Man stelle sich einmal vor, Nordkorea ließe seinen martialischen Drohungen Taten folgen. Erst würden US-Stützpunkte in Japan und Guam dem Boden gleichgemacht. Dann würde die Armee Südkorea überrennen und mit Fallschirmjägern in Seoul einfallen. Schließlich folgte der atomare Erstschlag auf Amerikas Westküste. Derartige Katastrophenszenarien suggeriert Nordkoreas zuletzt zunehmend aggressives Propagandageschrei – doch lenkt dies die Menschen innerhalb wie außerhalb dieser Militärdiktatur bloß von den wahren Zuständen im Land ab.

Die wenigen Deutschen, die Nordkorea regelmäßig besuchen, lernen eine ganz andere Seite kennen. Die meisten von ihnen arbeiten für Hilfsorganisationen und wollen in Nordkorea Armut und Mangelernährung bekämpfen. Sie erleben ein schwaches Land, das auf internationale Hilfe dringend angewiesen ist.

Die bekommt Nordkorea, auch aus Deutschland. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat zum Beispiel der Welthungerhilfe 850.000 Euro zur Verfügung gestellt, um für nachhaltigen Lebensmittelanbau zu sorgen. Zwei weitere auf Nordkorea zugeschnittene Projekte, die das BMZ als "ent­wick­lungs­för­dernde und struktur­bil­dende Über­gangs­hilfe" fördert, laufen im April 2013 aus.

"Im Westen wird die Situation oft dramatisiert"

Die Mangelernährung ist eines der größten Probleme in Nordkorea, berichten Hilfsorganisationen einhellig. 2011 stellten die Vereinten Nationen in einer Erkundungsmission nach einer schlechten Erntesaison fest, dass 3,5 Millionen Menschen an Hunger litten.

Die Helfer stellt das vor einen Konflikt. Zum einen wollen sie die bedürftigen Menschen unterstützen, denn auch die medizinische Versorgung im Land ist stark rückständig. Andererseits wollen sie durch ihre Hilfe nicht die kommunistische Diktatur stabilisieren. Um den Menschen überhaupt helfen zu können, muss daher pragmatisch gehandelt werden, sagen auch die Vertreter vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) und der Caritas. Sie sind ebenfalls seit Jahren in Nordkorea tätig.

Gerhard Uhrmacher ist einer der Organisatoren, die die Lage in Nordkorea am besten einschätzen können. Er leitet seit 1997 das Nordkoreaprogramm der Welthungerhilfe, war mehrfach selbst dort und steht in täglichem Kontakt zu den Mitarbeitern vor Ort. Was er sagt, überrascht: Die internationale Hilfe sei zwar notwendig, allerdings werde die Situation im Westen oft übertrieben dramatisch dargestellt.

"Wir können uns freier bewegen als vor zehn Jahren"

Es sei richtig, dass die Lebensumstände sich für große Teile der Bevölkerung verschlechtern und viele Menschen unterernährt sind. Schuld daran sei die abnehmende Leistungsfähigkeit des Staates. "Aber das heißt nicht, dass dort Hunderttausende an Hunger sterben. Das große Problem ist die gute Ernährung", sagt Uhrmacher.

Auch die notorische Drohkulisse schreckt die Hilfsorganisationen nicht ab. Obwohl zurzeit alles nach Konfrontation aussieht, berichten sie, dass sich Nordkorea schon behutsam geöffnet habe. "Heute können wir uns definitiv freier im Land bewegen als noch vor zehn Jahren", sagt Reinhard Würkner, Referatsleiter Asien der Caritas. Das Hilfswerk hat einen Mitarbeiter in Südkorea, der alle vier Wochen in den kommunistischen Norden reist, um die Entwicklung der dortigen Projekte zu koordinieren.