Anschlag von BostonWas machen die USA mit dem Attentäter?

Dschochar Zarnajew, der zweite Bombenleger von Boston, ist in Polizeigewahrsam. Eine Vernehmung ist aufgrund seiner Verletzungen schwierig. Amerika wartet auf Antworten.

Mitglieder verschiedener Einsatzkommandos am Abend der Festnahme in Watertown

Mitglieder verschiedener Einsatzkommandos am Abend der Festnahme in Watertown  |  © Jared Wickerham/Getty Images

Die Jagd nach dem zweiten Bombenleger von Boston ist beendet. Der bis zuletzt flüchtige Dschochar Zarnajew ist gefasst, sein Bruder Tamerlan ist tot, und ganz Amerika jubelt über den Fahndungserfolg der Polizei. Doch auch nach der Festnahme des 19-jährigen Attentäters wird Normalität in Boston so schnell nicht einkehren.

"Es gibt noch viele unbeantwortete Fragen", sagte Präsident Barack Obama einem CNN-Bericht zufolge. Er sei sehr daran interessiert, zu erfahren, was die zwei jungen Menschen zu einer solchen Gewalttat getrieben habe. Wie konnten die beiden die Anschläge unbemerkt vorbereiten und durchführen? Gab es Helfer? "Die Familien der Opfer verdienen Antworten", sagte Obama.

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Körperliche Verfassung entscheidet über Verhörablauf

Dschochar Zarnajew und sein älterer Bruder werden beschuldigt, am Montag zwei Bomben während des Marathons gezündet zu haben und für den Tod dreier Menschen verantwortlich zu sein. Am Donnerstag sollen sie zudem einen Wachoffizier erschossen zu haben. In dem Schusswechsel starb auch der ältere Bruder Tamerlan Zarnajew, Dschochar konnte fliehen. Seit seiner Festnahme am Freitag in Watertown liegt er schwer verletzt in einem schwerbewachten Krankenhaus in Boston.

Wäre er in guter Verfassung, würde er aufgrund der besonderen Umstände noch am Samstag einem Richter vorgeführt. In diesem Fall bekäme Zarnajew einen Anwalt zur Seite gestellt, für die nächsten 30 Tage würde eine Voranhörung angesetzt werden. Dann gäbe es eine Anklage und der Prozess begänne, zitiert CNN einen Rechtswissenschaftler.

Doch Zarnajew dürfte wegen seiner Verletzungen kaum in der Lage sein, vor einen Richter zu treten. Deshalb prüfen die Behörden, ob ein Ausnahmefall vorliegt. Könnten sich die Ermittler auf eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit berufen, dürften sie ihn befragen, ohne ihm vorher die Rechte zu verlesen oder ihm einen Anwalt zur Seite zu stellen, sagte ein Beamter des Justizministeriums gegenüber CNN.

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Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu öffnen  |  © Nicholas Poser/Reuters

Einstufung als feindlicher Kämpfer in Betracht

Gewöhnlich werden dem mutmaßlichen Täter zunächst seine Rechte genannt: Er kann die Aussage verweigern und auf die Anwesenheit eines Anwalts bestehen. Nach Ansicht der republikanischen Senatoren John McCain und Lindsey Graham liegt im Fall Dschochar Zarnajew aber keine gewöhnliche Situation vor. Sie forderten, den Gefassten als feindlichen Kämpfer einzustufen, um ihn ohne das Standardprozedere befragen zu können.

Von CNN befragte Rechtsverteidiger bezweifeln das. Ein amerikanischer Bürger, der ein Verbrechen innerhalb der USA verübe, könne niemals als feindlicher Kämpfer eingestuft werden, sagte ein Anwalt dem Sender. Auch eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit liege nicht vor. Die Polizei habe den Täter verhaftet, weshalb keine Gefahr mehr von ihm ausgehen könne.

Leserkommentare
    • conure
    • 20. April 2013 16:37 Uhr

    auf das CNN Interview mit Alan Dershowitz bezug genommen wird....
    so hat dieser dem Verdächtigen erstaunlich viele gute 'Tips' gegeben.

    Was den Interviewer zu der Frage veranlaßte, ob er selbst die
    Verteidigung übernehmen würde, was Dershowitz verneinte.

