dem Gebäude eine Gruppe der Frauenliga des African National Congress mit Plakaten gegen häusliche Gewalt.

Am Tag nach Steenkamps Tod schrieb ein schwarzer südafrikanischer Journalist, er habe Pistorius' Version der Ereignisse sofort geglaubt. Der Sprintstar hatte angegeben, es habe sich um ein Unglück gehandelt und er habe seine Freundin für einen Einbrecher gehalten. Der Journalist fand das nicht deshalb auf Anhieb glaubwürdig, weil Pistorius für ihn ein sportlicher Held ist; das wurde ihm erst später klar. Der Grund war vielmehr, dass er ein Weißer ist und aus der Mittelschicht stammt. Gewalt war für den Reporter etwas, das er mit armen, schwarzen, arbeitslosen Männern aus den Elendsvierteln in Verbindung brachte. Mit denen, die frustriert sind und zu viel trinken, weil sie ihre Rolle als richtiger Mann, als Ernährer der Familie nicht erfüllen können. Zu weißen, erfolgreichen Männern passe Gewalt einfach nicht.

Die Tatsachen sind noch nicht ermittelt. Doch der Fall regt bereits jetzt eine Diskussion darüber an, dass häusliche Gewalt den schwarzen wie den weißen Teil der Bevölkerung betrifft. "Durch sozio-ökonomische Faktoren kommt sie zwar in schwarzen Communities öfter vor, doch sind weiße Männer keineswegs davon ausgenommen", sagt Rachel Jewkes vom Medical Research Council. Unter schwarzen und weißen Männern seien patriarchalische und machistische Vorstellungen gleichermaßen verbreitet – etwa die, das Frauen gehorsam sein müssen. Die Zahl der Morde ist in Südafrika zwar seit 1999 um die Hälfte gesunken. Für die Vergewaltigungen gilt dieser Trend laut Jewkes nicht: "Die Vorstellung, Gewalt sei gegenüber Frauen ein legitimes Mittel, hält sich noch immer."

Leserkommentare
  1. Das sagt uns bei ca. 15.000 Morden im Jahr (2011) aber nicht, dass in bei Morden in Südafrika die Gewalt gegen Frauen dominiert. Dazu müsste man aber die Artikel fairerweise auch beide Zahlen nennen, denn die 2.500 allein sagt wenig.

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    • lm.82
    • 22. Februar 2013 22:38 Uhr

    Das hat man (oder einige JournalistInnen) schon über Indien berichtet, dass es dort "besonders viele" Vergewaltigungen gab im letzten Jahr, ohne jegliche Statistik und ihre Verhältnismäßigkeit auf die Bevölkerungszahl. Hier kommt es nur auf die Ideologie an, nicht auf die Wahrheit. Was manche "Profis" als Recherchearbeit betreiben, kann der Durchschnitt nach seiner regulären Arbeit ebenso.

    Natürlich ist im Artikel auch der Patriarchatsbegriff - wie so oft - sexistisch ausgelegt. Beim Patriarchat kommt es nicht so sehr darauf an, von wem Macht ausgeübt wird, sondern dass es Macht und seine Strukturen gibt. Ob es sich um eine Frau in der patriarchalen Ehe oder patriarchalen Lohnarbeit handelt. Eine deutsche Frau in Lohnarbeit (wie oft und fälschlicherweise mit "Emanzipation" gleichgesetzt) ist dahingehend nicht höherwertiger als eine südafrikanische Ehefrau (wie der Artikel es dennoch suggeriert).

    • gorgo
    • 23. Februar 2013 6:30 Uhr

    Sie schrieben: " ährlich werden 2.500 Frauen ermordet.

    Das sagt uns bei ca. 15.000 Morden im Jahr (2011) aber nicht, dass in bei Morden in Südafrika die Gewalt gegen Frauen dominiert.Dazu müsste man aber die Artikel
    fairerweise auch beide Zahlen nennen,"

    Maskulinisten argumentieren oft mit "fairness".

    Fairerweise sollten Sie aber nicht verschweigen, dass auch auch die restlichen Morde ganz und gar überwiegend von Männern begangen wurden.

    Wer verschweigt hier was?

    Es geht hier um den erforschten Zusammenhang von bestimmten Männlichkeitsidealen und den insgesamt sehr hohen Tötungs- und Verletzungsdelikten.

    Frauen sind aber nahezu ausschließlich Opfer dieser Morde. Warum bestimmte Männer nicht nur sehr viele Frauen sondern auch Männer umbringen - das ist ein Thema, um das sich Männer kümmern sollten. Man(n)sollte sich aber nicht wundern, wenn Frauen, bzw. Männer, die sich der Machowelt entziehen möchten, sich zuerst für die toten Frauen und die tatsache interessieren, dass sie durch Männer dahin kamen.

