EU-Osterweiterung : Verarmte Roma, überforderte Kommunen

Zehntausende Roma sind in den vergangenen Jahren in deutsche Großstädte gekommen. Sie leben unter erbärmlichen Bedingungen – was die Politik ignoriert.

Der Bericht aus Dortmund liest sich dramatisch. Seit 2006 habe sich die Zahl der an die Ruhr zugewanderten Menschen aus Rumänien und Bulgarien verfünffacht, heißt es in einem internen Dokument der Stadtverwaltung zum Thema Armutswanderung aus Osteuropa, das ZEIT ONLINE vorliegt. 3.149 hätten im Herbst 2012 in Dortmund gelebt, die meisten von ihnen in überfüllten Abbruchhäusern, zu überteuerter Miete. Die Stadt spricht von 100 "Problemimmobilien" in Bezirken, die ohnehin sozial schwierig seien.

Viele rumänische und bulgarische Einwanderer hätten keine Krankenversicherung, einige litten an infektiösen Krankheiten wie Tuberkulose. Sie vermieteten in ihren engen Unterkünften Matratzenlager unter, um ihr geringes Einkommen aufzubessern. Kinder müssten schon allein wegen der Wohnsituation von den Jugendämtern aus den Familien genommen werden. Für die Einwanderer gebe es im sozial schwachen Ruhrgebiet kaum Arbeit, Prostitution und Bettelei seien eine Folge.

Auch aus anderen deutschen Großstädten gibt es Berichte über das Elend von Einwanderern aus Osteuropa. Zahlen des Statistischen Bundesamtes (für eine genaue Aufstellung klicken Sie hier) belegen: Seit dem EU-Beitritt Rumäniens und Bulgariens und dem Wegfall der Visapflicht sind Zehntausende ganz legal nach Deutschland gezogen. 2011 waren es mehr als 140.000 Menschen. Laut der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung stieg die Zahl der Einwanderer im ersten Halbjahr 2012 nochmals um 24 Prozent.

© ZEIT ONLINE

Unter den Zuwanderern sind viele Angehörige der Volksgruppe der Sinti und Roma, denn sie werden in ihren Heimatländern diskriminiert. "Selbst die widrigsten Lebensumstände in Deutschland sind für sie besser als die ständige Gängelung in ihrem Heimatländern", sagt Benjamin Marx, der in Berlin ein Hausprojekt betreibt, in dem viele Roma wohnen. "Hier gibt es wenigstens noch die Hoffnung auf sozialen Aufstieg." Marx ist sich sicher: Ab 2014, wenn für Bulgarien und Rumänien die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit gilt, werden noch mehr Roma nach Deutschland kommen. Mit einem dramatischen Appell wandte sich zuletzt auch der Deutsche Städtetag an die Öffentlichkeit: Die Armutsmigration aus Osteuropa dürfe von der Politik nicht ignoriert werden.

Bislang können Bulgaren und Rumänen für drei Monate nach Deutschland einreisen, dann aber theoretisch nur bleiben, wenn sie eine feste Arbeitsstelle haben. Praktisch ist aber kaum zu kontrollieren, ob sie wieder ausreisen. Und ein sozialversicherungspflichtiger Job ist schwer zu bekommen, denn es gilt die Vorrangregelung, wonach einem gleich qualifizierten Deutschen die Arbeitsstelle als erstem zusteht. Viele Rumänen und Bulgaren, vor allem die Roma, machen sich daher bei der Ankunft in Deutschland selbstständig. Schlepper füllen für sie die nötigen Papiere aus und lassen sich diese Hilfe gut bezahlen. Ein Selbstständiger darf seine Familie nachholen, ab einem gewissen Verdienst hat er Anrecht auf Hartz-IV-Aufstockerleistungen. Viele Roma arbeiten als Schrottsammler oder bieten Reinigungs- oder Transportdienstleistungen an. Doch sie leben weiterhin in Armut.

Der Bezirksverwaltung von Berlin-Neukölln beispielsweise sind zehn abbruchreife Häuser bekannt, in denen Wirtschaftsmigranten aus Rumänien und Bulgarien zu überhöhten Mieten wohnen. Immer wieder falle die Heizung aus, die Hausflure seien vermüllt, von Obdachlosen okkupiert, die Wände voller Schimmel. Über die Einwanderer, die genügsam unter den Bedingungen leben, spricht man in der Verwaltung sehr positiv: Die meisten seien bildungsorientiert, lernten schnell Deutsch, sie arbeiteten hart für einen miserablen Stundenlohn und würden leider allzu oft von Schlepperbanden ausgebeutet: 2.897 Gewerbe wurden im vergangenen Jahr in dem rund 160.000 Einwohner umfassenden Stadtbezirk allein von rumänischen und bulgarischen Staatsbürgern angemeldet. Vermutlich ist nicht jedes wirklich ertragreich. Die meisten kinderreichen Roma-Familien in Neukölln, heißt es inoffiziell, lebten daher allein vom Kindergeld. Das ist legal, denn es steht jedem EU-Bürger zu, der dauerhaft in Deutschland lebt.

