Rechte GewaltDie unterschlagenen Toten

Der NSU-Schock hat wenig bewirkt: Mindestens 152 Menschen starben seit 1990 durch rechtsextreme Täter, doch der Staat zählt noch immer weit weniger Tote. von 

Was lange Zeit nur ein Verdacht war und ein Vorwurf, kann seit Ende 2011 niemand mehr leugnen: Den Sicherheitsbehörden fällt es schwer, Gewalt von rechts als solche zu erkennen. Damals flog der rechtsterroristische Nationalsozialistische Untergrund (NSU) auf, und das Bild, das sich danach entfaltete, war ungeheuerlich: 13 Jahre lang konnten Rechtsextreme mordend durch Deutschland ziehen, ohne dass der weit verzweigte Apparat von Polizei und Geheimdiensten auch nur den Schimmer einer Ahnung hatte.

Klicken Sie auf das Bild, um die interaktive Grafik aufzurufen. Sie zeigt, wo seit 1990 Menschen durch rechts motivierte Täter starben.

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Doch die zehn Opfer des NSU waren nicht die einzigen, die der Staat übersah. Die offiziellen Statistiken von Menschen, die seit der Wiedervereinigung durch rechts motivierte Gewalt zu Tode kamen, verzeichnen momentan (und inklusive der NSU-Fälle) lediglich 63 Personen. Recherchen von ZEIT ONLINE, ZEIT und Tagesspiegel aber zeigen: Die Zahl müsste viel höher liegen, wie die Sichtung Hunderter Lokalzeitungsartikel und Gerichtsurteile sowie Interviews mit Opferberatern, Anwälten und Strafverfolgern ergaben. Tatsächlich starben zwischen 1990 und 2012 deutschlandweit mindestens 152 Menschen durch Gewalt von Rechtsaußen, bei 18 weiteren Fällen liegt der Verdacht nahe. Mindestens 89 Tote also tauchen in den staatlichen Statistiken nicht auf.

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In den offiziellen Zahlenwerken fehlt etwa der Rentner Helmut Sackers, der im Jahr 2000 in Halberstadt (Sachsen-Anhalt) von einem Nachbarn erstochen wurde, nachdem er sich über dessen rechtsextreme Musik beschwert hatte. Dasselbe gilt für drei Polizisten, die 2000 in Dortmund und Waltrop (Nordrhein-Westfalen) von dem bekennenden Rechtsextremen Michael Berger erschossen wurden. Oder der 27-jährige Spätaussiedler Oleg Valger, den 2004 vier junge Rechtsextremisten in Gera (Thüringen) töteten. Oder Karl-Heinz Teichmann; der Obdachlose wurde 2008 von einem Rechtsextremisten in Leipzig zu Tode geprügelt, selbst dessen Verteidiger sprach hinterher von einer rechten Motivation – die Behörden tun es bis heute nicht. Der jüngste Fall auf der Liste ist der des 59-jährigen arbeitslosen Alkoholikers Klaus-Peter Kühn, den drei junge Männer im Juni 2012 im thüringischen Suhl zu Tode quälten.

Noch immer schauen Polizei und Justiz nicht genau genug hin

Die riesige Diskrepanz zwischen offiziellen Statistiken und unabhängigen Zählungen ist seit mehr als zehn Jahren Thema. Zuständig für die Erfassung der Fälle sind dem Föderalismus folgend die Polizeien der Länder, beim Bundeskriminalamt und dem Bundesinnenministerium werden die Zahlen lediglich gesammelt. Nach breiter Kritik reformierten die Landesinnenminister im Jahr 2001 ihre Zählweise – seitdem sollen nicht mehr nur "extremistische" Taten von rechts erfasst werden, also solche, die sich direkt gegen den Staat richten, sondern alle Angriffe, die auf typisch rechten Vorurteilen gegen Menschen basieren, also auf Rassismus, Schwulenhass, Obdachlosenfeindlichkeit oder ähnlichem. Doch das Grundproblem besteht weiter: Vielerorts gibt es noch Polizei- und Justizbeamte, die einschlägige Taten nicht erkennen oder sich nicht mit den Motiven befassen mögen.