    Sein Rat lautete ganz klar, sich darauf zu berufen, dass sein
    getöteter Bruder der eigentlich Schuldige wäre.

  1. "Nach Ansicht der republikanischen Senatoren John McCain und Lindsey Graham liegt im Fall Dschochar Zanarjew aber keine gewöhnliche Situation vor. Sie forderten, den Gefassten als feindlichen Kämpfer einzustufen, um ihn ohne das Standardprozedere befragen zu können."

    Wenn die rechtsstaatlichen Methoden zu langwierig, kompliziert und weniger erfolgsversprechend erscheinen, greift man eben zu anderen. Erstaunlich, dass unsere Presse immer schnell dabei ist, Putin und Konsorten bei solchen Ideen (zu Recht) zu kritisieren, aber bei den Amerikanern, die es genau so machen möchten, dazu schweigt.

    Jeder mutmaßliche Täter hat einen fairen Prozess verdient, so schlimm seine Taten auch gewesen sein mögen.

    28 Leserempfehlungen
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    Hier ein guter Beitrag zum Thema, der vor einigen Wochen im Deutschlandfunk lief:

    http://www.dradio.de/dlf/...

    • vyras
    • 20. April 2013 17:54 Uhr

    ... Leute vom Schlage McCains gegangen sind. Das ist nicht irgend ein Hinterwäldler, sondern ein ehemaliger Präsidentschaftkandidat. Aber vielleicht schließt sich das ja nicht aus, wenn ich zusätzlich seine Vizepräsidenschaftkandidatin in Erinnerung rufe.

    "Demokratie" ist nicht das, wo irgendjemand Demokratie draufschreibt oder wo Menschen alle paar Jahre ein Kreuz machen dürfen. Demokratie fußt z.B. auf demokratischen Rechtsprinzipien, die für alle Menschen gelten, und nicht nach Lust und Laune außer Kraft gesetzt werden können.

    Das ist es u.a., was einen demokratischen Rechtsstaat von einem Willkür- und Terrorstaat unterscheidet. Ich finde das wirklich gruselig, was aus den USA geworden ist.

  2. "Auch eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit liege nicht vor. Die Polizei habe den Täter verhaftet, weshalb keine Gefahr mehr von ihm ausgehen könne."

    Dieser Fall wirft viele Fragen auf, und ist doch recht ungewöhnlich. Sich wie ein Hund jagen zu lassen und schwer verletzt in einem Boot zu verstecken ist definitiv kein _Jihad. Erinnert eher an einen verwirrten Amokläufer. Anderer Seits eine offenbar noch gut durchgeplante Tat, aber wider rum ohne Plan für die Zeit nach dem Anschlag.

    Wieso hatte die Täter keinen Plan was sie nach dem Anschlag machen? Warum kein Bekennerschreiben oder so etwas. Warum kein Selbstmord? Ein isolierter Junge der nicht weiss wohin. Offenbar islamistisch, aber richtet sich nicht der tschechenische Kampf gegen Russland? Die USA waren doch für die Unabhängigkeit der Tschechenen. Im Gegensatz zu anderen Terorristen ist hier eine Verbindung zum FBI schneller aufgedeckt worden als eine Verbindung zu Terrorgruppen. Und wieso haben die Attentäter nach der Tat keine Zivilisten mehr angegriffen?
    Ich bin mal gespannt auf die Aufklärung. Mich würde aber nicht wundern wenn der Verdächtige " seinen Verletzungen unterliegt". Sind es einfach nur zwei Idioten gewesen?

    8 Leserempfehlungen
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    Terroristen, die sich auf den Islam berufen, wollen offenkundig alle sog. "Ungläubigen" töten. Besonders der freiheitliche Lebensstil der westlichen Hemisphäre ist ihnen ein Dorn im Auge. Unsere auf der Toleranz auf Abwägung fußenden Gesellschaften haben gegen diese Art von Terrorismus, der von innen und von außen kommen kann, von Gruppierungen und Einzeltätern ausgeht, noch kein Gegenmittel gefunden. Müssen wir aber, und das möglichst schnell.

    "Und wieso haben die Attentäter nach der Tat keine Zivilisten mehr angegriffen?"