    Übringes: Solange Männer sich derart pauschal angesprochen fühlen, dass sie völlig klar anders formulierte Aussagen verdrehen; ohne jeden Grund in der Formulierung auf sich selbst beziehen und diffus aggressiv reagieren, wenn solche Zusammenhänge angesprochen und offen gelegt werden: Solange müssen sie sich nicht wundern, wenn sie verdächtigt werden, Gewalt zu rechtfertigen bzw. nicht auf Machtprivilegien verzichten zu wollen.

    Wer sind die 12500 Ermordeten des Jahres 2011, über die man sich anscheinend nicht aufzuregen braucht?
    meine Vermutung Männer & Kinder. Es scheint hier völlig ok zu sein, dass die umgebracht werden.

  2. ... wenn ich das schon lese. Diese gar nicht so weisen weißen Männer haben sich fremdes Land gewaltätig angeeignet. Gegen wen soll sie sich schützen ? Beschützen sollte man die anderen vor ihnen, und jenen eine Perspektuve geben, vor denen es sich angeblich zu schützen gilt.
    Fatalerweise erinnert einen der Fall Pistorius an einen anderen Fanatiker in Sachen Narzissmus und Selbstdarstellung: Armstrong!
    Es würde niemanden wundern, wenn Letzterer ebenso einem Waffenkult anhinge.

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    • AKONIT
    • 23. Februar 2013 1:58 Uhr

    Richtig ist, dass Südafrika mit Gewalt besiedelt wurde, aber von Schwarzen und Weissen gleichzeitig. Bitte mal etwas genauer in die Geschichte der Buren, Engländer, Zulus und Xosas sehen, die in Südafrika, jeder aus einer anderen Richtung, aufeinander trafen.
    Die wahren Ureinwohner oder 'First Nation' waren die Buschmänner, die auf der Strecke blieben. Friedlich war und ist keiner der Sieger.

    "Diese gar nicht so weisen weißen Männer haben sich fremdes Land gewalttätig angeeignet."

    Ich bin ja immer ein Freund von gedanklicher Konsequenz.

    Die weiße Besiedlung Südafrikas begann um 1650. Das heißt, "die Weißen" sind nun auch schon einige Jahrhunderte(!) dort einheimisch. Das sind viele Generationen!

    Wenn Sie darauf bestehen, daß die Weißen dort nicht hingehören und die Geschichte "rückabwickeln" wollen, dann gehören auch Albaner nicht ins Kosovo, Polen nicht nach Schlesien und Ostpreußen, Nordiren nicht nach Nordirland, US-Amerikaner und Australier nicht in die USA bzw. nach Australien, Israelis nicht nach Israel (oder wenn man noch weiter zurückgeht: genau im Gegenteil; dann gehören Palästinenser nicht nach Palästina), Türken nicht in die Türkei und Argentinier nicht nach Argentinien.
    Und Schwarze nicht nach Frankreich...
    Das würde ja ein heilloses Chaos.

    Und wie ein Vorkommentator schon anmerkte: Die Zulus und Xhosas und andere Bantu-Stämme hatten vor der weißen Besiedlung ihrerseits wieder die Khoi-San verdrängt.

    (P.S.: "Relativieren" haißt nichts anderes als Dinge in Relation zueinander zu setzen.)

  3. geführt werden, sind männlich.

    Beste Grüße
    FSonntag

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    der Mann ist der Jäger.. kann man auch so im Tierreich bewundern.

    Nur weil einige Gendertheoretiker meinen aus 95% Männchen irgendwie Weibchen zu machen wird das nicht gelingen.

    In jeder Studie auch in Deutschland ist bewiesen das Männer gewaltätiger sind.

    Wäre der Mord genauso schlimm gewesen wenn er ein Messer benutzt hätte statt einer Schusswaffe? Bei den deutschen Medien zweifele ich daran.

    • welll
    • 22. Februar 2013 21:38 Uhr

    Angefangen von Ramses II und Hattusili III bis zur EU.

    ... dominierte Maschinenbau hat die ökonomische Gleichstellung der Frau erst ermöglicht - durch das Eliminieren schwerster körperlicher Arbeit in Alltag und Beruf.

    Ach, und keine Frau und kein Diplomat hat so viele Leben gerettet wie der männliche Erfinder des Kühlschranks. Vor der Ära des Kühlschranks sind die Leute wie die Fliegen an Darmkrebs und Lebensmittelvergiftungen gestorben.