Bis vor anderthalb Jahren wiegelten die Behörden in der Regel ab. Im Herbst 2010, aus Anlass des 20. Jahrestages der Wiedervereinigung, hatten ZEIT ONLINE, ZEIT und Tagesspiegel schon einmal eine Liste vergessener Opfer veröffentlicht – mit 137 Namen, die damals 47 offiziell genannten gegenüberstanden. Daraufhin passierte: nichts. Lediglich die Linkspartei im Bundestag griff das Thema auf, und die Antwort der Regierung vom September 2011 ist ein peinliches Dokument: Das Bild der Sicherheitsbehörden von Straftaten "im Phänomenbereich 'Politisch motivierte Kriminalität – rechts'" sei "realistisch und umfassend", hieß es da knapp zwei Monate vor Auffliegen des NSU. Es gebe keinen Grund zur Annahme, dass der Staat Todesopfer rechtsextremer Gewalt übersehe. Eine Zeitungsrecherche vermöge die Arbeit der Sicherheitsbehörden "nicht in Zweifel zu ziehen".

Leserkommentare
  1. Die Zahlenunterschiede scheinen auf unterschiedlichen Ansichten zu beruhen. Für die einen hat eine Tat einen rechtsextremen Hntergrund, wenn die politische Überzeugung des Täters die Handlung ursächlich beeinflusste, für die anderen reicht es aus, dass dem Täter eine rechtsextreme Haltung bescheinigt werden konnte - unabhängig davon, ob diese die Tat begründete oder nicht. Alles eine Definitionssache.

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    Redaktion

    Lieber ego-ideal,

    danke für die Nachfrage, so stelle ich gern nochmal klar: Die Diskrepanz der offiziellen Zahl mit der unseren basiert *nicht* auf einer unterschiedlichen Definition - in der Print-Ausgabe der ZEIT von dieser Woche erkläre ich das noch ausführlicher in einem weiteren Text.

    Wir halten uns bei der Einstufung von Fällen streng an den offiziellen Kriterienkatalog für "politisch-motivierte Kriminalität - rechts". Diese 2001 von der Innenministerkonferenz (IMK) beschlossene Definition lautet:

    Gewertet werden Straftaten, „wenn in Würdigung der Umstände der Tat und/oder der Einstellung des Täters Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie gegen eine Person gerichtet sind wegen ihrer politischen Einstellung, Nationalität, Volkszugehörigkeit, Rasse, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung, Herkunft oder aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes, ihrer Behinderung, ihrer sexuellen Orientierung oder ihres gesellschaftlichen Status".

    Es reicht also *nicht*, dass der oder die Täter bloß eine irgendwie rechte Haltung hat/haben, damit ein Tötungsdelikt auf die Liste von ZEIT ONLINE, ZEIT und Tagesspiegel kommt! Wenn dem so wäre und z.B. jede fahrlässige Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge eines Rechtsextremen gezählt würde, hätten wir sicherliche mehrere Hundert Fälle.

    Also, *die Definition ist bei unserer und der staatlichen Liste dieselbe*. Unsere Erklärung für die riesige Diskrepanz lautet: Offenbar schauen wir genauer hin als viele Ermittler...

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf die Relativierung von Gewaltakten. Danke, die Redaktion/jk

  2. ...Sie schreiben:

    "Obwohl sie laut Paragraph 46 des Strafgesetzbuches in ihren Urteilen stets auch "die Gesinnung, die aus der Tat spricht", berücksichtigen sollen, sparen sie sich das häufig. "

    Obwohl mein zweites juristisches Staatsexamen schon eine Weile her ist, und kein Fall rechtsextremer Gewalt unter den Tisch fallen sollte, kann ich das so nicht stehen lassen.

    § 46 StGB beschäftigt sich mit der Strafzumessung und lautet an der einschlägigen Stelle:

    "Bei der Zumessung wägt das Gericht die Umstände, die für und gegen den Täter sprechen, gegeneinander ab. Dabei kommen namentlich in Betracht:

    die Beweggründe und die Ziele des Täters,

    die Gesinnung, die aus der Tat spricht, und der bei der Tat aufgewendete Wille,..."