    Nicht nur nicht angegriffen, sondern den Autofahrer den sie in ihrer Gewalt hatten, unversehrt frei gelassen.

    Was machen die Söldner von "The Craft" am Tatort?
    http://brdakut.wordpress....

    Insgesamt eine seltsame Geschichte. Bis jetzt.

    Einerseits: mit Sicherheit. Andererseits: ich hoffe nicht, daß sie die Idioten waren, die gesucht, gefunden wurden und zu diesen Taten inspirierte, um ein politisches Geschäft abzuwickeln.

    • y5rx
    • 20. April 2013 16:47 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/jz

    4 Leserempfehlungen
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    Wieso dann der Widerstand gegen eine Festnahme?

    Ich bin da aber auch noch sehr skeptisch. Ein Junge der sich schwer verletzt unter einer Plane in einem Boot versteckt ist nicht der typische Terrorist. Er ist auch nicht ins Haus gegangen und hat auf die Einwohner geschossen, oder Geiseln genommen. Es macht den Eindruck, er ist selbst überrascht worden.

  3. Wieso dann der Widerstand gegen eine Festnahme?

    Ich bin da aber auch noch sehr skeptisch. Ein Junge der sich schwer verletzt unter einer Plane in einem Boot versteckt ist nicht der typische Terrorist. Er ist auch nicht ins Haus gegangen und hat auf die Einwohner geschossen, oder Geiseln genommen. Es macht den Eindruck, er ist selbst überrascht worden.

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "[...]"
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    war sogar überrascht, dass er seine Handgranate und etwa 5 Rohrbomben auf dem Fenster des Autos warf, nachdem die US Polizei ihn heimtückisch überfallen haben. Aber so sind se halt, die Amis.

    *ironie off*

    Ich muss mich wirklich hier fernhalten und zwingen, nur die Artikel zu lesen und diese Schwachsinnkommentare zu ignorieren. Aber irgendwie denke ich manchmal, dass man nicht jeden dreck unkommentiert stehen lassen kann. Die Redaktion löscht gern die, die auf Verläumdung und Rassismus reagieren, und dabei, zugegeben, ihre Emotionen nicht immer unter kontrolle hat. Mich vorne weg. Iss so. Kann ich kaum ändern. Und, ja, wenn man den US Behörden nichts glaubt, weil es US Behörden sind, und die Menschen, die es wagen, sich über das schnelle Ende zu freuen, als Perversen Mob bezeichnet, IST ein Rassist.

  4. "Was machen die USA mit dem Attentäter?"

    Sie werden versuchen,dass er überlebt und ihn verhören,das ist klar.
    Ev.auch einen Psychoanalytiker etc einsetzen.
    Und sie werden versuchen,mehr über den toten Bruder zu erfahren,
    der Verdächtige wird Anwälte bekommen und ein Verfahren,
    wie es üblich ist.

    Für die peinlichen Kommentare 1-4 möchte ich mich entschuldigen,auch für die gleicher Gesinnung, die noch folgen werden.

    4 Leserempfehlungen
    • mirido
    • 20. April 2013 17:05 Uhr
    Eine Leserempfehlung
  5. Bevor man beurteilen kann, ob der Verdächtige bereits vernehmungsfähig ist, bräuchte man mal ne grobe Beschreibung seiner Verletzungen.

    "Schwere Verletzungen" klingt sehr allgemein!

    ...ist er inzwischen außer Lebensgefahr? Hat er mehrere Schusswunden mit inneren Verrletzungen abbekommen, die operiert werden mussten?
    Evt. schwere Knochenbrüche und nen Schädel-Hirn-Trauma dabei?

    In diesem Falle wäre er sicherlich noch nicht vernehmungsfähig!

    Sind es dagegen nur nen paar inzwischen gut versorgte Schusswunden in den Gliedmaßen, dürfte der Verdächtige inzwischen begrenzt vernehmungsfähig sein.
    Aber auch dann kann er natürlich die Aussage verweigern!

    Wahrscheinlich dürfte es momentan aufschlussreicher sein, das gesamte Umfeld der Verdächtigen zu durchleuchten.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, cw
  • Schlagworte Barack Obama | Dschochar Zarnajew | CNN | FBI | John McCain | Anschlag
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