Beate Zschäpe amüsiert sich vielleicht. Kurz vor dem Beginn des NSU-Prozesses spricht niemand mehr über das unfassbare Verbrechen, das mutmaßlich sie, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos jahrelang unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit begingen. Stattdessen geht es um den Charakter der Richter, um die politische Kompetenz von Weimarer Radiosendern und um Tauschbörsen für Reporterplätze.

Als gestern das Oberlandesgericht München bekannt gab, welche Medien nun dem Verfahren werden beiwohnen dürfen, brach Empörung in der Presse aus. Eine Ungerechtigkeit, man müsse sich schämen, wetterten die Kommentatoren.

Die Verstimmung ist verständlich: Die Richter haben mit stoischer Unvernunft eine Situation heraufbeschworen, die nur noch Kopfschütteln zulässt. Es bedurfte eines veritablen Aufschreis, um sie von ihrer Absicht abzubringen, streng paragraphengemäß die wichtigsten Zuhörer vom Verfahren auszuschließen.

Die Besten sollten berichten

Auch jetzt, nachdem das Verfassungsgericht einschritt, ist die Zusammensetzung der Berichterstatter ärgerlich. Unabhängig davon, wie ein Gericht so etwas genau organisiert – es wäre wünschenswert, wenn Medien auch hinsichtlich ihrer Reichweite, Relevanz und Kompetenz berücksichtigt würden. Die besten Journalisten sollten von diesem Prozess berichten.

Doch kaum ein Medium störte sich an dem Losverfahren, als es vor Wochen bekannt gegeben wurde. Die Kritik kam erst jetzt, als klar geworden war, wer dabei ist und wer nicht. Diese Reaktion war kaum vermittelbar, und bei manchem Kommentator wirkte sie ziemlich selbstgerecht. Es sollte eine Warnleuchte angehen, bevor man die Presse als "Opfer des Verfahrens" darstellt. "Unbeschreiblich, wie viel Leid, Tränen und Trauer die NSU über die deutschen Zeitungen gebracht hat", twitterte jemand.

Im Zschäpe-Prozess geht es auch darum, dass der Rechtsstaat sich als stärker und souveräner erweist als seine Feinde. Das Osloer Breivik-Verfahren ist ein Beispiel dafür, wie so etwas gelingen kann. Dazu braucht es Richter, die ernst genommen werden und eine Presse, der geglaubt wird. Nachdem sich die Münchner Richter blamiert haben, laufen nun die Verlagshäuser Gefahr, in einem seltsamen Licht zu erscheinen.

Erneut klagen?

Nun prüfen FAZ, Welt, tageszeitung und auch die ZEIT juristische Schritte. Ergibt eine Klage Sinn? Ja, allerdings nur, wenn nicht das Risiko besteht, dass der Prozessbeginn abermals verzögert wird. Das würde alles noch schlimmer machen.

Eine weitere Verschiebung machte es Zschäpe und ihren Leuten leicht, der Öffentlichkeit das Geschehen als unprofessionelles Geschacher oder – noch schlimmer – als Mauschelei der Schein-Demokraten gegen die einzig wahre Opposition zu verkaufen. Das ist die Lieblingsrolle der Neonazis: Den verhassten Rechtsstaat als den wahren Barbaren vorzuführen. Nein, der Prozess muss jetzt beginnen.