Gleichberechtigung : Eine Quote gegen die Quote

Dass Männer die Arbeitswelt dominieren, ist nicht rational, sondern eine Zwangsmaßnahme zu ihren Gunsten. Aufklärung hilft dagegen nicht, schreibt Unternehmer S. Noller.

Wer Psychologie studiert, lernt schnell, wie relativ menschliche Wahrnehmung ist. Alles, was wir für objektive Sinneseindrücke halten, erweist sich als relativ und von Umständen und sozialen Einflüssen geprägt. So können Menschen zum Beispiel schon nach kurzer Zeit mit einer Umkehrbrille, die alle Bilder Kopf stehen lässt, Fahrrad fahren. Das menschliche Wahrnehmungssystem passt sich mit ein wenig Übung an die neuen Gegebenheiten an.

Die Sozialpsychologie befasst sich mit der nächsten Stufe, der Manipulation. Teilweise dramatische Experimente wie das sogenannte Gefängnis-Experiment von Zimbardo konnten immer wieder demonstrieren, wie subtil und wie grundlegend alle Aspekte unseres Tuns beeinflusst werden können. Und natürlich sind wir uns dessen meist nicht bewusst, häufig noch nicht einmal dann, wenn man uns über den Effekt aufgeklärt hat. 

Eine Konsequenz ist die dringende Empfehlung, nicht zu viel auf Eindrücke von Bewerbungsgesprächen zu geben, da es aufgrund dieser Mechanismen keine faire und sachliche Auswahl von Kandidaten geben kann. Auch die Initiative, Bewerbungen nur noch ohne Foto einzureichen, beruht auf diesen Erkenntnissen. Sie will Vorurteile vermeiden und Menschen, die es sonst schwerer hätten eingeladen zu werden, eine Chance geben.

Stephan Noller

Noller, geboren 1970, ist Diplom-Psychologe und beschäftigt sich seit seinem Studium mit dem Verhalten von Menschen im Internet. Er hat beim Umfrageinstitut TNS Emnid ein neues Verfahren zur Messung von Internet-Reichweiten entwickelt und für das Marktforschungsinstitut TNS Infratest ein Targeting-System für die Onlinewerbung. 2006 gründete er das Unternehmen nugg.ad, (dessen Technik auch ZEIT ONLINE auf seinen Seiten einsetzt), das sich mit Predictive Behavioral Targeting beschäftigt, also mit dem Versuch, anhand des Surfverhaltens Rückschlüsse auf Nutzergruppen zu ziehen und vorherzusagen, was sie interessiert. Die Firma gehört inzwischen zur Deutschen Post DHL.

Ähnlich subtil sind die Wirkungen, wenn es um Sprache geht. Wer eine Stelle im Management besetzen will, macht im Zweifel schon in der Wortwahl der Stellenanzeige deutlich, dass er dabei nicht an eine Frau gedacht hat. Denn wer nach einem Manager für das Auslandsgeschäft sucht, mag bereit sein, eine Frau einzustellen. Allein schon, dass dort nicht von einer Managerin die Rede ist, wird Frauen weniger ansprechen und weniger erwünscht erscheinen lassen.

Weil Männer das so wollen

Was das alles mit der Frauenquote zu tun hat? Egal, welche Position man betrachtet, ob Vorstände, Aufsichtsräte, Professoren-Ämter, leitende Verantwortung – selbst am CSU-Stammtisch wird es keinen Zweifel daran geben, dass Frauen dort unterrepräsentiert sind. Wenn es darum geht, in diesem Land Verantwortung zu tragen, Macht auszuüben oder Geld zu verdienen, haben Frauen schlechtere Chancen, weil Männer das so wollen.

Was bleibt, sind ein paar Randbedingungen wie Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeiten und so weiter. Bei diesen steckt der Skandal bereits darin, dass man diese Faktoren nur Müttern als hinderlich für die Karriere-Entwicklung anrechnet und nicht in gleicher Weise den Vätern.

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Kommentare

135 Kommentare Seite 1 von 13 Kommentieren

Bewerbt euch! Gebt 110%!

"Nehmen wir an, ich bewerbe mich zusammen mit 20 Maennern auf eine Stelle als Kanalarbeiter? Wie hoch waere wohl die Chance(...)?" - wenn alle gleich gute Voraussetzungen mitbringen, dann magere 1/21, also 4,76%
Wäre es fair, aus Gleichberechtigungsgründen 20 Menschen alleine wegen ihres Geschlechts die Chance auf die Stelle zu verwehren? Das wird im Übrigen schon dort gemacht, wo Frauen bei gleicher Eignung bevorzugt werden.
Dasselbe gilt eben auch bei Führungspositionen: Wenn sich 9 Männer und 1 Frau bewerben, dann ist es eher selten ein Zeichen von Diskriminierung, wenn die Frau nicht genommen wird, es wäre statistisch viel mehr ein Zeichen für Diskriminierung, wenn die Frau genommen wird.

Also: Sobald sich viele Frauen bewerben, kann man all diese Vermutungen auch statistisch untermauern, vorher nicht.

Und zum Thema Rollen: Ich kenne keine einzige Frau in meinem eigentlich sehr aufgeklärten Freundeskreis, die die Kinderbetreuung wenige Monate nach der Geburt ihrem Mann überlassen hat, selbst wenn der Mann (wg. unbefristeten Verträgen im Öffentlichen Dienst) absolut keine Probleme und Nachteile mit einem Elternjahr gehabt hätte. Ist da der Mann auch Schuld? Oder sind Männer insofern Schuld, dass er einfach mehr Hingabe an den Manager-Job anbietet (80-Std Woche, ungeplante Mehrtägige Dienstreisen, kein Frei wenn Kind krank ist etc.) und damit KonkurrentINNen unter Zugzwang bringt? Es ist ein Muss, die Familie hintenanzustellen, um sich bis an die Spitze zu kämpfen.

Statistik

"es wäre statistisch viel mehr ein Zeichen für Diskriminierung, wenn die Frau genommen wird."
Warum sollte das diskriminierend sein? Wo doch die Frau statistisch gesehen dieselben Chancen hat wie die Maenner: 1/10! So etwa haben Sie das doch im ersten Absatz erklaert.

Nun in meinem Bekanntenkreis haben die Frauen weniger Probleme, auch den Maennern mal die Kueche und die Kinder zu ueberlassen. Das liegt wohl an den unterschiedlichen Mentalitaeten.

Ob es nun die Hingabe ist, die den Mann (und auch Frauen) in Managerjobs zu 80h-Wochen treiben, mag dahingestellt sein, ich denke da er an Geld & Macht. Aber als Mitinhaberin eines Ladens komme ich aber auch oefter auf 60-70h ohne Millionengehalt, leider. Aber darum ging es auch gar nicht, sondern um die Unterstellung Frauen waeren sich zu "fein", um in sogenannten dreckigen Berufen zu arbeiten.