    Wenn etwas "namentlich in Betracht" kommt, bedeutet es nicht, dass es immer in Betracht kommt, also man "stets", und ohne Anlass, darauf eingehen müsste.

    Im Übrigen ergibt sich vor allem aus § 268 StPO, was ins Urteil gehört, und die Strafzumessung ist nur ein Aspekt.

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    Lesen sie einfach mal §110, 111, 116 oder 120 StPO.

    Hier wird ganz sicher nicht der Eindruck erweckt das "namentlich in Betracht kommen" etwas wäre, das man so einfach vernachlässigen könnte.

    ...einen Thomas/Putzo in die Hand geben.

    ...ihre Zweifel in Ehre, aber bloße Nennungen von Paragraphen können den Diskurs nicht befruchten, werden Sie konkret, oder zitieren Sie mal einen einschlägigen Kommentar, den Schönke-Schröder, Leipziger oder was auch immer, damit auch Herrn Staud ein Licht aufgeht, wo der Hase im Pfeffer liegt, oder wo er jedenfalls nicht begraben liegt.

    in ihrer Zielsetzung existenziell diskriminierend und ihre Anhänger fallen bei Kundgebungen und Verlautbarungen in Medien, z.B. Internet, durch agressive Hetze und Zitate aus der Propaganda der NSDAP auf.
    Wenn daher jemand von einem Rechtsextremen mit typischer Montur (z.B. beschlagene Springerstiefel) zu Tode getreten wird, oder ein nachbar erstochen wird, nachdem er sich über überlaute Nazi-"Musik" beschwert hat, mag der rechtsextreme Hintergrund vielleicht keinen Faktor bei der Strafbemessung hergeben, er ist aber offensichtlich als typischer Tathintergrund, als typisches Mileu relevant.
    Insofern müsste er auch in die Statistik einfließen, unabhängig davon, ob er bei der Strafbemessung erwähnt wird.
    Allein schon im Interesse der Prävention vor Rechtsübergriffen aus diesem Milieu.
    Aber selbst nach Aufdeckung der NSU tönten Etliche in den Foren, deren Morde seien nicht im politischen oder sozialen Sinn rechtsextrem gewesen sondern einfach "nur" kriminell.
    Das waren natürlich opportunistische, taktisch verschleiernde, bagatellisierende Stellungnahmen aus der rechtsextremen Ecke. Wenn Gesellschaft, Strafverfolgungsbehörden und Gerichte sich diese Sicht zu eigen machten, wäre der Erfolg der Prävention und Abwehr gegen den Rechtsextremus gleich null.
    Wer will das?

  3. >> der Staat zählt noch immer weit weniger Tote <<

    ... gegen rechte Gewalt vorzugehen, muss man die Realität erst einmal wahrnehmen und aussprechen, auch wenn sie unerfreulich ist.

    Wer immer noch die Augen verschließt, kann sich publikumswirksame Auftritte mit Händchenschütteln der Angehörigen sparen. Die offenbaren dann nur die Verlogenheit.

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    daß der "Staat" (das sind übrigens eine ganze Menge Leute) wohl nicht immer ein Interesse hat gegen Gewalt wirklich vorzugehen, sondern Gewalt eher instrumentalisiert.

    Schon das Einengen des Problemes auf ein Gewaltfeld halte ich für problematisch. Ich kenne etliche, welche nach den ständigen Gewaltattacken gegen Deutsche, Weiße, Schwarze oder andere Nichtmuslime (nur Beispiele) aus allen möglichen Gründen kaum noch die Augen verdrehen, wird eine paar Tage später wieder der große Kampf gegen rechts ausgerufen. Gerade auch, weil hierdurch Tätergruppen ausgeblendet werden.

    Der allgemeine Umgang mit Gewalt als politisches Kalkül schwächt den Kamf dagegen deutlich ab. Schlußendlich wird nicht nur die Gewalt von z.Bsp. arabischen, türkischen oder islamistischen Jugendlichen verharmlost, dies zieht auch eine Verharmlosung faschistischer Gewalt nach sich. Zumal wenn in manchen Kreisen schon jeder als rechtsradikal gilt, wer ein deutsches Volkslied kennt.

