East Side GalleryBerlins legitimer Mauer-Protest oder Scheinheiligkeit?

Die Aufregung ist groß in Berlin, seit an der East Side Gallery Bauarbeiter anrückten. Zu Recht? M. Horeld ärgert sich über die Demonstranten. J. Leopold unterstützt sie. von  und

Fast alles ist falsch an dem, was die Demonstranten an der Berliner East Side Gallery dem Investor und der Stadt vorwerfen. Das fängt damit an, dass so getan wird, als käme der "Abriss" (es ist keiner, aber dazu gleich) überraschend. Das tut er nicht. Die Planungen dafür sind viele Jahre alt, seit Dezember 2012 ist bekannt, dass die Bauarbeiten im Frühjahr 2013 beginnen sollten. Zu Verschwörungstheorien taugt der Fall nicht.

Zudem wird das Mauerstück, um das es geht, gar nicht abgerissen, wie überall berichtet wird. Es wird versetzt. Wer jetzt mit der Verantwortung vor der Geschichte kommt, soll sich noch vier Absätze lang gedulden. Wir kommen darauf zurück.

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Ebenso falsch ist die Behauptung, die Mauer solle ursächlich wegen Luxuswohnungen abgebaut werden. Das trifft auf den umkämpften Mauerstreifen gerade nicht zu. Geöffnet werden soll das Bauwerk an dieser Stelle, um einen Zugang zu einer neuen Brücke zu ermöglichen. Dieser Neubau über die Spree sowie der notwendige Zugang zur Straße waren 2008 in einem Bürgerentscheid abgesegnet worden.

Markus Horeld
Markus Horeld

Markus Horeld leitet die Ressorts Politik, Meinung und Gesellschaft bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Apropos Bürgerentscheid: Der besagte damals, dass keine Hochhäuser am Spreeufer gebaut werden sollen. Warum aber darf dann dort nun ein 63-Meter-Wohnhaus entstehen? Einfache Antwort: Die Planungen sind älter als der Bürgerentscheid, der Investor hätte schon enteignet werden müssen, um das Gebäude zu verhindern.

Ohnehin manifestiert sich dort, wo sich jetzt die Demonstranten tummeln, keineswegs die Gentrifizierung Berlins. Verdrängt wird hier bestenfalls Leere, eine alteingesessene Anwohnerschaft gibt es mangels Bebauung nicht. Berlin hat ein ernstes Mietwohnungsproblem, aber nicht an der East Side Gallery, sondern in den Kiezen Friedrichshains, Neuköllns, Kreuzbergs. Dort muss protestiert werden, nicht an einem öden Flussufer, das auch nach der Bebauung allgemein zugänglich bleibt.

Das ist nicht die Mauer!

Zugegeben, all diese Argumente wirken klein und provinziell im Vergleich zum eigentlichen Vorwurf vieler Demonstranten und dem Tenor der internationalen Berichterstattung. Der lautet: Berlin wickelt seine Geschichte ab.

Dazu kann man nur sagen: Das ist schon längst passiert. Die echte Mauer, die Ost und West 28 Jahre lang trennte, die mitten durch die Stadt führte, diese Mauer existiert mit wenigen lächerlichen Ausnahmen nicht mehr. Die East Side Gallery ist nicht die Mauer. Sie steht, wie  ihr Name sagt, im Osten. Hinter ihr lag nicht der Westen, sondern bloß das Ost-Berliner Ufer der Spree. Bemalt wurde die East Side Gallery erst nach dem Mauerfall.

Berlin hat seine einzigartige Geschichte an ganz anderen Orten verraten: überall dort, wo die Mauer Straßen teilte, wo sie die Lebensadern der Stadt zerschnitt, wo sie Menschen trennte, obwohl sie wenige hundert Meter voneinander entfernt lebten. Diesen Zustand konnte und kann die East Side Gallery nie vermitteln. Allein ein Mauerneubau am Checkpoint Charlie könnte es. Für dieses Anliegen aber finden sich leider keine 6.000 Wutbürger.

von Markus Horeld

Leserkommentare
  1. Der besondere Wert der East Side Gallery liegt darin, dass sich in der Wendezeit viele bekannte Künstler daran verewigt haben und die weltweiten politischen Veränderungen dieser Jahre festgehalten haben. Das ist nebenbei auch der Grund dafür, dass das Bauwerk unter Denkmalschutz steht. Wenn auch das Bauwerk lediglich die ehemalige Hinterlandmauer der Grenzschutzanlagen darstellt, ist es doch zumindest für den Ostteil der Stadt die Grenze zwischen Ost und West gewesen. Die Aussage, es handle sich ja nicht um "die richtige Mauer" ist dann einfach nur zynisch und überheblich! Da die East Side Gallery ihre Wirkung als Denkmal nur in Gänze und ohne Lücken erfahrbar machen kann, verbietet sich jede weitere Veränderung von selbst, wenn man sich nicht dem Vorwurf aussetzen will, den Kommerz über das Verständnis deutscher Geschichte zu erheben.

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    Auf Wunsch des Users entfernt. Die Redaktion/sam

    Sie haben völlig recht! Für die Ostdeutschen war das die Mauer!

