In deutschen Schulen haben seit 1999 elf Amokläufe stattgefunden. Mehr Fälle gibt es bisher nur in den USA. Wie kommt es dazu? Und was verbindet sogenannte School Shootings mit Amokläufen außerhalb von Schulen wie das Massaker von Andreas Breivik in Norwegen?
 
Solche Fragen will jetzt der Forscherverbund TARGET klären – ein interdisziplinäres Projekt mit einem Team aus Psychologen, Psychiatern, Kriminologen, Soziologen und Pädagogen. Sie wollen drei Jahre lang nicht nur Amokläufe sondern alle schweren, zielgerichteten Tötungsdelikte junger Menschen bis 25 Jahre sowie ausgewählte Fälle älterer Täter unter die Lupe nehmen. Auch geplante, aber verhinderte Taten werden sie untersuchen. Der Projektleiter und Psychologe Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin sagt, es gebe bisher kaum Interviews mit Tätern und Hinterbliebenen und auch die Studie von Gerichtsakten werde selten betrieben.

Zwar sind Amokläufe immer noch selten: "Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie durch einen Bienenstich sterben, ist wesentlich größer", erklärt Scheithauer, "als dass Sie Opfer eines School Shootings werden". Aber da sie in den Medien viel Raum bekommen, entstehe der Eindruck, dass sie häufig passierten. Außerdem würden sie wesentlich häufiger angedroht. Lehrer und Schüler kann das stark verunsichern. Darüber hinaus befürchtet Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt, dass künftig solche Taten häufiger auch von Erwachsenen am Arbeitsplatz oder in Gerichtsgebäuden verübt werden könnten.

Gesellschaftlicher Druck, Mobbing, psychische Probleme

Wie sehr Amokläufe heroisiert werden, will deshalb Andreas Zick vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung in Bielefeld untersuchen. Er sagt, es sei spürbar, wie radikal die Jugend unter Druck stünde, sowohl gesellschaftlich, ökonomisch als auch unter Wettbewerbsdruck. Viele Jugendliche, die dem nicht standhielten, fühlten sich missachtet. Das macht sie zwar nicht automatisch zu potenziellen Tätern. Aber jemand, der vorher ein Niemand war, wird durch eine spektakuläre Gewalttat schließlich wer.

"Wir beobachten weltweit eine Heroisierung im Internet", sagt Zick. Amokläufer würden in bestimmten Foren richtiggehend gefeiert, was  für Nachahmer sorgt. Allein nach dem Amoklauf von Winnenden im Jahr 2009 gab es in den folgenden Monaten deutschlandweit 3.000 Amokdrohungen an Schulen. "Manche Täter ahmen andere bis auf ihre Kleidung nach", erklärt die Kriminologin Britta Bannenberg von der Universität Gießen.

Scheithauer hofft außerdem herauszufinden, inwiefern Mobbing zu Gewalttaten führen kann – sowohl tatsächliches als auch subjektiv erlebtes Mobbing. Die Erkenntnisse sollten dann in die Gewaltpräventionsarbeit der Schulen, Landeskriminalämter und Polizeistellen sowie in die Lehrerausbildung einfließen.