East Side GalleryPolizei stoppt vorläufig Abriss von Mauerteilen in Berlin

Abrissgegner kontra Bauinvestor: Seit dem Morgen tobt in der Hauptstadt der Streit um ein Stück Mauer. Aktivisten stürmten die Baustelle, die Polizei drohte mit Räumung.

Der Abriss eines am originalen Ort erhaltenen Teilstücks der Berliner Mauer ist vorerst verhindert: Die Polizei verkündete den Stopp der Arbeiten an der weltbekannten East Side Gallery. Aktivisten hatten die Baustelle am Spreeufer gestürmt, auf der eine Fußgängerbrücke entstehen soll. Auf dem Areal ist auch ein modernes Hochhaus mit hochwertigen Wohnungen vorgesehen. Wann der Abriss weitergehen könnte, ist unklar.

Um die Konfrontation zu umgehen, hatten Bauarbeiter schon in den frühen Morgenstunden mit ihrer Arbeit begonnen. Polizisten war es zunächst gelungen, dies zu schützen. Ein Kran riss ein Loch in den etwa 1,3 Kilometer langen Abschnitt  der Mauer. Trotz der Proteste entfernten Arbeiter ein von Künstlern bemaltes Segment der Mauer, weitere sollen folgen.

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Die Aktivisten hatten geplant, den ursprünglich für den Mittag vorgesehenen Abriss des Teilbereiches mit einer Menschenkette zu blockieren. Im Lauf des Vormittags gelang ihnen dies. Gegen Mittag waren 400 Abrissgegner vor Ort. Die Aktivisten verschlossen die Lücke mit einem Ersatz-Mauerstück aus Styropor. Darauf steht der Slogan "Mauer wieder zu".

Zwischen der Mauer und der Spree will ein Investor ein Hochhaus mit hochwertigen Wohnungen bauen. Zudem ist dort eine Fußgängerbrücke geplant. Für diese beiden Vorhaben müsste ein Teilstück der East Side Gallery weichen. Die Mauerteile sollen später an anderer Stelle wieder zu besichtigen sein.

Die Gegner der Kommerzialisierung des Spreeufers machten ihrem Unmut Luft: "Hier wird ein gesamtdeutsches und weltweites kulturelles Erbe abgerissen", sagte Robert Muschinski von der Initiative Mediaspree versenken!. "Das ist äußerst peinlich für diese Stadt. Ich schäme mich gerade, ein Berliner zu sein."

Auf der Onlineplattform change.org veröffentlichte das Bündnis East Side Gallery retten! eine Petition und sammelte Unterschriften. Es verlangt vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), die Umsetzung der Mauerteile per Moratorium zu stoppen, sie unter "umfassenden Denkmalschutz" zu stellen und mit dem Investor über einen Grundstückstausch zu verhandeln. 

Die Abrissgegner riefen für Sonntag zu einer Demonstration "Wall Parade" entlang der Gallery auf.

Für ein Hochhaus mit Luxuswohnungen

Bereits am Donnerstag hatten Bauarbeiter mit den Vorbereitungen für den Abriss begonnen. Unklar ist, wer die Arbeiten veranlasste. "Wir haben damit nichts zu tun", sagte eine Sprecherin des Bezirksamts von Friedrichshain-Kreuzberg.

Die East Side Gallery nahe der Oberbaumbrücke entstand nach dem Mauerfall. Knapp 120 Künstler bemalten den Betonwall der ganzen Länge. Erst vor wenigen Jahren war die Gallery mit großem Aufwand saniert worden. Das mit Abstand längste erhaltene Teilstück der Berliner Mauer ist bei Touristen sehr beliebt. Zu den bekanntesten Motiven gehören der Bruderkuss und der die Mauer durchbrechende Trabant.

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Leserkommentare
  1. Déjà vu?!

    Das ist sehr, sehr schade und peinlich, dass hier so ein Kulturerbe und Mahnmal der Menschheit für ein Hochhaus abgerissen werden soll.

    44 Leserempfehlungen
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    An dieser Stelle wird der Brommysteg für Fußgänger und Radfahrer wieder erbaut. Die Brommybrücke wurde im 2. Weltkrieg gesprengt, der Wiederaufbau vom Mauerbau verhindert.

    Für den Zugang zur Mühlenstraße muß ein Stück der einstigen Hinterlandmauer weichen. Mehr ist derzeit gar nicht geplant.

    Für viele Kreuzberger, Neuköllner und Friedrichshainer wäre der Brommysteg ein schnellerer und bequemerer Zugang von und zum Ostbahnhof. Keine Umwege mehr über die starkbefahrenen Oberbaum- (mit den ständigen Baustellen) und Schillingbrücken.

    Das neue Gebäude entsteht ja nicht über Nacht, sondern die Baufläche war sicherlich als ein wie auch immer geartetes Gebiet im Bebauungsplan festgelegt. Dieser wurde auch sicherlich auch öffentlich bekannt gemacht und ausgelegt. Schon da hätte man sich wehren müssen. Nicht erst dann, wenn der Abriss beginnt.

    Aber so läuft es immer. Für Kommunalpolitik interessiert man sich nur, wenns was zum Meckern gibt.

  2. 2. [...]

    Also echt, die haben eine international angesehene Sehenswürdigkeit und reißen das Ding ab.
    Das illustriert mal wieder die schizophrene Berliner Stadtentwicklung.

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

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    Aber nicht alles kann dafür als Beweis herhalten. Der Abriss von 20 Metern dieses Mauerteils, ist weder die Schändung eines Denkmals noch Frevel an einem unwiederbringlichen Zeugnis deutscher Geschichte. Man sollte also die Kirche im Dorf lassen und sich der Fälle annehmen, an denen man die Beweisführung im Sinne der Headline für jeden nachvollziehbar vornehmen kann.