    • JdT
    • 22. Februar 2013 23:51 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke. Die Redaktion/kvk

    • grrzt
    • 24. Februar 2013 13:46 Uhr

    sie werden weiblich werden, da bin ich sicher...dauert vielleicht noch 50 - 100 Jahre, - wenn die Menschheit so lange durchhält. Wie kommen Sie übrigens auf die Idee, daß Frauen friedlicher sind?

  4. der Mann ist der Jäger.. kann man auch so im Tierreich bewundern.

    Nur weil einige Gendertheoretiker meinen aus 95% Männchen irgendwie Weibchen zu machen wird das nicht gelingen.

    In jeder Studie auch in Deutschland ist bewiesen das Männer gewaltätiger sind.

    Wäre der Mord genauso schlimm gewesen wenn er ein Messer benutzt hätte statt einer Schusswaffe? Bei den deutschen Medien zweifele ich daran.

    9 Leserempfehlungen
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    • Israfel
    • 23. Februar 2013 23:11 Uhr

    >>der Mann ist der Jäger.. kann man auch so im Tierreich bewundern.<<

    z.B. bei Wölfen oder Löwen. Uhps ...

    • JohannG
    • 22. Februar 2013 20:26 Uhr
    5. [...]

    Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/mo.

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    werden auch gar nicht mehr Verbrechen von Männern begangen, vielleicht werden Männer einfach öfter erwischt ...

    einfach mal nachdenken vor dem kommentar schreiben? und sich das dann vlt am besten auch einfach sparen?
    allein der vergleich mit der abtreibung ist blanker hohn

    Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Darüber hinaus bitten wir darum, zum konkreten Artikelthema zu diskutieren. Danke, die Redaktion/kvk

    Entfernt. Kein konstruktiver Kommentar. Die Redaktion/kvk

    • 29C3
    • 22. Februar 2013 20:34 Uhr

    Ich verstehe nicht, warum diesem Fall eine solche Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ist es nicht schlimm genug, dass ein Mensch ermordet wurde, was macht es so besonders, ist dieser Mord jetzt etwas anderes, und wenn, dann warum?

    Ich sehe jedenfalls keinen Grund für die Lavine an Pistorius-Meldungen auf diesem Portal.

    10 Leserempfehlungen
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    der kommt damit davon ....

    wird die gesamtgesellschaftliche Diskussion über Gewalt in Südafrika anläßlich der Causa Pistorius sein, drei südafrikanische Medien dazu: 'Women we love are not safe from us' http://www.iol.co.za/cape... 'Time to stop the deadly culture of violence' http://www.iol.co.za/dail... 'Ten things about guns in South Africa' http://mg.co.za/article/2...

  5. "Südafrikas Gewalt ist schwarz"

    (natürlich nicht zu Pistorius) wäre garantiert ein Sturm der Entrüstung losgebrochen.

    34 Leserempfehlungen
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    weil das schlicht falsch wäre.
    so wie die überschrift jetzt ist, ist es allerdings nicht falsch. ihr kommentar ist feige, dumm und relativierend.

    Entfernt. Die Redaktion/Kvk

    wenn die Überschrift wortwörtlich genommen würde, dann ginge in Südafrika die Gewalt ausschließlich von Männern aus. Also ist sie genau so falsch wie meine und die von Faulpelz.

  6. 25% der südafrikanischen Männer geben zu, schon mindestens einmal vergewaltigt zu haben? Da dreht sich einem der Magen um.

    "Unter den jungen Männern sei es ein "weit verbreiteter Mythos", dass erst eine Vergewaltigung einen Mann zu einem mächtigen Mann mache."

    http://www.spiegel.de/pan...

    Unabhängig vom Thema "häusliche Gewalt" ist auch ein Aberglaube Grund für die hohe Zahl von Vergewaltigungen in Südafrika:

    Es gibt den Mythos, Geschlechtsverkehr mit einer "Jungfrau" heile von Aids. Dadurch werden auch sehr viele Kinder Opfer von Vergewaltigungen.

    http://www.spiegel.de/pan...

    Hoffentlich ebbt die Aufmerksamkeit für dieses Thema nicht wieder ab, wenn der Fall Pistorius aus den Schlagzeilen verschwindet.

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    "Es gibt den Mythos, Geschlechtsverkehr mit einer "Jungfrau" heile von Aids. Dadurch werden auch sehr viele Kinder Opfer von Vergewaltigungen."

    Aber wer verbreitet denn solche Mythen? Werden die von allen Männern geglaubt oder nur von Männern bestimmter Gesellschaftsschichten?
    Sie sprechen von Mythen. Oder Religion? Wäre es dann nicht angebracht, diese Mythen durch Wissen zu ersetzen? Durch eine Bildungspolitik?

    MfG
    FT

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte ANC | Apartheid | Berg | Gewalt | Misshandlung | Südafrika
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