GerichtsverfahrenTürkische Medien ohne festen Platz im NSU-Prozess

Zu spät gekommen: Kein einziges türkisches Medium hat eine feste Akkreditierung für den NSU-Prozess erhalten. Dafür sieben verschiedene öffentlich-rechtliche Sender

Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München

Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München  |  © Christof Stache/AFP/Getty Images

Die Organisation des Prozesses um die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) vor dem Oberlandesgericht München löst erneut Kritik aus. Nicht nur, dass das Gericht dem türkischen Botschafter mit Verweis auf die Strafprozessordnung eine Platzreservierung verweigerte. Auch kein einziges türkisches Medium hat eine dauerhafte Akkreditierung für die Berichterstattung über den Prozess erhalten.

Grund dafür ist nach Angaben des Gerichts das übliche Akkreditierungsverfahren: Die 50 für Medien garantierten Plätze in dem Prozess seien strikt nach der zeitlichen Reihenfolge des Eingangs vergeben worden, teilte das Gericht mit. Dieses Verfahren sei objektiv und unangreifbar. Alternativ hätte man nur per Los entscheiden können, sagte eine Gerichtssprecherin.

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So kommt es, dass kein türkisches Medium einen festen Platz bekommen hat, dafür aber sieben öffentlich-rechtliche Sender: BR, MDR, WDR, SWR, NDR und ZDF sowie der Deutschlandfunk sind darunter, außerdem die Nachrichtenagenturen dpa, dapd und Reuters sowie diverse Tageszeitungen und Online-Redaktionen. Auch ZEIT ONLINE hat einen Platz erhalten. 123 Medien hatten sich um eine Akkreditierung bemüht, unter ihnen acht aus der Türkei.

Türkische Medien wie etwa die Nachrichtenagentur Anadolu, die Zeitungen Hürriyet und Sabah oder NTV Türkei können nach Angaben des Gerichts nur nachrücken, wenn ein fest akkreditiertes Medium am jeweiligen Prozesstag morgens bis 15 Minuten vor Prozessbeginn nicht anwesend ist.

CDU-Außenpolitiker kritisiert Entscheidung

"Als eine Zeitung, die eine Redaktion hier in Deutschland hat, ist es wirklich schade, dass wir nicht unter den ersten 50 sind", sagte Ismail Erel, stellvertretender Chefredakteur der Europa-Ausgabe der liberalen Tageszeitung Sabah, die ihren Sitz bei Frankfurt hat. Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), kritisierte die Vergabe: "Grundsätzlich kann man sicher vertreten, dass bei einem Prozess in Deutschland deutsche Medien anders behandelt werden als ausländische Medien", sagte er. "In diesem Fall hätte ich es aber besser gefunden, wenn man wegen der Abstammung der Opfer auch türkischen Medien eine Berichterstattung auf garantierten Plätzen ermöglicht hätte."

Dem NSU werden rassistisch motivierte Morde an neun ausländischen Kleinunternehmern sowie an einer Polizistin zur Last gelegt. Acht der Opfer waren türkischstämmig, ein Opfer war griechischer Abstammung. Der Prozess beginnt am 17. April.
 

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Leserkommentare
  1. "Die 50 für Medien garantierten Plätze in dem Prozess seien strikt nach der zeitlichen Reihenfolge des Eingangs vergeben worden, teilte das Gericht mit."

    Gibt ein Sprichwort, das beginnt folgendermaßen:
    Wer zu spät kommt....

    18 Leserempfehlungen
    • illyst
    • 25. März 2013 19:00 Uhr

    Welche Extrawurst darfs denn noch sein?

    14 Leserempfehlungen
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    Ich glaub's ja nicht! Wer hat Ihnen denn als Kind den Lolli geklaut, dass Sie es nötig haben von "Extrawürsten" zu sprechen??? Im Zweifelsfall hilft es immer, sich in den anderen hineinzuversetzen nicht wahr? Also folgendes Szenario: In der Türkei werden über Jahre hinweg 10 Deutsche ermordet, die Polizei tappt im Dunkeln... dann stellt sich plötzlich heraus, dass türkische Nationalisten aus dem Untergrund heraus alle diese Morde verübt haben. Beim Prozess sind 6 türkische Sender zugelassen, aber kein Deutscher... also ich fände das von der zuständigen Behörde im besten Fall ungeschickt!

    • illyst
    • 26. März 2013 8:37 Uhr

    Scheinbar warst das du damals. Passt jedenfalls zu deiner Erwartungshaltung die anderen sollen gefälligst geben aber selber braucht man nix tun.

    In der Türkei sind auch schon deutsche aus rassistischen Motiven ermordet worden, bei welchen Verfahren wurden denn deutsche Botschaft und die Medien dort bevorteilt?
    Wann hat sich Erdogan mal für die unzähligen von seinen Landsleuten hier verübten Morde an Deutsche entschuldigt?
    Und jedes mal bei solchen Themen kommen Leute wie du aus den Büschen gesprungen die nur Anfeindungen über haben. Ja komm du doch mal mit deinem in andere hineinzuversetzen und denk drüber nach ob du so angemacht werden willst.