  3. abzureissen.
    Ja, alles dem Kommerz opfern. Aber Herrmannsdenkmal, Kyffhäuser und ehemalige Nazischergen (Völklinger Stadtteil Hermann-Röchling-Höhe) bleiben erhalten. Geschichtsklitterung ist der Deutschen Art.

    19 Leserempfehlungen
    • TDU
    • 01. März 2013 12:17 Uhr

    Inwieweit man privat was zum Erbe erklären kann ist die Frage. Und inwieweit die Art eines Vorhabens darauf Eínfluss hat auch. Die erforderlichen Genehmigung werden ja wohl erteilt worden sein.

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    • TDU
    • 01. März 2013 12:19 Uhr

    Im übrigen war die Mauer Trennung von Menschen. Die niedliche Bemalung ändert daran nichts.

  4. Ist es nicht ein Unding, dass in Berlin immer mehr Geschichte dem schnöden Luxus der momentanen Zeit weichen muß? Ausgerechnet die East Side Gallery zum Abbruch freizugeben - mir fehlen fast die Worte! Hoffentlich schrecken die Zeitungsberichte "unsere" zahlreichen Touristen aus aller Welt auf! Hoffentlich laufen sie jetzt gerade alle eiligst zur Mühlenstr. um "ihre" Mauer zu beschützen!

    22 Leserempfehlungen
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    Es wird nicht einfach alles 'geopfert' und 'abgerissen', sondern ausgesucht - offenbar. Immerhin müssen sich Berliner, ob sie dafür stimmten oder nicht, den Vorwurf gefallen lassen, revisionistisch das alte Stadtschloss haben zu wollen, was mit viel, viel Aufwand und viel, viel Geld nachgebaut wird.
    Hochnotpeinlich.

    • TDU
    • 01. März 2013 12:19 Uhr

    Im übrigen war die Mauer Trennung von Menschen. Die niedliche Bemalung ändert daran nichts.

    Eine Leserempfehlung
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    und genau daran sollte erinnert werden, damit uns das nicht wieder passiert.
    Luxuswohnungen sind allerdings wichtiger. Der Trend geht übrigens dahin, um Luxuswohnungen Mauern zu errichten. Nur zum Schutz, also was ganz Normales.

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Vergleiche, die nur der Provokation dienen. Danke, die Redaktion/jk

    hermetisch abgeriegelte Luxusviertel trennen auch,
    Beispiele dafür gibt es weltweit in den Megacitys
    aber Berlin soll sich ja nicht unterscheiden,oder?
    der Tourismus wird die Antwort darauf wissen,wenn die Stadt sich in die Bedeutungslosigkeit baut

    es gibt eine Menge Bauwerke, die an negative Zeiten erinnern, aber die werden nicht abgerissen, weil sie Denk- oder Mahnmäler sind. Und als solche sollte auch die Berliner Mauer bestehen bleiben. Mal ganz abgesehen von den echten Kunstwerken, die darauf entstanden sind.

    Ich darf dies leider nicht mit Beispielen unterlegen, die Zeit mag leider keine Beispiele.

    auch wenn nur ein Teilstück erhalten ist. Die Mauer trennte Menschen zwischen einem totalitären deutschen Regime im Osten und einer Demokratie im Westen.

    Wenn man keine Zeichen/Mahnmale der dunklen Seiten der deutschen Geschichte mehr will, müßte man auch das Olympiastadion abreißen, denn das wurde von 1934-1936 zu Zeiten des Faschismus erbaut.

    Genau darum verstehe ich bis heute nicht, dass man noch so viel der Mauer erhalten hat. Die Mauer war doch eine schlimme Sache, da sie eine Stadt komplett zerteilte. Man kann ja ein kleines Stück stehen lassen (20 Meter oder so), aber der Rest sollte doch weg - sonst bleibt die Stadt (auch in den Köpfen) ja weiterhin geteilt.

  5. Anders als Protestbewegungen, die sich aus unmittelbarer Betroffenheit für oder gegen Entwicklungen in Stellung bringen, reicht den sogenannten Aktivisten nur eine plausible Idee von vermeintlicher Willkür gegen die Interessen der Bürger. Die Funktionen der neuen Medien und der Sozialen Netzwerke erlauben eine schnelle Mobilisierung all derer, denen Protest grundsätzlich sinnvoll und notwendig erscheint. Eine markante Zahl von Mitstreitern lässt sich unter denen mit verfügbarer Zeit schnell mobilisieren.

    3 Leserempfehlungen
  6. Es ist einfach nicht zu glauben, dass nach all den Bausünden der vergangenen Jahre immer noch historische Denkmäler abgerissen werden, um an ihre Stelle Luxusprojekte zu setzen. Das passiert in allen deutschen Städten und es ist jedes Mal ein Skandal - warum steht die Mauer dort nicht unter Denkmalschutz?

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    • Nebula
    • 02. März 2013 12:49 Uhr

    Die Mauer steht hier seit 1991 unter Denkmalschutz. Dennoch soll der Abriss und die Umsetzung durchgeführt werden.

    Selbst wenn man von den kulturgeschichtlichen Katastrophe absieht die East Side Gallery durch ein paar Wohnhäuser zu ersetzen, bleibt es zudem unerklärlich wieso man sich so uneingeschränkt über den Denkmalschutz hinwegsetzen kann, wenn jeder normale Bürger für den neuen Anstrich des eigenen denkmalgeschützten Gartenzauns einen Marathon durch den Bürokratiewahnsinn bestreiten muss!

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, rav
  • Schlagworte Berlin | Polizei | SPD | Klaus Wowereit | Denkmalschutz | Künstler
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