Attentat von Boston : Dschochar Zarnajew droht Terroranklage

Dem mutmaßlichen Bostoner Attentäter könnte der Prozess wegen Terrorismus und Mordes gemacht werden. Die Republikaner fordern, ihn als "feindlichen Kämpfer" einzustufen.
Anwohner und Polizisten im Bostoner Vorort Watertown © Jared Wickerham/AFP/Getty Images

Nach der Festnahme des mutmaßlichen zweiten Attentäters von Boston hat die strafrechtliche Aufarbeitung des Anschlags begonnen. US-Medienberichten zufolge bereitete das Justizministerium eine Anklage wegen Terrorismus gegen Dschochar Zarnajew vor. Außerdem könnte er vom Bundesstaat Massachusetts wegen Mordes angeklagt werden.

Demnach könnte die Anklageerhebung eingeleitet werden, noch bevor Zarnajew aus dem Krankenhaus entlassen wird. Den Angaben zufolge halten sich Staatsanwälte in der Klinik auf, in der der Verdächtige behandelt wird. Zaranajew befindet sich noch immer in kritischem Gesundheitszustand, er habe eine Verletzung am Hals erlitten und sei noch nicht in der Lage zu sprechen, berichtete CNN . Demnach sei er im Krankenhaus intubiert und ruhiggestellt worden. Der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, hatte zuvor gesagt, Zarnajews Zustand sei ernst, aber stabil. "Wir hoffen, dass der Verdächtige überlebt, denn wir haben eine Million Fragen, die beantwortet werden müssen." Zarnajew wird im streng bewachten Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston behandelt.

Die republikanischen Senatoren John McCain und Lindsay Graham forderten, den Verdächtigen als "feindlichen Kämpfer" einzustufen. Damit hätte er den gleichen Status wie die Terrorverdächtigen, die in Guantánamo inhaftiert sind. Die Polizei soll Zarnajew bisher nicht seine Rechte vorgelesen haben, was in Ausnahmefällen möglich ist.

Der 19-jährige Dschochar Zarnajew soll gemeinsam mit seinem 26-jährigen Bruder Tamerlan die Bombenanschläge auf den Bostoner Marathon verübt haben. Dabei wurden am Montag drei Menschen getötet und etwa 180 verletzt. Auf ihrer Flucht sollen die Brüder einen Polizisten erschossen und einen weiteren Beamten schwer verletzt haben. Tamerlan Zarnajew starb nach einem Schusswechsel mit der Polizei.

Rätseln über das Motiv

Ihr Motiv ist weiter unklar , die Polizei geht aber nach Aussage des Polizeichefs des Bostoner Vororts Watertown davon aus, dass sie allein gehandelt haben. "Nach dem, was wir wissen, waren sie allein", sagte er.

In Watertown hatte sich Dschochar Zarnajew in einem abgedeckten Boot versteckt, wo ihn ein Anwohner entdeckte . Er wurde gestellt und schwer verletzt in ein Krankenhaus gebracht. "Die Jagd ist aus. Die Fahndung ist vorüber. Der Terror ist vorbei. Und Gerechtigkeit hat gesiegt. Verdächtiger in Haft", twitterte die Bostoner Polizei. In Watertown strömten die Menschen auf die Straße, jubelten und applaudierten. Präsident Barack Obama lobte die Arbeit der Sicherheitsbehörden und kündigte eine lückenlose Aufklärung an.

Nach bisherigen Erkenntnissen sind Tamerlan und Dschochar Zarnajew tschetschenischer Herkunft , lebten aber mit ihren Familie bereits seit 2002 in den USA . Beide wurden in Kirgistan geboren. Dschochar sei inzwischen in den USA eingebürgert, Tamerlan habe eine ständige Aufenthaltserlaubnis gehabt. 

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Kommentare

122 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

Die Rechtsauffassung der Konservativen in den USA ...