    Furchtbar dieses "die anderen sollen mehr machen als ich".

  2. "So kommt es, dass kein türkisches Medium einen festen Platz bekommen hat, dafür aber sieben öffentlich-rechtliche Sender: BR, MDR, WDR, SWR, NDR und ZDF sowie der Deutschlandfunk sind darunter"

    Vom Sparsamkeitsgebot hat der GEZ-finanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk offenbar immer noch nichts gehört.

    22 Leserempfehlungen
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    • Kanzel
    • 25. März 2013 21:05 Uhr

    Da der Prozess in München stattfindet hätte der BR auch für die ARD, das ZDF und der Deutschlandfunk völlig ausgereicht. Es ist wieder ein Skandal wie hier mit den Gebührengeldern umgegangen wird.
    Das das Interesse der türkischen Medien unberücksichtigt bleibt, halte ich ebenfalls für einen Skandal, da die Türken interessiert wie Deutschland mit dem Thema umgeht.

  3. Einfach nur peinlich.

    Das "übliche Akkreditierungsverfahren" kommt bei einer beispiellosen,rassistischen Mordserie zum tragen,in der deutsche Behörden/
    Geheimdienste eine mehr als unrühmliche Rolle spielen.

    Dass nun kein türkisches Medium Zugang zum Prozess hat ist mehr als beschämend,aber vielleicht ist es ja nicht zwingend notwendig,dass gleich sieben öffentlich/rechtliche akkredditiert werden und jemand mit Gespür für
    Gerechtigkeit gibt seinen Platz frei für einen türkischen Kollegen.

    27 Leserempfehlungen
  4. Seltsame Dinge werden in Deutschland Endeckt dubiose und Geheimnissvolle Morde werden teilweise vom Staat unterstützt. Manchmal kommt es vor das einiges an die Oberfläche tritt trotz Vertuschung und massivem kaschieren und trotz all dieser Vorfälle gibt es tatsächlich berichte darüber das es die Türken wohl zu spät dran sind und es somit verpasst haben. Berichte kann man lesen aber glauben sollte man nicht alles wer es glaubt wird Seelig. Genau das fehlt in den Bürgern in Deutschland mal selber nachdenken und nicht alles Blind hinnehmen ohne mal es zu hinterfragen. Da ticken mir die Franzosen und Italiener in der hinsicht wesentlich Aufgeklärter. Aber es war auch schon immer einfach die Bildzeitung zulesen.

    via ZEIT ONLINE plus App

    7 Leserempfehlungen
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    • dacapo
    • 26. März 2013 9:31 Uhr

    ......... Franzosen und die Italiener ein bisschen besser? Dort liest man zwar keine Bild-Zeitung, aber wieso kommen Sie auf diese merkwürdige Ansicht?

    • scoty
    • 25. März 2013 19:19 Uhr

    " Ausländerfeindlichkeit ist nach einer Langzeitstudie der Universität Leipzig eine bundesweit verbreitete Einstellung. Während Rechtsextremismus in Ostdeutschland vor allem ein Jugendproblem sei, seien in Westdeutschland die älteren Jahrgänge negativ gegenüber Ausländern eingestellt. "

    " Die Umfrage ergab, dass im Osten „im langjährigen Mittel“ fast 32 Prozent der Befragten ausländerfeindlichen Aussagen zustimmen, im Westen sind es gut 23 Prozent. "

    Oder glaubt jemand zu sehen das aus dem NSU-Prozess Köpfe rollen werden.

    Und Kampagnen gegen Rassismus sind in diesem Land ausgestorben.

    9 Leserempfehlungen
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    Es ist ein Kreuz mit den Prozentzahlen. Jeder kann rauslesen, was er will. Hier noch ein paar Prozentzahlen, die das eine oder andere besser erklären lassen:
    http://medienwoche.ch/201...

    • scoty
    • 25. März 2013 19:20 Uhr
    • Kanzel
    • 25. März 2013 21:05 Uhr

    Da der Prozess in München stattfindet hätte der BR auch für die ARD, das ZDF und der Deutschlandfunk völlig ausgereicht. Es ist wieder ein Skandal wie hier mit den Gebührengeldern umgegangen wird.
    Das das Interesse der türkischen Medien unberücksichtigt bleibt, halte ich ebenfalls für einen Skandal, da die Türken interessiert wie Deutschland mit dem Thema umgeht.

    13 Leserempfehlungen
    Antwort auf "ö-r Medien"
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    • bayert
    • 26. März 2013 6:12 Uhr

    Überversorgung.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, tis
  • Schlagworte CDU | NDR | WDR | ZDF | Deutschlandfunk | MDR
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