Eine Decke um die Schultern gewickelt, wandert Frau Meier* über den Flur. An einem Korbsessel bleibt sie stehen und fährt mit den Fingern über die Lehne. Die Pflegerin legt eine Hand auf ihre Schulter. "Kommen Sie, wir wollen Abendbrot essen." Aus der Wohnküche riecht es nach Suppe. Die anderen acht Bewohnerinnen der Demenz-Wohngemeinschaft in Hamburg-Wandsbek sitzen bereits am Esstisch.

Wie Frau Meier lebt auch die Mutter von Marita Schmidt seit der Gründung der WG im Juli 2009 hier. Vor dem Einzug wurde sie dreieinhalb Jahre von ihrer anderen Tochter zu Hause gepflegt. Als das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich war, kam die Mutter zunächst in Kurzzeit-Pflege. "Eine wirkliche Alternative war das nicht", sagt Schmidt. Dort teilte sie sich das Zimmer mit einer anderen Frau, die weder aufstehen noch sprechen konnte.

Die Familie erfuhr schließlich von der Wohngemeinschaft, die gerade entstand. "Mit neun Plätzen ist die Einrichtung überschaubar. Hier kann individuell auf die Bedürfnisse meiner Mutter eingegangen werden und sie fühlt sich wohl", sagt sie.

Das Gemeinschaftsleben verändert sich

Die Voraussetzungen dafür sind gut. Auf knapp 350 Quadratmetern hat jede Bewohnerin ihr eigenes Zimmer mit seniorengerechtem Bad. Frau Faasch sammelt auf dem Schreibtisch und an den Wänden ihre Erinnerungsstücke und Fotos. Die Bilder ihrer Kinder stehen gleich neben dem Fernseher. Sie sieht am liebsten Krimis und die Sportschau.

Mit Mitte sechzig gehört sie zu den jüngeren Bewohnerinnen.  Sie leidet an Demenz und Multipler Sklerose und kann sich immer schlechter ausdrücken. "Wir konnten sie nicht zu Hause pflegen, darum waren wir glücklich über den WG-Platz", sagt ihr Sohn Martin Faasch.  "Wenn ich meine Mutter hier besuche, spüre ich, dass es ihr gut geht."

Neben dem privaten Bereich gibt es in der Küche und den Sitzecken Platz für Gemeinsames. Hier sitzen die Bewohner zusammen, spielen Mensch-Ärgere-Dich-Nicht oder singen. Aber das gemeinsame Leben verändert sich, wird immer weniger. "In den letzten vier Jahren ist die Krankheit bei allen vorangeschritten", erklärt Faasch. Sie gehen seltener gemeinsam in die Stadt und sprechen weniger miteinander. "Beim Einzug war der Austausch untereinander intensiver. Heute müssen die Pflegekräfte deutlich mehr zu Aktivitäten animieren", berichtet auch Frau Schmidt.

Die Angehörigen entscheiden mit

24 Stunden werden die Bewohnerinnen von einem ambulanten Pflegedienst betreut, mit bis zu vier Pflegern am Tag und einem in der Nacht. Statt Akkordarbeit am Bett können sie sich hier Zeit für den Alltag lassen. Eine Hauswirtschafterin kocht täglich frisch. Beim Tisch decken und Gemüse schneiden helfen die Bewohnerinnen. Weil das nicht mehr so schnell geht, fangen sie um zehn Uhr mit den Vorbereitungen an. Eine feste Struktur des Tages soll den Demenzkranken helfen, sich besser zu orientieren.

Individuelle Bedürfnisse lassen sich dabei in den Tagesablauf einbauen. "Meine Mutter legt Wert auf ihr Äußeres und ihre Frisur. Darauf nimmt man Rücksicht, es wird Teil der Therapie", sagt ihre Tochter lächelnd. Mehrmals in der Woche besucht Schmidt ihre Mutter, nimmt sie mit zum Einkaufen oder bastelt gemeinsam mit anderen Bewohnern.

Die Angehörigen spielen in der Organisation des Alltags eine wichtige Rolle. Das Konzept der Demenz-WG sieht nicht vor, dass sie die Kranken ganz abgeben und einmal im Monat einen Pflichtbesuch absolvieren. Sie sind die Auftraggeber des Pflegedienstes, haben den Mietvertrag und die Angehörigenvereinbarung gemeinsam unterschrieben und beteiligen sich an der inhaltlichen Arbeit. "Wir treffen uns regelmäßig, um Neuigkeiten zu besprechen. Das geht von der Anschaffung von Möbeln, über neue Therapieanwendungen bis hin zur Planung von Ausflügen", erklärt Faasch.