    Bei dieser Form von Umgang mit Gewalt werden alle diese unappetitlichen Truppen und die dahinter stehenden kranken Ideologien uns noch lange beschäftigen. Leider.

  4. "13 Jahre lang konnten Rechtsextreme mordend durch Deutschland ziehen, ohne dass der weit verzweigte Apparat von Polizei und Geheimdiensten auch nur den Schimmer einer Ahnung hatte."

    Das ist so nicht richtig. Der ehemalige Leiter der Ermittlungsgruppe Terrorismus/Extremismus beim LKA Thüringen erwähnte z.B. vor dem Untersuchungsaussuss des Bundestages, LKA-Präsident Egon Luthardt habe gesagt, man werde das Trio niemals finden, da es unter staatlichem Schutz stehe. Es gab zahlreiche Hinweise auf den Verbleib der Terrorzelle, sie standen z.T. unter Beobachtung,Festnahmen wurden abgesagt,zahlreiche V-Leute wurden im Umfeld von Mundlos,Böhnhardt und Zschäpe finanziert.

    Im Zusammenhang mit der „Vertrauensperson“ (VP 562) des Berliner Landeskriminalamtes,die im Jahr 2002 Informationen über die Terrorgruppe lieferte, die das LKA aber nicht weitergab, gibt es erneut eine seltsame Erklärung:

    "Dem Vernehmen nach soll das Berliner Landeskriminalamt die Nichtweitergabe von VP-Informationen an andere Behörden damit begründet haben, dass ein ausländischer Geheimdienst mit der Beendigung der Zusammenarbeit gedroht habe. Diese Anweisung habe generell gegolten, nicht speziell für VP 562.” (Tagesspiegel 18.3.13)

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    • MaxS2
    • 20. März 2013 14:46 Uhr

    Es fällt als Leser schwer, diese Zahlen einzuordnen ohne einen Vergleichswert zu haben. Gerade bei Rechtsextremisten, wenn es um ein "deutsches Problem" geht, wären einige Vergleichswerte nützlich - wobei man die Größe der Gruppe, aus der die Täter stammen UND die Größe der Gruppe, aus der die Opfer stammen berücksichtigen muss (je größer die Gruppen, umso mehr Delikte sind zu erwarten). Konkret:

    1) Wieviele Morddelikte von Deutschen an Nichtdeutschen gab es in den letzten 10 Jahren, bezogen auf die Anzahl der Deutschen mal die Anzahl der Nichtdeutschen?
    2) Wieviele Morddelikte von Nichtdeutschen an Deutschen gab es in den letzten 10 Jahren, bezogen auf die Anzahl der Deutschen mal die Anzahl der Nichtdeutschen?
    3) Wieviele Morddelikte von Deutschen an Deutschen gab es in den letzten 10 Jahren, bezogen auf die Anzahl Deutscher mal die Anzahl Deutscher?
    etc...

    Das würde die Einordnung enorm vereinfachen. Insbesondere wäre es interessant, ob das Ergebnis bei (1) oder (2) größer ist - und auch der Unterschied zwischen (1) und (3).

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    Entfernt, da Doppelposting. Die Redaktion/mak

    Entfernt, da Doppelposting. Die Redaktion/mak

    Es ist vollkommen uninteressant welche Ethnie der Täter hatte, lediglich der politische Hintergrund einer Tat müsste erfasst werden.

    Es ist in einer Gesellschaft nun mal so, dass es leider zu Morden kommt. Wenn sich zweit Besoffene in einer Kneipe in die Haare bekommen und der eine den anderen umbringt, dann ist es vollkommen egal ob diese nun ein deutscher Fußballfan ist der seinen italienischen Widersacher in Sachen Fußball im Hamburger Kiez niederschießt, es ist auch egal ob sich ein Türke nun einen Deutschen umbringt und vice versa.

    Kommen nun allerdings Neonazis oder Salfisten auf die Idee andere umzubringen, weil sie nicht in deren Weltanschauung passen, so muss der politische Hintergrund festgehalten werden.

    Ich denke nicht, dass es der Einordnung dienlich ist, mit den Opferzahlen mathematische Kunststückchen zu vollziehen.

