NSU-ProzessGericht wird nichts am Vergabeverfahren für Journalisten ändern

Das Oberlandesgericht München rückt nicht von seiner Akkreditierungsliste ab. Damit bleibt türkischen Medien beim NSU-Prozess ein garantierter Platz im Saal verwehrt.

Ein Absperrband im Sitzungssaal 101 des Oberlandesgericht München (Archivbild)

Ein Absperrband im Sitzungssaal 101 des Oberlandesgericht München (Archivbild)

In drei Wochen startet der NSU-Prozess – und türkische Medien werden keinen festen Platz im Gerichtssaal haben. Obwohl Politiker und Juristen für eine pragmatische Lösung im Streit um die Akkreditierungsliste für Journalisten werben, bleibt das Gericht hart: Am Zulassungsverfahren und an der Akkreditierungsliste werde sich nichts ändern, sagte der Präsident Karl Huber. Weiter sprach er sich gegen eine Videoübertragung des Prozesses für Journalisten in einem anderen Gerichtssaal aus. Dies hatten namhafte Juristen und auch Politiker zuvor erneut gefordert.

Türkische Journalisten könnten sehr wohl aus dem Prozess berichten, sagte Huber. Dazu müssten aber akkreditierte Kollegen auf ihren Platz verzichten. Zudem müssten ihnen die Kollegen den Vortritt lassen, die in der Schlange vorne stünden. "Damit besteht die Möglichkeit, dass auch türkische Journalisten bei einer Solidarität der deutschen Kollegen an dem Verfahren teilnehmen können", sagte der Gerichtspräsident. Diese Regelung ist jedoch nicht neu: Das Gericht hatte sie bereits zusammen mit den Akkreditierungslisten bekannt gemacht.

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Das Verfahren gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer wird am 17. April beginnen. Am Montag hatte das Oberlandesgericht die Liste der zugelassenen Medien veröffentlicht. Kein türkisches Medium hat einen der 50 reservierten Plätze für Journalisten im Gerichtssaal bekommen. Dabei hatten acht der zehn Opfer türkische Wurzeln. Die Akkreditierungen wurden strikt nach Eingang der Anmeldungen vergeben.

Die türkische Regierung hat einen besseren Zugang türkischer Medien bei dem bevorstehenden NSU-Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht gefordert. Angesichts der Bedeutung des Verfahrens für die Türken in Deutschland und die Öffentlichkeit in der Türkei sei zu wünschen, dass das Gericht seine bisherigen Entscheidungen überdenkt. Zwischen den Regierungen in Ankara und Berlin gebe es in dieser Frage keine Differenzen, hieß es auch in türkischen Regierungskreisen. Die Bundesregierung hatte zuvor den mangelhaften Zugang türkischer Journalisten zum Prozess kritisiert.

Akkreditierung

Am 17. April beginnt der Prozess gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer der rechten Terrorzelle. 123 Redakteure, Reporter und freie Journalisten hatten sich beim Oberlandesgericht München (OLG) um eine Akkreditierung bemüht. Unter ihnen waren acht türkische Medien. Insgesamt vergab das Gericht 50 feste Presse-Plätze. Die Akkreditierungsanträge wurden dabei in der Reihenfolge ihres Eingangs berücksichtigt. Die Bedingungen zur Akkreditierung wurden mit der Sicherheitsverfügung vom 04.03.2013 öffentlich. Sämtliche Sitzungen finden im Sitzungsaal A 101 im OLG München statt.

Ablauf am Prozesstag

Für die Akkreditierten stehen im Sitzungssaal insgesamt 50 Sitzplätze zur Verfügung, die an jedem Sitzungstag bis 15 Minuten vor Beginn der Verhandlung für die festgelegten Journalisten reserviert sind. Sollten die Plätze bis dahin nicht eingenommen sein, werden sie an weitere wartende akkreditierte Medienvertreter in der Reihenfolge ihrer Ankunft vor dem Sitzungssaal vergeben. Wenn keine weiteren akkreditierten Medienvertreter warten, werden die freien Sitzplätze an sonstige wartende Zuhörer vergeben. Medienleute, die keinen Sitzplatz gefunden haben, müssen den Sitzungssaal vor Beginn der Sitzung verlassen.

Akkreditierte Medien

Sieben öffentlich-rechtliche Sender haben einen Platz bekommen: ZDF, Deutschlandfunk und auch die in der ARD zusammengefassten Sender BR, MDR, WDR, SWR, NDR. Auch die Nachrichtenagenturen dpa, dapd und Reuters sind vertreten, ebenso der Münchner Lokalsender Arabella. Eine genaue Liste der beim Prozess zugelassenen Medien und mögliche Nachrücker hat das OLG aus seiner Internetseite veröffentlicht.

