Wer ein Sachbuch liest, nimmt sich mehrere Tage oder Wochen Zeit für ein Thema. Das ist etwas ganz anderes, als schnell über ein paar Zeitungsartikel zu fliegen oder sich durchs Fernsehprogramm zu zappen. Das tut man nur, wenn es einem wirklich wichtig ist. Ein Blick auf die Sachbuch-Bestsellerliste kann deshalb viel über die Menschen verraten, die in einem Land leben.

Nehmen wir zum Beispiel die Bestsellerliste in der New York Times: Sechs der Top-20-Titel befassen sich mit umstrittenen historischen Präsidenten von Thomas Jefferson (Menschenrechtler, Sklavenhalter, Rassist) bis Calvin Coolidge (der ist nicht mal mir besonders geläufig – trotzdem: Bestsellerliste) oder sind von lebenden Politikern wie Al Gore geschrieben. Weitere vier handeln von Themen, die am Rande politisch sind, etwa von der Tötung Osama bin Ladens.

Amerika denkt über sich selbst als Staat nach. Es fragt sich: Wer sind wir? Stehen wir rechts oder links, sind wir fortschrittlich oder konservativ? Was kann uns unsere Vergangenheit über unsere Zukunft sagen? Das sind Fragen, die zu einer Zeit des Umbruchs passen, und in so einer Zeit leben wir.

Die Deutschen haben Angst

Der Eindruck, den die deutsche Bestsellerliste hinterlässt, ist ein ganz anderer. Von den Deutschen heißt es, sie hätten besonders viel politisches Bewusstsein. Doch nur fünf Titel der Top 20 könnte man irgendwie als "politisch" einordnen. Selbst um diese Zahl zu erreichen, muss man Peter Scholl-Latours Blick auf eine "Welt aus den Fugen" und Claus Klebers Buch über den Klimawandel mit einschließen. Nur zwei Bücher ("Als Helmut Schmidt einmal ..." und "Neukölln ist überall") befassten sich zuletzt mit handfester Politik in Deutschland. Ansonsten eher Lebenshilfe, Religion und Gefühle.

Umso überraschender ist der Nummer-eins-Titel: "Ego" von Frank Schirrmacher, dem Genie des Sachbuch-Bestsellertums. Dessen zuverlässiger Erfolg aber zeigt, was die Deutschen wirklich umtreibt, selbst in Zeiten von Wohlstand und Aufschwung: Angst. Sein Bestseller "Das Methusalem-Komplott" hauchte der uralten Angst vor dem Aussterben neues Leben ein. "Payback", über die Fallstricke des digitalen Zeitalters, lebt von den gleichen Zukunftsängsten, aus denen in den USA das damalige Schund-Genre Science Fiction erwuchs.

In "Ego" schürt Schirrmacher die Angst vor dem moralischen und kulturellen Untergang vor allem durch den Kapitalismus, er geht sogar noch viel weiter: Schirrmacher entwickelt eine Theorie, die mit dem endgültigen moralischen Untergang der Deutschen, ja, der Menschheit endet. Hut ab! Das sind Untergangsszenarien, wie die Deutschen sie lieben: Da finden sie den prickelnden Kick der Hilflosigkeit, die endgültige Katharsis in dem Bewusstsein, dass jetzt endlich alles kaputt ist und nicht mehr schlimmer kommen kann.