    Es macht ein Gewaltverbrechen doch nicht weniger schlimm, wenn der Täter aus einer Majorität stammt, oder habe ich sie da missinterpretiert?

    "Es fällt als Leser schwer, diese Zahlen einzuordnen ohne einen Vergleichswert zu haben."

    Tut es das?

    Nun, für mich ist das ganz einfach: Jeder Fall ist einer zuviel!

    • nik--
    • 20. März 2013 17:05 Uhr

    Statistische Einordnung? Gründe konstruieren? victim blaming und die Zersetzung der Gesellschaft verantwortlich machen a la Sarrazin?

    Genau das Gegenteil muss das Ziel sein. Vorbehaltlose Aufklärung, konsequente Bestrafung, keine Deals oder ähnliche Prozesskunststückchen. Kurz: Gewalt und Mord muss Folgen für die Täter haben. All zu oft geben sich Justiz und Exekutive die Blöße, konsequent nicht oder fehlzuhandeln.

    Wollen Sie damit sagen, es gaebe eine Konstellation Ihrer Indikatoren, die dann zu dem Schluss fuehren wuerde: ach so, dann ist es ja halb so wild? Jeder Tote ist doch wohl einer zuviel oder sind Sie da anderer Meinung?
    Die ganze Methodik der Erfassung der oeffentlichen Stellen scheint schlicht keinen Pfifferling wert zu sein. Brennt ein Oberklasseauto schliesst die Polizei auch einfach mal, dass muss wohl Linken angezuendet worden sein.

    soll das beweisen? Wie krank im Kopf muss man sein, um auf eine derartige Idee zu kommen, nachdem man den Zeit-Bericht gelesen hat? Sie sprechen zwar von Deutschen und Nichtdeutschen, haben aber wahrscheinlich eine eigene Definition, wer Deutsche ist, stimmt´s? Erhellen Sie uns mit Ihrer Definition, damit wir weiter diskutieren können.

    ...sollte noch ein Punkt (4) – Morddelikte von Nichtdeutschen an Nichtdeutschen in Deutschland – berücksichtigt werden.

    Ich lese gerade Richard David Prechts Buch “Lenin kam nur bis Lüdenscheid”, in dem der Autor sehr gut die Gratwanderung beschreibt, die man als Linker in der Bundesrepublik der 1970er Jahre zu meistern hatte, wenn man die Massenhysterie über den RAF-Terrorismus, die Medien-Präsenz des Themas und das Klima der Denunziation und Verdächtigungen für völlig übertrieben und unverhältnismäßig hielt, ohne gleich als “Sympathisant” abgestempelt zu werden. So ähnlich verhält es sich heute mit der Rechten Gewalt: Nur allzu schnell handelt man sich den Vorwurf der “Verharmlosung” und “Relativierung” ein, nur weil man das richtige Maß bei der Bewertung im Auge behalten möchte.

    Natürlich ist Überdramatisierung immer noch besser als Verharmlosung, aber die dauernde Selbstbezichtigung der Deutschen in den Leitmedien hat leider den unschönen Nebeneffekt, daß Deutschland im Ausland (d.h. bei denjenigen, die noch nie hier waren) als ein von Rassismus und allgegenwärtiger Gewalt gegen Fremde geprägtes Nazi-Land wahrgenommen wird. Nur zu schnell läuft es wieder wie im Fall Renate Kantelberg-Abdullah im Jahr 2000: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-17976118.html

    (Fortsetzung folgt)

    Deutschlands Medien posaunten damals (s.o.) in die Welt hinaus, eine Horde Neonazis habe einen ausländisch aussehenden Sechsjährigen in einem Spaßbad ertränkt, vor den Augen der Badegäste in der ostdeutschen Kleinstadt Sebnitz, und ringsum eine Kleinstadt, die drei Jahre lang mit dem kleinen Leichnam leben kann, ohne dass ein Wort von dem Mord nach außen dringt.