Die türkische Tageszeitung Hürriyet kritisiert des Vorgehen das Gerichts und schreibt, sie habe die Akkreditierung am 5. März, dem ersten möglichen Tag beantragt. "Dennoch findet sich die Hürriyet auf dem 68. Platz wieder." Der Oppositionspolitiker und ehemalige Europarichter Rıza Türmen sagte der Tageszeitung Milliyet, es sei das Recht türkischer Medien, diesen Prozess zu beobachten und Teil der Meinungsfreiheit. Er halte es für problematisch, der türkischen Öffentlichkeit diese Informationen vorzuenthalten.

Gericht soll Einbindung türkischer Medien zugesagt haben

Das Gericht hatte zuvor auch eine Platzreservierung für den türkischen Botschafter in Berlin, Hüseyin Avni Karslıoğlu, abgelehnt. Faruk Şen, ehemaliger Leiter des Zentrums für Türkeistudien in Essen, sagte der Deutschen Welle, die Abweisung des Botschafters und das merkwürdige Platzierungsverfahren für die Medien weckten den Verdacht, "dass man die Türken raushalten will". Das werde in der Türkei den Eindruck erwecken, auch die deutsche Regierung wolle etwas vertuschen.

Aus der CDU erhielt das Gericht Rückendeckung. Der Vorsitzende des Bundestagsrechtsausschusses, Siegfried Kauder, sagte: "Ob türkisch oder nicht türkisch, danach unterscheidet die Justiz nicht. Im Übrigen wird immerhin die Hälfte der Sitzplätze für Journalisten freigehalten." Die Entscheidungen des Gerichts bewegten sich im Rahmen des rechtlich Zulässigen und Möglichen.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Für Deutschland ist die türkische Regierung genauso unlegitimiert wie die deutsche Regierung für die Türkei.

    Das kann man gerne anders sehen, man muß aber die Realität ignorieren.

  2. das scheinen Sie nicht mitbekommen zu haben. Und wie die deutschen Ermittlungsbehörden über lange Jahre assoziieren Sie Türken mit Drogenhandel und organisierter Kriminalität. Das ist vor dem Hintergrund dieser Geschichte einfach widerlich.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. 7."Die Unabhängigkeit der Justiz von der Politik, insbesondere von der ausländischen Politik, muss gewahrt bleiben."

    Bleibt zu hoffen,dass das klappt...bei der Dreistigkeit mit der sich andere Länder einzumischen versuchen.

    3 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Fordern und Bitten"
  4. 76. Frage

    67. "ich bin entsetzt
    ich überlege schon lange obich mich an der diskussion betieligen soll, aber es reicht langsam mit der unverschämtheit der türkischen regierung"

    ich kann Ihnen nur rechtgeben.
    Was Sie persönlich erlebt haben und beschreiben,ist unfassbar,
    wieso ging das nicht durch die Presse?

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "[...]"
  5. Sie mussten so entscheiden.

    Wenn sie das Verfahren geändert hätten, käme der Vorwurf das sie nicht unabhängig sind.

    Sie konnten nachdem das ganze so aufgebauscht wurde auch nicht einen Platz schenken da das auch seltsame fragen aufgeworfen hätte.

    3 Leser-Empfehlungen
    • Besoge
    • 28.03.2013 um 20:42 Uhr

    Der Vorsitzende ist ein erfahrener Strafrichter. Er muss sich nicht in strafprozessualen Angelegenheiten belehren lassen. Dieser Prozesse ist kein Schauprozess zur Befriedigung der Sensationsgier. Er folgt klar geregelten rechtsstaatlichen Abläufen und unterliegt eben nicht der Beliebigkeit gesellschaftspolitischer Interessen. Und schon gar nicht kann er zulassen, dass das Verfahren und die Beteiligten durch Druck von Außen manipuliert werden.

    8 Leser-Empfehlungen
  6. dass ausgerechnet von offizieller türkischer Seite Meinungsfreiheit und gerechte Beteiligung der Medien gefordert wird.

    4 Leser-Empfehlungen
  7. "warum"? - Weil wir hoffentlich was gelernt haben aus der Geschichte!

    Ausserdem entlarvt sich ein Staat durch solcherlei Gebahren und zeigt deutlich, dass er noch einen weiten Weg vor sich hat, wenn das Ziel der Eintritt in die europäische Völkergemeinschaft ist sein soll.

    Ist doch praktisch, dass solche "Indikatoren" so leicht zu erkennen sind - Wenn in der Türkei solche Rhetorik mal aufhört, sind EU-Beitrittsverhandlungen sicher viel erfolgsversprechender

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Fordern und Bitten"

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  • Quelle ZEIT ONLINE, AFP, jam
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