Als die ersten schwarzen Luftballons in den schneeverhangenen Himmel aufsteigen, schlägt die Turmuhr zwölf. Gerade rechtzeitig hat Oliver Igel, Bezirksbürgermeister in Berlin-Köpenick, seine kurze Rede für mehr Toleranz und gegen Diskriminierung beendet. Und gerade noch rechtzeitig soll die Aktion "5 vor 12" auf Alltagsrassismus aufmerksam machen: Es sei höchste Zeit, sich gegen den Rechtspopulismus in der Mitte der Gesellschaft zu wenden, heißt es beim Türkischen Bund Berlin-Brandenburg (TBB), der die Aktion zum zweiten Mal initiierte.

In Köpenick sind dafür knapp 40 Menschen zusammengekommen. "Wenn auf der Straße Leute angepöbelt und angegriffen werden, weil sie anders sind, zeigt das, dass die Zivilgesellschaft noch viel zu tun hat", sagt der SPD-Politiker Igel. Die Zuhörer nicken. Kurz schauen sie noch den Luftballons hinterher, dann gehen sie weiter. Kaum jemand bleibt, um Erfahrungen auszutauschen oder Lösungsvorschläge zu diskutieren.

Dennoch ist Igel zuversichtlich, mit der Aktion Bürger erreicht zu haben. Die Veranstaltung sei bewusst langfristig angelegt, um durch stete Wiederholung die Sensibilität für Alltagsrassismus zu stärken. Aber auch in der Politik sei ein Umdenken erforderlich. "In der Bundesregierung gibt es Tendenzen, das Problem wegzuschieben und Nebenkriegsschauplätze zu eröffnen", sagt der Bezirksbürgermeister mit Blick auf die Aufarbeitung der NSU-Morde.

"Es reicht nicht, ein einziges Zeichen zu setzen", ergänzt Köpenicks Integrationsbeauftragter, Sven Schmohl, während die Aktion "5 vor 12" zeitgleich an vier weiteren Standorten in Berlin sowie in Schleswig-Holstein, Hamburg, Hessen und Baden-Württemberg stattfindet. Spürbar liegt der Fokus auf der Basisarbeit, unbedarfte Passanten nehmen die fünfminütige Aktion jedenfalls kaum wahr.

"Hier in Kreuzberg gibt es keinen Rassismus"

15 Kilometer entfernt, in Berlin-Kreuzberg, ist der Zulauf größer. Rund 150 Menschen beteiligen sich an der Veranstaltung, darunter Claudia Roth von den Grünen und Katja Kipping von der Linken. Einige türkische Geschäftsleute aus der Gegend lassen die Arbeit kurz ruhen – auch sie wollen die Ballons fliegen lassen, die der TBB verteilt hat. Andernorts wird der Rassismus symbolisch mit dem Besen weggefegt. Aber die Betroffenheit hält sich in Grenzen, berichtet Bünyamin, der nebenan in einem Dönerladen arbeitet.

"Wir haben davon gehört, aber nicht mitgemacht", sagt er. "Wir sind ja nicht betroffen, hier in Kreuzberg gibt es keinen Rassismus. Es gibt viele Ausländer hier, da lebt man zusammen und sieht, dass das funktioniert." Ein Kollege fügt hinzu, dass letztes Jahr, kurz nach Bekanntwerden der NSU-Morde, mehr Leute teilgenommen hätten. "Das ist die Krankheit des Menschen, dass er vergisst."