Eine Bahnstation in der nordindischen Millionenstadt Lucknow © REUTERS/Pawan Kumar

Eigentlich müsste Lucknow mindestens so bekannt sein wie Jakarta oder Brasilia. Der Staat Uttar Pradesh, dessen Hauptstadt Lucknow ist, hat immerhin mehr Einwohner als Indonesien oder Brasilien. Doch Uttar Pradesh ist nur ein indischer Bundesstaat, der vielen Westlern ebenso wenig geläufig ist wie seine arme, alte Hauptstadt.

Bei der Einfahrt in die 2,9-Millionen-Metropole merkt der Besucher lange nicht, dass er Lucknow erreicht hat. So dörflich wirken die Stadtränder. Sie sind voller Hütten und Ziegelsteinhäuschen der Zugezogenen. Die aber haben Kühe und Vieh vom Land mitgebracht und leben auch in Lucknow wie auf dem Dorf. Nur dass sie tagsüber keine Feldarbeit verrichten, sondern sich als Tagelöhner auf Baustellen, beim Marktverkauf oder in kleinen Werkstätten verdingen. Für sie gibt es am Stadtrand keine Wasser- und Stromversorgung. Tagsüber stehen die Frauen Schlange vor den wenigen Brunnen.

Nachts ist alles so dunkel, als gäbe es die Stadt hier noch gar nicht. Das liegt auch daran, dass Lucknow an seinen Rändern so schnell wächst. Allein in den letzten zehn Jahren – von 2001 bis 2011 – stieg die Stadtbevölkerung um 25,8 Prozent, im Jahrzehnt davor sogar um 32 Prozent. All die Neuen aber leben am Rand der Stadt, wo sich immer ein Platz für den alten Nachbarn findet, der es endlich auch wagt, seine Dorfhütte zu verlassen. Doch es ist ein Sprung von einem Elend zum anderen. Uttar Pradesh ist eine der ärmsten Regionen der Welt, auf dem Land sind fast die Hälfte der Einwohner von Unterernährung und Analphabetentum betroffen.

Nur am Busbahnhof fühlt sich Lucknow wie eine Großstadt an

Doch auch in einer Stadt wie Lucknow leben die meisten nur von der Hand in den Mund. Denn es gibt kaum Fabriken mit festen Arbeitsplätzen. Nicht einmal die Anfahrtsstraße zum Flughafen ist ausgebaut. Zwischen Motorrädern, Dreirädern und Lastwagen sind normale Pkws geradezu eine Seltenheit. Die Globalisierung hat Lucknow noch nicht durch seine Mühle gemahlen. Dafür gibt an jeder Ecke Samosa in Öl gebraten.

Selbst die Innenstadt bietet nur tagsüber das übliche indische Verkehrschaos. Denn auch hier fehlt nach Eintritt der Dunkelheit in den meisten Straßen die Beleuchtung und die Leute gehen nach Haus. Nur am jederzeit überlaufenden Busbahnhof fühlt sich Lucknow wie eine Großstadt an. In all der Bescheidenheit aber fallen die neuen Parade-Bauten der Unberührbaren-Regierung von 2007 bis 2012 besonders auf. Zum ersten Mal in der viele Tausend Jahre alten Geschichte Indiens regierte hier in dieser nicht lange zurückliegenden Zeit eine Partei der Unberührbaren-Kaste mit absoluter Mehrheit.

Mayawati hieß die Regierungschefin, die ihre historische Rolle sehr ernst nahm und in Lucknow Denkmäler von sich und anderen Helden ihrer Partei errichten ließ. Hinzu kamen Parks mit vielen steinernen Elefanten, dem Symbol ihrer Partei. Das wirkt jetzt alles etwas seltsam fremd und steif in der staubigen Stadt. Mayawati hat deshalb auch Tausende Kritiker. Aber die sandfarbenen Bauten halten ein ungeheures, in Indien bisher nie eingelöstes Versprechen: das der Kastenbefreiung.

Noch ist es nicht so weit. Im März vergangenen Jahres wurde Mayawati wieder abgewählt, auch weil sie als korrupt galt. Aber eines Tages könnte Lucknow dafür in aller Welt bekannt werden: als Hauptstadt der Unberührbaren, die es dann endlich geschafft haben, ihr Sklaventum abzulegen.