Fast alles ist falsch an dem, was die Demonstranten an der Berliner East Side Gallery dem Investor und der Stadt vorwerfen. Das fängt damit an, dass so getan wird, als käme der "Abriss" (es ist keiner, aber dazu gleich) überraschend. Das tut er nicht. Die Planungen dafür sind viele Jahre alt, seit Dezember 2012 ist bekannt, dass die Bauarbeiten im Frühjahr 2013 beginnen sollten. Zu Verschwörungstheorien taugt der Fall nicht.

Zudem wird das Mauerstück, um das es geht, gar nicht abgerissen, wie überall berichtet wird. Es wird versetzt. Wer jetzt mit der Verantwortung vor der Geschichte kommt, soll sich noch vier Absätze lang gedulden. Wir kommen darauf zurück.

Ebenso falsch ist die Behauptung, die Mauer solle ursächlich wegen Luxuswohnungen abgebaut werden. Das trifft auf den umkämpften Mauerstreifen gerade nicht zu. Geöffnet werden soll das Bauwerk an dieser Stelle, um einen Zugang zu einer neuen Brücke zu ermöglichen. Dieser Neubau über die Spree sowie der notwendige Zugang zur Straße waren 2008 in einem Bürgerentscheid abgesegnet worden.

Apropos Bürgerentscheid: Der besagte damals, dass keine Hochhäuser am Spreeufer gebaut werden sollen. Warum aber darf dann dort nun ein 63-Meter-Wohnhaus entstehen? Einfache Antwort: Die Planungen sind älter als der Bürgerentscheid, der Investor hätte schon enteignet werden müssen, um das Gebäude zu verhindern.

Ohnehin manifestiert sich dort, wo sich jetzt die Demonstranten tummeln, keineswegs die Gentrifizierung Berlins. Verdrängt wird hier bestenfalls Leere, eine alteingesessene Anwohnerschaft gibt es mangels Bebauung nicht. Berlin hat ein ernstes Mietwohnungsproblem, aber nicht an der East Side Gallery, sondern in den Kiezen Friedrichshains, Neuköllns, Kreuzbergs. Dort muss protestiert werden, nicht an einem öden Flussufer, das auch nach der Bebauung allgemein zugänglich bleibt.

Das ist nicht die Mauer!

Zugegeben, all diese Argumente wirken klein und provinziell im Vergleich zum eigentlichen Vorwurf vieler Demonstranten und dem Tenor der internationalen Berichterstattung. Der lautet: Berlin wickelt seine Geschichte ab.

Dazu kann man nur sagen: Das ist schon längst passiert. Die echte Mauer, die Ost und West 28 Jahre lang trennte, die mitten durch die Stadt führte, diese Mauer existiert mit wenigen lächerlichen Ausnahmen nicht mehr. Die East Side Gallery ist nicht die Mauer. Sie steht, wie  ihr Name sagt, im Osten. Hinter ihr lag nicht der Westen, sondern bloß das Ost-Berliner Ufer der Spree. Bemalt wurde die East Side Gallery erst nach dem Mauerfall.

Berlin hat seine einzigartige Geschichte an ganz anderen Orten verraten: überall dort, wo die Mauer Straßen teilte, wo sie die Lebensadern der Stadt zerschnitt, wo sie Menschen trennte, obwohl sie wenige hundert Meter voneinander entfernt lebten. Diesen Zustand konnte und kann die East Side Gallery nie vermitteln. Allein ein Mauerneubau am Checkpoint Charlie könnte es. Für dieses Anliegen aber finden sich leider keine 6.000 Wutbürger.

von Markus Horeld

Die Demonstranten haben recht

"Scheinheilig" nennen Kritiker die 6.000 Demonstranten, die am Sonntag gegen den Abriss von Teilen der East Side Gallery protestierten. Schließlich sei die Umsetzung der Mauer an dieser Stelle weder Schuld des Investors Hinkel, der am Spreeufer Eigentumswohnungen bauen möchte, noch eine Überraschung. Beides ist wahr. Der Bezirk selbst hat Investor Hinkel sogar die Auflage erteilt, die Mauer an dieser Stelle umzusetzen, um Platz für eine Brücke zu schaffen. Die Diskussion über die Bebauung dieses Spreeabschnitts ist mehrere Jahre alt.

Trotzdem ist der jetzt aufflammende Protest legitim. Denn die Stimme der Bürger zu den Bauplänen am Spreeufer ist seit Jahren überhört worden – egal, ob sie sich zu der Bebauung mit einem Hochhaus oder einer Spreebrücke erhob. Das zeigte sich 2008, als die damalige Berliner Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer den Bürgerentscheid für mehr öffentlichen Raum am Spreeufer, eine Fußgängerbrücke, den Wunsch nach Promenaden und weniger zugebauten Uferstücken vom Tisch wischte, da sie städtebauliche Interessen höher bewertete.

Arroganz rächt sich

Es zeigte sich auch im Sommer 2012, als es dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nicht gelang, das seit 2006 geplante Hochhaus zu verhindern, weil er pleite war und kein Ersatzgrundstück anbieten konnte.

Im Morgengrauen Bagger zu schicken, um eine Art von Bebauung voranzutreiben, die die Einwohner des Bezirks noch diskutieren wollen, sendet das Signal: Eure Meinung interessiert hier keinen, eure Bedenken sind uns egal. Wie sonst als mit dem Gang auf die Straße sollten sich die Bürger dieser Stadt dagegen wehren?

Kritiker wenden ein, die Mauer sei an dieser Stelle durch Clubs und Bars am Spreeufer bereits kommerzialisiert, der Protest gegen Eigentumswohnungen sei verlogen, denn auch Gastronomie verfolge ein ökonomisches Interesse. Doch sie lassen außer Acht, dass ein Club oder eine Strandbar mehr Menschen offen stehen als eine Eigentumswohnung.

Der Kampf um den Erhalt der East Side Gallery in ihrer jetzigen Form ist der Ausdruck eines Konflikts, der die Stadt schon lange quält: Wie kann ein Veränderungsprozess, den jede Stadt erlebt, fair gestaltet werden? Welche Macht haben die Bürger, wie setzt die Politik deren Wunsch um? Berlin versagt seit Jahren, diese Fragen zu beantworten.

Wer erkennt, dass er ungehört bleibt, selbst wenn er sich politisch engagiert, selbst wenn er wählen geht und Vertrauen in die politischen Konzepte der Parteien setzt; wer dann begreift, dass seine Stimme nicht gehört wird, auch wenn er sie erhebt, dem bleibt nur der volle Körpereinsatz und der Gang auf die Straße.

Gedenken kann auch bunt sein

Ja, das alles passiert an einem Mauerabschnitt, der mit bunten Bildern manchen Besucher über die Bitterkeit der deutschen Teilung hinwegtäuschen mag. Aber wie genau sollen Wohnungen und eine Brücke dazu beitragen, diesen historischen Ort würdevoller zu machen? Und wer entscheidet, wie ein Ort des Gedenkens auszusehen hat?

Denn die Mauer ist nicht wie ein Bild, das man abhängt und wieder aufhängt. Ihre Bedeutung ergibt sich daraus, dass sie steht, wo sie schon immer stand, und nicht um zwanzig Meter versetzt wird.

Klar, die Empörten kommen jetzt, wo die Bagger anrücken, und sie kommen Jahre, nachdem die Weichen gestellt worden sind. Aber dass sie brüllen, wo sprechen nicht mehr hilft, ist mehr als verständlich.

von Juliane Leopold