Die Welt schaut einmal mehr nach Indien. Eine Schweizerin wurde am vergangenen Freitag im Bundesstaat Madhya Pradesh von mehreren Männern ausgeraubt und vergewaltigt. Ihr gefesselter Ehemann musste das Verbrechen mit ansehen. Weil das Opfer eine Touristin ist, erfährt die Tat im Westen zusätzliche Aufmerksamkeit. Der erste Reflex darauf ist: Ändert sich in Indien in der Frage der Gewalt gegen Frauen denn gar nichts?

Seit im Dezember die brutale Vergewaltigung einer Studentin in Neu Delhi Massenproteste in Indien auslöste, hofften viele Bürger des Landes auf Besserung. Sie starb an den Folgen der Tat, darüber wurde weltweit berichtet. Indiens Frauen und mit ihnen viele Männer erhoben sich, um gegen die in Indien weit verbreitete Gewalt gegen Frauen zu demonstrieren. Sie forderten mehr Sicherheit und vor allem, dass Polizei wie Justiz aktiver gegen die Täter vorgehen. Die Entrüstung erfasste das gesamte Land, die Proteste im Dezember erinnerten in ihrer Dynamik fast an die Anfänge des arabischen Frühlings.

Nur: Was ist seither geschehen? Zwar ist sich die indische Gesellschaft der Gefahren, denen Frauen in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind, bewusster denn je. Zwar gibt es endlich eine Debatte, gibt es Forderungen nach mehr Zivilcourage zum Schutz von Frauen. Doch wirklich geändert hat sich im Grunde wenig. Regelmäßig zeigen Umfragen, dass sich die Mehrheit der Inderinnen im Dunkeln weiterhin nicht aus dem Haus traut. Das Trauma ist geblieben – die Politik hat daran nichts ändern können.

Die Regierung ist offenkundig überfordert

Der Innenminister des Bundesstaates Madhya Pradesh, Uma Shankar Gupta, gestand im Prinzip nichts anderes ein, als er am Sonntag zum Vergewaltigungsfall der 39-jährigen Schweizerin sagte: "Wenn ausländische Touristen kommen, dann (...) sollten sie die Polizeipräsidenten der Distrikte, die sie besuchen, über ihre Reisepläne informieren." Dann könne für ihre Sicherheit gesorgt werden.

Der Minister gab damit dem Schweizer Paar nicht nur die Mitschuld für die Vergewaltigung, wofür er schnell und zu Recht in die Kritik geriet. Er bewies auch seine eigene Hilflosigkeit. Die Erwartungen an die indische Politik waren nach den Protesten im Dezember enorm. Jeder hoffte auf einen Wandel, der aber politisch kaum verordnet werden kann.

Tatsächlich unterschätzen Indientouristen die Gefahren allzu leicht. Während den meisten westlichen Frauen klar ist, dass man in streng islamischen Ländern besser in männlicher Begleitung reist, setzen viele Touristen in Indien immer noch eine relative Reisesicherheit voraus. Selbst die Vergewaltigung der Studentin im Dezember hat am westlichen Indienbild wenig gerüttelt. Die Proteste vermittelten ja auch wieder einen positiven Eindruck. Doch die grausame Tat war eben kein Einzelfall.

Und: Selbst in männlicher Begleitung sind Frauen in Indien nicht in Sicherheit, Gruppenvergewaltigungen sind hier die Regel. Weder im Fall der Studentin aus Delhi noch im Fall der Schweizerin konnten die männlichen Begleiter die Taten verhindern. Die Regierung ist bemüht, aber offenkundig überfordert. Es gibt kein Patentrezept gegen die tief sitzende Missachtung der Frauen in Indien.