  2. Würde mich einmal interessieren wie viele das sind und wo man hier die Grenze zieht.

    Es werden sich immer wieder Menschen finden, die mit dem einen oder dem anderen nicht einverstanden sind. Wenn sie genug Stimmen zusammenbekommen, sollte man ihnen Gehör schenken.

    Wenn sie das nicht tun, dann sollte die Stadt als legitimer Entscheidungsträger ihre Position durchsetzen, sonst werden wir mit überhaupt nichts mehr fertig.

    Wem das nicht gefällt, der kann sich ja dann bei der Wahl bedanken.

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    ,,,der kann sich ja dann bei der Wahl bedanken."

    Dann ist es nur leider zu spät.

  3. vorbei gelaufen ist, wird dies nicht mehr vergessen. Es ist ein fester Bestandteil eines jeden Berlin Touristen und sollte so lange wie möglich erhalten bleiben. Das Ödland dahinter kann ja gerne (ver)bebaut werden, aber bitte mit 50% erschwinglichem Wohnraum für jederman und nicht nur für Juppies, welche es sich leisten können. Warum nicht eine Brücke bauen, welche über die Mauer in das Quartier führt ? Hier könnte Berlin Akzente setzen und zeigen, wie sozial verantwortlicher Wohnungsbau auf heutigem Niveau auszusehen hat.

    7 Leserempfehlungen
    • n14
    • 04. März 2013 18:34 Uhr

    Scheinheiligkeit. Genau wie beispielsweise auch bei den Protesten gegen Stuttgart 21. Hauptsache gegen irgendwas protestieren. Die Mauer muss weg!

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    ...weil das unsinnige Projekt vorhandenes Sinnvolles zerstört, für viele Milliarden Schlechteres bringt und eigentlich kein Bahnprojekt ist sondern eine gigantische, lokale Immobilienspekulation. Es wird dagegen protestiert weil Institutionen, Bürger, Stadt und Land getäuscht wurden und wir uns das alles nicht mehr gefallen lassen wollen.

    • ZH1006
    • 05. März 2013 9:02 Uhr

    und demonstrieren, die hierzu einen guten Grund und eine legitime Berechtigung hatten - so, wie es heute ist, ist es mir weitaus lieber.

  4. ... ist doch eh kein Geld da. Klar gehts um Fakten schaffen für Luxusbauten.
    Fragt eingach mal wowi anstatt hier Tausende engagierte MitbürgerInnen als wutbürger zu diffamieren!

    via ZEIT ONLINE plus App

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    • js.b
    • 04. März 2013 18:41 Uhr

    Ich hege Symphatie für diejenigen, die tatsächlich wegen der Mauer und damit aus Sorge um ein historisches Denkmal protestieren. Aber aus vielen Stimmen und auch manchen Kommentaren hier ist etwas ganz anderes herauszulesen: Es geht mal wieder um das in Berlin beliebte (linke) Lieblingsthema "Gentrifizierung" (hach ja) und die weltfremde Forderung nach staatlicher Steuerung der Mietpreise. Wenn das tatsächlich die Motivation ist: Gerne weg mit dem Mauerstück.

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    ... solange sie für die richtige Sache kämpfen.

    Die Mauer ist ein einzigartiges geschichtliches Denkmal, von dem nur noch ganz wenig übrig ist. Die ganz wenigen Teilstücke, die noch da sind (vielleicht insg. 1-2 km von ehemals 150 km), sollten wir erhalten. Ich bin auch gegen ein Versetzen. Denn Denkmalschutz ist Substanzschutz am historischen Ort. Eine Mauer durch eine Millionenstadt zu ziehen ist ein einzigartiger historischer Vorgang. Die Mauer ist ein Mahnmal gegen jedes totalitäre Regime, dass seine Bürger einsperren muss.

    Und: Das Mauerstück mit dem Bruderkuss oder dem Trabi wurde schon millionenfach fotografiert, es ist eine Touristenattraktion, die sicherlich mehr einbringt (Übernachtungen, Konsum in der Stadt etc.) als Eigentumswohnungen. Wer würde schon eine Postkarte mit einem Wohnhaus drauf kaufen?

    Wir sind doch auch froh, dass unsere Vorfahren nicht alle historischen Stadtmauern abgerissen haben, oder die Chinesen ihre Mauer, als sie ihren militärischen Sinn verloren hatte.

  5. trifft es erstaunlich offen, ehrlich und begründet genau so wie es ist.

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  6. Ich weiß, daß Lubhudelei in Deutschland nicht gut angesehen, in möchtegernintellekuellen Kreisen gerne als unkritisch gesehen und erfahrungsgemäß hämisch kritisiert wird, (ja, ich beajammmere die hämische heiligefäkalienproduziererei und die dazu analoge Zensiererei der Redaktion)...

    ...aber das PRO/CONTRA-Format ist doch das einzig wahre & sollte unbedingt ausgebaut werden, meine Güte, wie man doch sieht, daß alles 2 Seiten hat (jaja, sie wußten das schon) Danke (auch für die Aufrechterhaltung des Meinungspluralismus in der Redaktion, wie schön, daß man sich gleichzeitig aufregen und verstanden fühlen kann) !

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