Kurz die  Fakten, bitte bleiben Sie dran, wir müssen jetzt genau sein: Der bayerische Fußballerfolgsmanager Uli Hoeneß hat sich selbst beim Finanzamt wegen eines Kontos in der Schweiz angezeigt. Zuvor hatte Hoeneß auf das Deutsch-Schweizer Steuerabkommen gehofft. Er habe einen "schweren Fehler begangen" und eingesehen, dass er nun reinen Tisch machen müsse. Zusammengefasst: Hoeneß hat Steuern nicht gezahlt, die er hätte zahlen sollen. Er ist ein Steuerhinterzieher.

Trotzdem sagen 37 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Umfrage von ZEIT ONLINE, Hoeneß werde von Politik und Medien vorverurteilt.

Da stimmt also etwas nicht. Woran kann es liegen?

Die einfachste Erklärung wäre: Ihnen ist Fußball wichtiger als Politik und Hoeneß ein Heiliger, dem keine Fakten etwas anhaben können. Solche, für rationale Argumente nicht zugängliche Fans mag es geben. Aber 37 Prozent der Deutschen werden es sicher nicht sein.

Selbst Profis werden nicht konkret

Wahrscheinlicher ist, dass etwas bei der Verarbeitung, Vermittlung und Rezeption der Fakten nicht funktioniert. Es ist ein Problem der Medien genauso wie ihrer Konsumenten. Sogar der Branche selbst scheint unwohl zu sein angesichts der eigenen Berichterstattung.

Zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung. Sie widmete Hoeneß am Dienstag ihre berühmte Seite Drei, den Ort für Großreportagen und Journalistenpreis-Artikel. Dort schrieben die drei Top-Autoren von einem "nahezu hysterischen öffentlichen Diskurs". Was genau nun hysterisch ist, welche Schlagzeile, welcher Sender, welcher prominente Mikrofon-Dauergast, sagten sie nicht.

Kritisieren sie die eigene Titelseite am gleichen Tag, mit Hoeneß-Aufmacher-Text und Hoeneß-Aufmacher-Bild? Stören sie sich am Leitartikel eine Seite weiter oder an den weiteren Texten im Sport- und im Wirtschaftsteil? Oder meinen sie nur die anderen, die Boulevardmedien vielleicht? Die Autoren sagten es nicht. Die Hysterie ist selbst bei diesen Profis eine diffus gefühlte, keine konkret bewiesene. Ähnliches gilt auch für Kommentatoren in anderen Medien, auch bei ZEIT ONLINE ("Gehört Uli Hoeneß an den Pranger?")

Wir haben noch keine Antwort

Eine Lehre wäre also: Medienkritik und vor allem Medienselbstkritik gerne, aber bitte konkret. Dann wüssten wir zumindest genauer, was wir für das Problem halten.

Leider aber steht zu befürchten, dass es gar nicht um einzelne Schlagzeilen und Äußerungen geht, sondern um die schiere Masse und Wucht der Berichterstattung. Titelseiten, Onlinemedien, Radio, Fernsehen: Hoeneß hat tagelang alles dominiert, fast alle anderen Themen verdrängt. Was im Einzelnen meist seriös und korrekt ist, wirkt in der Masse wie ein konzertierter Generalangriff. Uli Hoeneß ist die neueste Sau, die durchs öffentliche Dorf getrieben wird. Und alle schauen zu. Denn, auch das gehört zur Wahrheit, nichts lasen Leser in diesen Tagen so gerne wie Artikel zum Bayernmanager. Und so ist das jedes Mal.

Wir werden uns auf die Suche machen

Es ist diese mächtige Dynamik aus Skandalisierung und Vergessen, die erklärt, warum so viele Deutsche gar von einer Vorverurteilung Hoeneß' sprechen. Diese Dynamik scheint zunehmend Oberhand zu gewinnen über uns, die Medienmacher und Medienkonsumenten, die wir mitmachen und uns doch manchmal vor all dem ekeln.

Die grundsätzliche Aufgabe wäre also: die Art, wie wir öffentlich miteinander  reden, so zu gestalten, dass wir uns damit wohler fühlen. Dafür müssen wir Medien zuerst noch genauer herausfinden, was da schief läuft und wie wir das Misstrauen uns gegenüber abbauen können. Denn, und vielleicht kann dieses Eingeständnis ein erster Schritt sein, wir wissen es nicht wirklich. Wir haben noch keine Antwort. Aber wir werden uns auf die Suche machen.