... entspricht
- für "die Anderen" bronzezeitliche Vorstellungen, die aus dem alten Testament kommen
- und für einen selber, egal ob man unschuldig oder schuldig ist, die Möglichkeit genug Geld für einen "guten Anwalt" zu haben, der einen vor einer Verurteilung schützt. Aber wehe, wenn bei der Verhaftung einem nicht die Rechte vorgelesen werden oder man sonst wie nicht gemäß den Vorschriften behandelt wurde. Das ist für Reiche in den USA der nachträgliche Freibrief, sogar für Mord.

zu 76. Mir stellt

Mir stellt sich die Frage, warum wir überhaupt ein Motiv haben müssen. Ich brauche nicht zu wissen warum sie es getan haben. Für mich ändert sich ja nicht ob ich es weiß oder nicht. Nur die Sicherheitsbehörden wollen es wissen und sind erzürnt wenn der Täter schweigt.

Es ist eine Meldung wie jeder andere, die man liest und dann zum Tagesgeschehen weiter geht.

Angeheizt werden solche Ereignisse durch die staatlichen Institutionen und durch die Medien.

@19 - nichtmitmir: Technokraten

"Das ist ja gerade die Kunst die Menschen von Maschinen unterscheidet, aufgrund dünner Faktenlage sinnvolle Entscheidungen zu treffen."

Nein, dass können Maschinen ebensogut - genauer gesagt ebenso schlecht. Darüber schrieb ich bereits vor 25 Jahren meine Diplomarbeit.

Nein, Menschen unterscheidet von Maschinen, dass sie menschliche Urteile treffen können und Risiken vernünftig abwägen könnten.
Technokraten tendieren allerdings genau dazu, aufgrund dünner Faktenlage Entscheidungen zu treffen , die sich dann oftmals als ziemlich schlecht herauskristallisieren.

Im Übrigen glaube ich: "Ein Anführer wird aus Ihnen wohl nicht mehr." sondern allerhöchstens ein Vorgesetzter, ganz im Sinne dieses Wortes.

Dann sind sie aber....

... Nicht auf dem neusten Stand wenn es 25 Jahre her ist.. Hier eine aktuelle Veröffentlichung zum Thema:

http://papers.ssrn.com/so...

Auszug aus dem Abstract: Gerd Gigerenzer has explained how successful decision makers typically use heuristics to deal with complex situations and that these heuristics are not only faster but may be able to achieve at least as good performance as rationally oriented methods that use much more information.

Unser aller Denkorgan scheint genau auf solche Situationen hin selektiert worden zu sein, wenig Fakten, schnelle Entscheidung notwendig. Die Ergebnisse scheinen vergleichbar zu sein mit der Bürokratenmethode, wobei letztere mehr Ressourcen und Nerven kostet. Ist halt unser Ding hierzulande alles in Paragraphen zu kodieren, es geht aber anscheinend auch anders.

Mit dem Überfall auf 7/11 hatten

die Beiden nichts zu tun. Ein Zufall, dass das mit ihnen in Verbindung gebracht wurde. Ist gestern Abend auf CNN ausführlichst erklärt worden, scheint seinen Weg in die deutschen Medien noch nicht gefunden zu haben.

Es gilt die Unschuldsvermutung. Aber der Maler, der die Wohnung noch nicht betreten hat, weiss, dass er erst abklebt und dann pinselt und nicht umgekehrt. Was hier passiert ist ein normaler Vorgang.

@78 - Hazard 468: "Soweit Sie wissen..."

Woher wissen Sie denn das ?

Wäre allerdings gut, wenn es so wäre.
Und eigentlich sollte für den Staat genau das gleiche gelten, wie für vermeintliche Täter.
Bis ich nichts Gegenteiliges weiß, muss ich auch den Staat nicht im vorhinein verurteilen.
Also wie Sie sagen : Shitstrom!

Bei den Republikanern weiß man ja, wo man dran ist, die lieben solche Töne.
Allerdings regieren sowohl in den U.S.A. als auch in Massachusetts bekanntlich die Demokraten.

Warten wir mal ab ...

Ich stelle fest

dass für den Verdächtigen natürlich die Unschuldsvermutung gilt, ist klar. Aber wenn ich Sie so lese, scheint eine solche nicht für die Behörden gelten. Sie warten nicht einmal, bis hier irgendjemand irgendetwas entschieden hat. Es wird diskutiert, was gemacht werden kann und was nicht, Aber SIE haben bereits ein fertiges Urteil UND Sie erhalten dafür 30 Leser-Empfehlungen.

Also ich schäme mich gerade für meine Landsleute hier.