Indien und China : "Vielleicht haben arrangierte Ehen bessere Chancen"

Ein Inder heiratet eine Frau, die er nicht liebt. Die Liebesheirat einer Chinesin scheitert. Die arrangierte Ehe in China und Indien verteidigt ihre Vorherrschaft.

Arun lebt die meiste Zeit des Jahres in Rom. Seit zwei Jahren dient er hier als zweiter Offizier der indischen Handelsmarine. Alle zwei Monate bekommt er Heimaturlaub. Auch jetzt wieder. Doch der junge Inder besteigt das Flugzeug nach Dehli mit gemischten Gefühlen. Wenn er das nächste Mal nach Italien zurückkehrt, wird er verheiratet sein. Er ist nervös, das merkt man dem gut aussehenden 24-Jährigen an.

Auch Mei war nervös vor ihrer Hochzeit. Dabei heiratete die Pekingerin bescheiden, ohne große Feier. Aber es war eine große Entscheidung – für eine Liebesheirat. Ihren Mann kannte sie von klein auf. Sie waren zusammen zur Schule gegangen, im selben Stadtteil von Peking aufgewachsen. Seit ihrer Teeny-Zeit waren Mei und Dawei ein Paar. Es ist selten in China, dass auf diese Weise eine Ehe entsteht. Dass sich eine Frau für die Liebe entscheidet und nicht für finanzielle Sicherheit.

Als Mei und Dawei heirateten, waren beide noch Studenten. Mei begleitete Dawei für sein Studium nach Amerika, dort wurde auch ihre Tochter geboren, die einen amerikanischen Pass erhielt. Nach ihrer Rückkehr nach Peking bekamen die beiden noch einen Sohn. Die chinesische Ein-Kind-Politik konnten sie umgehen, da die Tochter Amerikanerin ist. Ein Sohn und eine Tochter, dazu eine glückliche Ehe: Das ist viel in China. Beinah unerreichbar. Die heute 40-jährige Wei lebte einen chinesischen Traum, um den sie viele Freundinnen beneideten.

Der Traum von der Liebesheirat

Auch für Arun war der Traum von der Liebesheirat zum Greifen nah. Genau wie Wei verliebte sich Arun bereits als Teenager in ein Mädchen aus seinem Dorf. Sie erwiderte seine Gefühle, und seine Eltern waren zufrieden mit der Wahl des Sohnes. Viele Jahre war Arun mit dem Mädchen zusammen und sehr glücklich, wie er erzählt. Er nennt sie seine große Liebe. Doch es ist nicht dieses Mädchen, das Arun heiraten wird. Seine große Liebe lebt inzwischen mit den Eltern in Delhi. Ihre Eltern waren mit der Verbindung nicht einverstanden. "Ein Kastenproblem", sagt Arun, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Er war nicht gut genug, eine Ehe ohne Einverständnis der Eltern undenkbar.

Ein Jahr lang führte Arun die Beziehung heimlich weiter. Auf jeder Heimreise machte er einen Zwischenstopp in Delhi. Er hoffte, die Freundin wäre eines Tages bereit, mit ihm zu gehen. Sie könnten heiraten und in Italien leben. Arun war zu allem bereit, auch zur dauerhaften Trennung von seiner Familie, wenn nötig. Doch die Freundin hatte Angst. Lieber wollte sie einen anderen heiraten – einen, den ihre Eltern wählen.

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Kommentare

108 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

@101 Gentilordnung -

Ich krieg mich nicht mehr. Sie wollen die asiatische Lebensweise, bei der es mehr um das Eingebundensein in die Großfamilie geht mit westlicher
Gentilordnung vergleichen ???

Unsere gesellschaftliche Realität ? Was bedeutet in diesem Zusammenhang denn "unsere" ???

Waren Sie schon in Indien. Kennen sie die dortigen Traditionen, Gepflogenheiten und Verhältnisse?

Wieso UNSERE?

Selten einen kulturchauvinistiischeren Beitrag gelesen, als den ihren !

@103 - Silvia Lisowski - Individuum, Maß aller Dinge

Na, dann scheinen Sie ja nicht unbedingt in der christlich-abendländischen Kultur in Reinform zu verweilen, sondern höchstens in ihrer privaten Interpretation derselben, die sie natürlich mit vielen teilen.

Mit Christus hat diese selbstbetriebene Nabelschau, sich für den Nabel des Universums zu halten, jedoch leider wenig zu tun. Der Nabelzentrismus wurde bei ihm durch eine Zentrierung auf Gott und auf das überindividuelle Gewissen, dem er innewohnt, klar ersetzt. Mit: liebe deinen nächsten WIE dich selbst, hat er klar und unmissverständlich ausgedrückt, dass es nicht nur um mich selbst, sondern in gleichem Maße um den anderen geht.

Des weiteren empfehle ich Ihnen Mal einen 3monatigen Aufenthalt in Japan, China, Thailand, Vietnam, Südkorea, Indien oder jedweder anderen asiatischen Kultur.

Mit ihrer Norm würden Sie da ziemlich schnell untergehen. Weil es die dort so nicht gibt.

Und das hat nichts mit falsch zu tun. Sondern, dass in unterschiedlichen Kulturen eine unterschiedlich hohe Wertung des rein indiviuellen als Maßstab gegeben ist.

Jenseits von Kulturchauvinismus gilt es meiner Meinung nach, dies zu akzeptieren.

Christentum?

Das Problem ist immer wieder, daß unsere westliche Gesellschaft als christlich fundiert unterstellt wird.
Es ist heute nicht mehr der Fall!

Die Überwindung des Religiösen war seit der Aufklärung ein blutiger und opferreicher Kampf. Der Freiheitskampf des Individuums erlangte seinen Höhepunkt in der Großen Französischen Revolution.
Das Menschenbild der Antike, die Renaisance, die Befreiung aus den religiösen und traditionellen Fesseln sind Sturmzeichen dieses gewaltigen Ringens des Individuums um Emanzipation.
Die Menschen geben sich ihre Ethik aus sich selbst heraus und lassen sich durch keine Tradition oder weltliche bzw. jenseitige Autorität beugen.
Das heißt die Entscheidung zur ehelichen Gemeinschaft tragen ausschließlich die Individuen, kein Kollektiv, keine Tradition, keine Religion!
Das das in archaischen Gesellschaften nicht der Fall ist, beweist nicht, daß es falsch ist.