    Sowas wurde natürlich von Medien im Ausland sofort begierig aufgegriffen, weil es nur zu gut die Vorurteile und all das bestätigte, was man dort über Deutschland mit seinem Nazi-Image immer gerne lesen will.
    Diese Schlagzeile schaffte es weltweit auf die Titelseiten.
    Daß sich das Ganze dann ein paar Tage später von vorne bis hinten als eine Falschmeldung herausstellte, war den Zeitungen im Ausland dann wohl (höchstens!) noch eine Randnotiz wert. Der Imageschaden war irreparabel, und Vorurteile führen ein hartnäckiges Eigenleben...

    In Deutschland gibt es nicht mehr “Hate-Crimes” als in anderen westeuropäischen Ländern. Im Vergleich zu Osteuropa ist die Situation hier sogar verhältnismäßig undramatisch.

    Daher ist die Forderung, bei der Berichterstattung über rechte Gewalt in Deutschland, daß richtige Maß nicht aus dem Auge zu verlieren, durchaus berechtigt.

    • nik--
    • 23. März 2013 2:57 Uhr

    wieviele Monate, ja Jahre dümpelt jetzt die Untersuchungskomission zu den NSU-Morden in ihrer Aufgabe herum? Wieviele Skandale sind dabei bereits mehr oder minder zufällig ans Licht gekommen und noch schneller sang- und klanglos aus der Presse verschwunden, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen wurden? Von Verantwortung übernehmen rede ich schon gar nicht mehr. Akten verschwinden, Polizisten sind im Ku-Klux-Klan, Verfassungsorgane leiden urplötzlich unter Amnesie. Ich befürchte wir haben gar keine Ahnung, wie groß und umfassend das Problem ist, das Deutschland mit Rassismus und rechter Denke hat. Die Abstufung ist dabei egal, wenn die Auswirkungen systematisch werden. Ein Blick auf unsere aktuelle Parteienlandschaft sagt auch einiges über unsere Gesellschaft aus.

    • Rahus
    • 07. Dezember 2013 23:11 Uhr

    Hier fehlt jede Form von Empathie und Betroffenheit. Gibt es eine Untergrenze bis zu der rassistische Morde akzeptabel sind?
    Hier ist ein Verharmloser am Werk - um es vorsichtig zu sagen!

  5. wenn die Toten einen linksradikalen oder islamistischen Hintergrund hätten, ob der Staat (Innenministerium) dann bei der Aufklärung genauso Akten Vernichten würde?

    Von einem Rechtsstaat erwarte ich eine sensible Rechtsauslegung in jede Richtung.
    Das ist ja definitiv nicht der Fall, was die Vergangenheit leider gezeigt hat.

    Trotz Der NSU Skandale sitzt der Herr Friedrich fest in seinem Minister Stuhl.

    Von daher könnte die Dunkelziffer, was die Anzahl der Toten angeht, weit höher liegen.

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    Antwort: siehe Artikel. Da sind allerdings die einschlägigen Behörden wesentlich weiter als der Rest der Republik. Die absolute Mehrheit ist und denkt anders, hat allerdings nur sehr wenig Einfluß auf die Politik.

  6. "Auch der Nürnberger Oberstaatsanwalt Walter Kimmel – er startete seine juristische Karriere übrigens in den 80ern in Regensburg – bekleckerte sich im Rahmen der Ermittlungen nicht eben mit Ruhm. Yavuz Narin berichtet dem Publikum von den Umständen des Kölner Nagelbombenanschlags von 2004, als 23 Menschen lebensgefährlich verletzt wurden. Im Vorfeld des Anschlags war bei den Verfassungsschützern ein Dossier im Umlauf, dass vor kleinen rechtsextremen Splittergruppen nach dem Vorbild der britischen Neonazi-Bewegung „Combat 18“ warnte und sowohl Uwe Mundlos als auch Uwe Böhnhardt gar namentlich erwähnte. Die Ermittler konnten zu dieser Zeit sogar auf Aufnahmen von Überwachungskameras zurückgreifen, auf denen die beiden Neo-Faschisten eindeutig zu erkennen waren."
    http://www.regensburg-digital.de/ohne-verfassungsschutz-hatte-es-keine-n...

