Demonstranten zeigen Fotos ihrer vermissten Verwandten, die in der eingestürzten Textilfabrik von Savar arbeiteten. ©Andrew Biraj/Reuters

Der seit Tagen abgetauchte Besitzer des eingestürzten Fabrikgebäudes in Bangladesch ist gefasst. Die Behörden des Landes hätten ihn bei dem Versuch festgenommen, nach Indien auszureisen, teilte die Regierung mit. Ihm wird vorgeworfen, beim Bau minderwertiges Material verwendet zu haben. Zuvor waren zwei Manager verhaftet worden und zwei Ingenieure, die an der Errichtung des Gebäudekomplexes beteiligt waren. Ihnen wird vorgeworfen, das Gebäude trotz Warnungen nicht abgesperrt zu haben.

In dem achtstöckigen, teilweise illegal errichteten Gebäude in Savar nahe der Hauptstadt Dhakar waren mehrere Textilfabriken untergebracht, mindestens 3.000 Menschen arbeiteten dort. Am Mittwochmorgen kurz nach Arbeitsbeginn war das Bauwerk eingestürzt. Mehr als 370 Beschäftigte starben in den Trümmern.

Obwohl am Tag vor dem Einsturz nach einer Erschütterung Risse an einigen Stützpfeilern entdeckt worden waren, sollen die Fabrikbesitzer ihre Angestellten zur Arbeit gezwungen haben. Ihnen werde fahrlässige Tötung vorgeworfen, sagte der stellvertretende Polizeichef von Dhaka. Bei den Festgenommenen handle es sich um die Chefs der Firmen New Wave Buttons und New Wave Style, sowie einen leitenden Angestellten einer der beiden Firmen.


In der Nacht zu Samstag wurden etwa 40 Menschen lebend aus den Trümmern des Gebäudes gerettet. Auch am Sonntag seien noch einmal vier Menschen aus dem früheren vierten Stock des Rana Plaza geholt worden, berichtete die Zeitung Daily Star. Einige weitere Überlebende seien geortet worden. Die Behörden veröffentlichten zudem eine Liste mit fast 600 Namen von Vermissten.

"Zu schwach, um nach Hilfe zu rufen"

Die Hoffnung, weitere Überlebende zu finden, sinkt jedoch: "Wir glauben, dass noch einige Menschen am Leben sind. Aber sie sind zu schwach, um nach Hilfe zu rufen", sagte der Chef der Feuerwehr in Bangladesch.  Tausende Angehörige suchten auf einem Schulhof nahe des Unglücksortes nach ihren Verwandten. Dorthin bringen die Retter die geborgenen Leichen.

Etwa 4.000 Textilfabriken in Bangladesch haben am Wochenende ihre Produktion wegen der Proteste Tausender Arbeiter eingestellt. Die Demonstranten forderten die Festnahme der Verantwortlichen sowie sichere Arbeitsstandards. Sie blockierten Straßen, zerstörten Autos und beschädigten einige Unternehmensgebäude im Industrieviertel der Hauptstadt. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein. Mindestens 20 Arbeiter wurden dabei verletzt.

Ketten, Agenten und Zulieferer

Zu den Kunden des Textilherstellers in Savar gehören mehrere Handelsketten in Europa und Nordamerika. In dem zerstörten Gebäude soll Bangladeschs Textilproduktions- und Exportverband zufolge auch die Firma Ether-Tex nähen lassen haben, die unter anderem für C&A und Kik produzierte. C&A und Kik erklärten jedoch, keine Waren aus der Unglücksfabrik bezogen zu haben. Die Geschäftsbeziehung mit Ether-Tex endete nach Angaben von C&A bereits im Oktober 2011. Kik teilte mit, dass zu der Firma keine Geschäftsbeziehung bestehe. "Letztmalig wurde hier im Jahr 2008 produziert."

Der Geschäftsführer des Gesamtverbands Textil+Mode, Wolf-Rüdiger Baumann, sieht keine deutschen Firmen betroffen, sondern vor allem Konzerne wie Mango aus Spanien und Primark aus Irland. "In allen Fällen der vergangenen Jahre waren ausschließlich Versender und Ketten betroffen, die in keinem EU-Mitgliedsstaat in den Industrieverbänden organisiert sind." Diese Ketten arbeiteten mit Agenten, von denen man häufig nicht genau wisse, "wer dahinter steckt, also irgendwelche Zulieferbetriebe, die in der Tat zum Teil unter Bedingungen arbeiten, die einen erschauern lassen".