Wir Amis / US-Kolumne : Deutsche träumen vom Untergang, Amerikaner vom Erfolg

Welche Sachbücher Bestseller werden, sagt viel über ein Land aus. Frank Schirrmachers "Ego" wäre in den USA ein Flop.
Frank Schirrmacher (Archivbild) © Ralph Orlowski

Wer ein Sachbuch liest, nimmt sich mehrere Tage oder Wochen Zeit für ein Thema. Das ist etwas ganz anderes, als schnell über ein paar Zeitungsartikel zu fliegen oder sich durchs Fernsehprogramm zu zappen. Das tut man nur, wenn es einem wirklich wichtig ist. Ein Blick auf die Sachbuch-Bestsellerliste kann deshalb viel über die Menschen verraten, die in einem Land leben.

Nehmen wir zum Beispiel die Bestsellerliste in der New York Times: Sechs der Top-20-Titel befassen sich mit umstrittenen historischen Präsidenten von Thomas Jefferson (Menschenrechtler, Sklavenhalter, Rassist) bis Calvin Coolidge (der ist nicht mal mir besonders geläufig – trotzdem: Bestsellerliste) oder sind von lebenden Politikern wie Al Gore geschrieben. Weitere vier handeln von Themen, die am Rande politisch sind, etwa von der Tötung Osama bin Ladens.

Amerika denkt über sich selbst als Staat nach. Es fragt sich: Wer sind wir? Stehen wir rechts oder links, sind wir fortschrittlich oder konservativ? Was kann uns unsere Vergangenheit über unsere Zukunft sagen? Das sind Fragen, die zu einer Zeit des Umbruchs passen, und in so einer Zeit leben wir.

Die Deutschen haben Angst

Der Eindruck, den die deutsche Bestsellerliste hinterlässt, ist ein ganz anderer. Von den Deutschen heißt es, sie hätten besonders viel politisches Bewusstsein. Doch nur fünf Titel der Top 20 könnte man irgendwie als "politisch" einordnen. Selbst um diese Zahl zu erreichen, muss man Peter Scholl-Latours Blick auf eine "Welt aus den Fugen" und Claus Klebers Buch über den Klimawandel mit einschließen. Nur zwei Bücher ("Als Helmut Schmidt einmal ..." und "Neukölln ist überall") befassten sich zuletzt mit handfester Politik in Deutschland. Ansonsten eher Lebenshilfe, Religion und Gefühle.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

Umso überraschender ist der Nummer-eins-Titel: "Ego" von Frank Schirrmacher, dem Genie des Sachbuch-Bestsellertums. Dessen zuverlässiger Erfolg aber zeigt, was die Deutschen wirklich umtreibt, selbst in Zeiten von Wohlstand und Aufschwung: Angst. Sein Bestseller "Das Methusalem-Komplott" hauchte der uralten Angst vor dem Aussterben neues Leben ein. "Payback", über die Fallstricke des digitalen Zeitalters, lebt von den gleichen Zukunftsängsten, aus denen in den USA das damalige Schund-Genre Science Fiction erwuchs.

In "Ego" schürt Schirrmacher die Angst vor dem moralischen und kulturellen Untergang vor allem durch den Kapitalismus, er geht sogar noch viel weiter: Schirrmacher entwickelt eine Theorie, die mit dem endgültigen moralischen Untergang der Deutschen, ja, der Menschheit endet. Hut ab! Das sind Untergangsszenarien, wie die Deutschen sie lieben: Da finden sie den prickelnden Kick der Hilflosigkeit, die endgültige Katharsis in dem Bewusstsein, dass jetzt endlich alles kaputt ist und nicht mehr schlimmer kommen kann.

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Kommentare

126 Kommentare Seite 1 von 17 Kommentieren

@ 1 Gerhard Ott

Träume sind was Schönes, wenn die Erfolgreichen sie nicht zunehmend dazu nutzen würden, immer Nachfolgern die Möglichkeit zum Erfolg zu verbauen, in dem man den Abgrund dann herbei redet, wenn diese auch die Möglichkeiten nutzen wollen.

USA mögen am Abrund stehen wie immer mal in den letzen 40 Jahren. Aber wenn sie davon weg sind, haben viele was davon.

In Deutschland und Europa werden immer mehr an den Rand des Abgrunds geredet und verwaltet, mit der höflichen Aufforderung, bitte sich dort weiter auf zu halten.

Und damit die nicht verführt werden und sich begnügen, wird der Erfolg halt als Weg in den Abgrund beschworen.

Mir geht es gut, so soll es bleiben und die Almosen beruhigen das Selbst und die Anderen.

Man darf ruhig scheiße finden, was man versteht

Man kann auch von Ökonomie etwas verstehen und gewisse Dinge, die daraus resultieren für bekloppt und gemeingefährlich halten. Das heißt dann "sich eine Meinung bilden" anstatt immer allem, was einer der großen Ökonomen sagt, Recht zu geben und das als Wahrheit zu deklarieren. Sich selbst Gedanken zu machen - das macht den Menschen aus.

Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht. Welch eine geistige Meisterleistung.

Ich finde es zum Kotzen, wenn behauptet wird, der Mensch tue alles nur für seinen eigenen Profit und der Rest sei ihm egal. Schön für Sie, wenn Sie genauso sind und so ein häßliches "ökonomisches Denken" bestätigen.

Und der Dumme ist wohl eher derjenige, der glaubt, was ihm gesagt wird, anstatt sich damit auseinanderzusetzen und zu denken.

Wir haben hier übrigens Bäume UND Büsche. Schon gesehen?

Von Hunden auch keine Ahnung

Nein, ich versuche nur Ihnen zu erklären, dass nicht alle Welt neidisch auf Ihr geliebtes Amerika ist.

Meine Familie wurde im zweiten Weltkrieg in Deutschland verfolgt, hätte die Möglichkeit gehabt in die USA auszuwandern. Einige haben das getan. Kamen wieder und sagten (damals schon, das war in den 50er) "Nein, da kann ich nicht leben. Die sind alle nicht echt!"

ich bin stolz darauf hier zu leben, in einem Land, in dem man noch rechnen kann und nicht ständig so tun muss, als sei man fürchterlich reich und schön und abgehoben.

Im Übrigen bellen betroffene Hunde nicht, sondern setzen sich verschämt in eine Ecke.

Doppelt verloren

Werter Schalhevet,

nur weil Sie aus evidenter Ahnungslosigkeit Werturteile wie "hässlich", "bekloppt" und "gemeingefährlich" benutzen, wird das zugrundeliegende Verständnisproblem nicht gelöst.

Fakt ist: "der Deutsche" ist frustriert vor lauter Arbeit, allerdings exportiert sein erarbeitetes Kapital für Lau, weil er von Ökonomie nichts versteht.

Ergo: "der Deutsche" hat doppelt verloren. 1. Weil er sein Leben nicht genießt. 2. Weil er es nicht schafft, aus dem geopferten Leben den größtmöglichen Gewinn herauszuholen.

Fazit: Welch eine traurige Verschwendung von Gott geschenktem Leben.

Widersprüche führen zum Verlust der Glaubwürdigkeit

Auf einmal sind "die Amerikaner" begeistert vom Deutschen leben? Dabei hieß es doch noch im Grundtenor der Beiträge, dass die Amerikaner nicht wüssten, wo vorn und hinten (und erst recht nicht Deutschland) ist. Nun auf einmal sind aus den einfach gestrickten Einsiedlern Weltenbummler mit einer leidenschaftlichen Liebe zu Deutschland geworden.

Damit haben Sie Ihren letzten Kredit an Glaubwürdigkeit verspielt und Sich vollends der Lächerlichkeit preisgegeben.

Warten Sie...

... soll ich ihnen die als Antwort auf die billige stereotype Darstellung von Herrn Hansen gedachten absichtlich so überzogen vorurteilsbeladenen Textstellen nochmal markieren oder finden Sie sie selbst? ;-)

"Wenn der Deutsche sich nicht mit sich selbst auseinandersetzt, sondern mit irgendwelchen dystopischen Angst-Romanen, dann nur aus dem Grund, weil er immer noch zutiefst beschämt ist über seine beiden erfolglosen Versuche, zum Weltreich aufzusteigen."

Aha. Die Bereitschaft Dinge auf den Prüfstand zu stellen als Konsequenz aus zwei verlorenen Weltkriegen. In dem Fall sollte jeder mal in den "Genuss" kommen...

Rational dagegen entscheiden, ein Haus zu kaufen

Sehen Sie, dass ist unsere Sicht, den hiesigen Verhältnissen geschuldet: Kredit für Hauskauf, Grundschuldeintragung, Sicherungsvereinbarung, die beinhaltet, dass Sie mit allem haften, was Sie haben, evtl. gleich noch mit einer Vorab- Annerkennung von Vollstreckungsmaßnahmen im Falle der Nichtbedienung des Kredites.

In USA war es anscheinend üblich, dass das Haus die Sicherheit für die Bank war. Das Haus, nichts weiter. Sie geben quasi den Schlüssel ab, fertig, setzen sich in Ihr Auto mit Trailer und suchen anderswo Ihr Glück. Da fallen bestimmte Entscheidungen leichter und ganz anders aus. Und sagen Sie nicht, das hätte keine Auswirkungen auf die Psyche und die Sichtweise auf das Leben...

Und selbst die (in den Bundestaaten höchst unterschiedlichen) Waffengesetze tragen zu einer anderen Sichtweise -auch auf sich selbst- bei.

Ich mag die Amis. Zumindest die, die nicht an der Wallstraße arbeiten.