    13 Leserempfehlungen
  7. Wenn ein NPD-Mitglied seine Frau aus Eifersucht umbringt, ist das dann rechte Gewalt? Oder rechtsextreme Gewalt? Oder ganz einfach nur Mord oder Totschlag oder Körperverletzung mit Todesfolge?
    Wenn Schwule in Berlin angegriffen werden, was ist das für eine Gewalt?
    Hängt es davon ab, ob die Täter aus Neukölln oder Hellersdorf stammen?

    42 Leserempfehlungen
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    >> Wenn ein NPD-Mitglied seine Frau aus Eifersucht umbringt, ist das dann rechte Gewalt? <<

    ... ein Schuh daraus.

    Wenn ein NPD-Mitglied, oder allgemein Personen mit rechter Gesinnung, gewalttätig werden, und wenn das darüber hinaus gehäuft vorkommt, wird man sich irgendwann zu der Feststellung durchringen müssen, dass in diesen Kreisen eine hohe Gewaltaffinität vorhanden ist.

    Mehr Infos:
    http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=9205586/mpdid=939147...

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke. Die Redaktion/kvk

    Ich setze noch einen oben drauf.
    Es gab mal einen Fall, da haben sich zwei Ausländer innerhalb Deutschlands angefallen. Hintergrund war wohl Judenhass (ich meine Rabbi und seine Tocher... oder so).
    Frage: Wenn jemand nach Deutschland reist und hier so etwas verbricht, landet es dann in der Statistik?
    Nächste Frage, sind die Fälle enthalten, in denen auf Deutsche aus Rassismus los gegangen wurde?
    Die gibt es auch. Aber ich habe keine Ahnung wie viele. Vielleicht nur 5 in 50 Jahren oder 500 Fälle, so eine Statistik habe ich nie ansatzweise gesehen.
    Das Problem dabei ist wohl, dass es nur unseriöse Quellen gibt.
    Wenn die NPD so etwas veröffentlicht gehe ich von einem Wahrheitsgehalt von 0% aus.
    Ich hätte gerne eine seriöse und sachliche Angabe darüber.
    Denn diese Argument wird immer wieder mal Fallen.

    • kakoe
    • 20. März 2013 17:01 Uhr

    16 Leserempfehlungen für einen Kommentar, der entweder von geradezu unglaublicher Naivität zeugt oder bewusst verharmlost?!

    Falls die darin gestellte Frage wirklich ernst gemeint sein sollte:
    Rechte Gewalt ist Gewalt, die aufgrund der rechtsextremen Auffassung ausgeübt wird, das jeweilige Opfer sei aufgrund von Rasse, Religionszugehörigkeit, Staatsangehörigkeit, sexueller Orientierung oder Hautfarbe als "minderwertig" zu "bekämpfen" oder gar zu "vernichten".

    Aber je länger ich das bedenke, desto unwahrscheinlicher scheint mir, dass jemand h i e r eine solche Frage wirklich im Ernst stellen könnte.

    Redaktion

    Wie in Antwort auf Kommentar #1 bereits geschrieben: Bringt ein NPD-Mann seine Ehefrau aus Eifersucht um, dann gilt dies - gemäß der offiziellen Defintion - nicht als "politisch-motivierte Kriminalität - rechts" (kurz: PMK rechts). Weder in der staatlichen Statistik noch im Rahmen unserer Opferliste.

    Wenn Schwule in Berlin angegriffen werden, dann muss man sich das genauer anschauen. Ob - ich zitiere aus der offiziellen Definition von PMK rechts - "in Würdigung der Umstände der Tat und/oder der Einstellung des Täters Anhaltspunkte dafür vorliegen, dass sie gegen eine Person gerichtet ist wegen ihrer ... ihrer sexuellen Orientierung ...". Wird beispielsweise ein Schwuler von seinem Liebhaber umgebracht, wird das sicherlich als Eifersuchtstat gewertet (wie oben beim NPD-Mann). Wird er aber von einer Clique Halbstarker in einem Park zusammengetreten, die ihn vorher laut vernehmlich als "Schwuchtel" beschimpft haben, so wird man die Tat sicherlich der PMK rechts zuordnen.

    Allein die Herkunft der Täter, ob Neukölln oder Hellersdorf, wird sicherlich wenig hilfreich sein für eine Einstufung als PMK rechts.

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