Thomas Schmidt* glaubt an keinen Christus, keinen Allah, keinen Jehova. 20 Jahre war er bei den Zeugen Jehovas, doch vor sechs Jahren hat er die Sekte verlassen. Um noch an etwas zu glauben, wisse er einfach zu viel, sagt der 46-Jährige heute.

Als er Anfang zwanzig war, war das anders. Er war gerade in eine Großstadt gezogen, wollte eine Ausbildung beginnen. Er war einsam, schüchtern und fand keine Freunde. Als eines Tages Zeugen Jehovas an seiner Wohnungstür klingelten, verabredete er sich mit den Jugendlichen der Sekte zum Fußballspielen. "Die Jungs wirkten wie ganz normale Leute", erzählt er. "Ich fühlte mich schnell integriert." Er bekam die ersehnte Zuneigung, Freundschaft und einen klaren moralischen Rahmen. Ein Jahr später trat er der Sekte bei.

Glaube an Harmagedon

165.000 Zeugen Jehovas gibt es schätzungsweise in Deutschland, 7,6 Millionen Anhänger haben sie weltweit. Schmidt begann mit ihnen zu glauben, bald werde ein Gotteskrieg ausbrechen, von den Zeugen Jehovas Harmagedon genannt. Nach der Idee der Sekte überleben diesen Krieg nur diejenigen, die sich ihren strengen Regeln unterwerfen. Weltmenschen, wie Nicht-Zeugen genannt werden, kommen darin um. In Zeiten des Kalten Krieges, atomarer Aufrüstung und von Umweltkatastrophen leuchtete eine solche Vision Schmidt ein. "Die Zeugen waren das Licht in diesem Dunkel", erklärt er. Er habe tatsächlich geglaubt, nur dann überleben zu können, wenn er sein Leben der Sekte widme.

Fortan ging er dreimal die Woche zur sogenannten Zusammenkunft, dem Gottesdienst der Zeugen Jehovas. Abends studierte er die Bibel. Nun klingelte er seinerseits mehrfach in der Woche mit der Zeitschrift Wachturm in der Hand bei Unbekannten an der Tür, um sie von der Weltanschauung der Sekte zu überzeugen.

Schließlich heiratete er eine Frau, die ebenfalls Mitglied der Sekte war.