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Kommentare

282 Kommentare Seite 1 von 27
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Alles klar

"sinti und roma sind in jedem land europas schwer integrierbar."

Das ist für mich purer Rassimus! Sagen Sie "Jude" anstelle vn Sinti und Roma und sie werden verstehen was ich meine. "Der Jude" wurde auch lange als schreckensbild bezeichnet, "seine" Wirkung auf Deutschland als bedrohlich eingestuft. Würde das heute einer machen, würde das zurecht kritisiert werden, aber bei den überall verfolgten und verhassten "Zigeunern" darf das jeder lauthals und mit viel Populismus.

Und dass Sie starke Familienbü+nde als etwas negatives auffassen finde ich auch mal ein starkes Stück. Das sollte man eher als Chance nutzen anstatt hier platt und undifferenziert über "die" Sinti und Roma zu sprechen, als sei das alles das gleiche. Sie verharmlosen hier Rassismus auf gefährlichste WEise. Das Indivduum hat auf diesen 34 Seiten Kommentarspalte keine Rolle gespielt. Es wird einfach über Menschen hergezogen, die aus schlechten Verhältnissen kommen und hier weiter in solchen Leben, weil ihr Background und ihr Umfeld ihnen keine Chance bieten das zu ändern. Ein Sozialstaat sollte sofort alle Hebel in Bewegung setzen das zu ändern, sollte mit aller Dringlichkeit die Kinder zur Schule befördern und wenn es die Polizei tun muss, sollte Jobangebote bereithalten und Ausbildungsplätze zur Verfügung stellen. Ein Sozialstaat täte das. Aber Deutschland nur bedingt, und wenn ich hier so lese, weiß ich auch warum.

Welche Fakten?

Was sind denn Ihre Fakten? Hab ich in Ihrem Kommentar jetzt keine gefunden. Wieviel kosten denn die Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien den Stuerzahler in Deutschland? Und welche Studie zeigt, dass "wir" uns das nicht leisten können? Und was ist Ihre Alterantive?

Das Problem sind nicht die Einwanderer, sondern ihre Lebenssituation. Wenn wir uns darauf nicht einigen können, gibt es keine Diskussion, weil jede andere Grundlage Menschenverachtend ist.

Ne....

"Dann ist es also bereits Rassismus, wenn man “Roma” sagt? Also allein das Benennen und Erkennen, daß diese Menschen einer bestimmten ethnischen Gruppe angehören?"

Nope, würde ich nicht behaupten. Da müssen Sie aber einen fragen, der der Volksgruppe angehört. Ich bin nur eine gewöhnliche Studentin in den mit-zwanzigern. Ich kann nicht für die Einwanderer Sprechen. Wohl aber für meine Überzeugung und insbesondere meine Liebe zu den Menschenrechten.

Sie können auch Menschen sagen. Aber dann weiß man wohl meist nicht, was gemeint ist. Ich sage Sinti und Roma, bulgarische und rumänische Einwanderer, niemals aber "Zuzügler", weil mir das zu Vogel-mäßig klingt und auch spreche ich nicht von einem "Strom" oder "Welle" weil man damit diese Menschen Verdinglichen und mit Naturereignissen gleichstellt, was erst recht zur Desindividualisierung beiträgt.

Ich bin für eine akurate und bedachte Sprache, und bemühe mich selber um eine solche, auch wenn es mir oft nicht gelingt.

Links und Fakten

ne, also 30 Seiten Rassismus tue ich mir nicht an. Die Links die ich gesehen haben waren You-Tube clips von Focus und andere "seriöse" Quellen. Zudem ist sowas immer müßig. Man muss gezielt diskutieren und nicht eine Linksammlung veröffentlichen. Wenn Sie mir Fakten zu meinen Fragen liefern und diese Fakten selbst kommentieren, kommen wir weiter. Mit Focus-Links und solchen seltsamen Reportagen die jede Sachlichkeit vermissen lassen, kommen wir nicht weiter.

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