BombenanschlagRätseln über die Motive der Boston-Attentäter

Was trieb die Zarnajew-Brüder zu dem Anschlag auf den Marathon? War es Islamismus oder krankhafte Raserei? Hinweise bekräftigen beide Vermutungen. von Ragnar Vogt

Tamerlan Zarnajew (links), 26, auf einem Bild von 2010. Sein jüngerer Bruder Dschochar wurde festgenommen.

Tamerlan Zarnajew (links), 26, auf einem Bild von 2010. Sein jüngerer Bruder Dschochar wurde festgenommen.  |  © The Sun of Lowell, MA/FBI/Reuters

Sie sind Moslems, die beiden Attentäter von Boston. Es wäre allerdings vorschnell, darin ein Motiv für den Anschlag auf den Boston-Marathon zu vermuten, bei dem drei Menschen starben und mehr als 180 verletzt wurden.

Bisher weiß niemand, warum die beiden Brüder Tamerlan und Dschochar Zarnajew zu mutmaßlichen Tätern wurden. Sie haben kein Bekennerschreiben veröffentlicht. Von Tamerlan selbst kann man nichts mehr erfahren, er ist auf der Flucht gestorben. Dschochar liegt schwer verletzt im Krankenhaus, bisher sind keine Aussagen von ihm bekannt.

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Als Motiv sind vor allem zwei Möglichkeiten denkbar: Entweder die Brüder handelten tatsächlich aus religiösem Fanatismus, auf Grundlage einer islamistischen Ideologie. Oder es waren vor allem private Gründe, die die beiden Brüder zu der Tat trieben. Möglicherweise hatten sie eine psychische Störung oder einen übersteigerten Hass auf ihr Umfeld.

Details aus dem Leben der Verdächtigen

Die Frage nach dem Grund ist entscheidend dafür, wie die amerikanische Gesellschaft mit den Anschlägen umgehen wird. War es Islamismus, dann würde der Anschlag von Boston in einer Reihe gesehen mit den Terroranschlägen vom 11. September. Spielte Religiosität nur eine untergeordnete Rolle, dann wäre die Tat vergleichbar mit den Schulmassakern von Columbine oder Newtown.

Die US-Medien sind derzeit voll von Details aus dem Leben von Tamerlan und Dschochar Zarnajew. Man weiß inzwischen, auf welchem Weg die beiden in die USA gekommen sind. Es gibt Aussagen von Freunden, Bekannten und Verwandten, zudem die Aktivitäten der beiden in sozialen Netzwerken. Aber selbst diese Menge an Informationen ergibt noch kein schlüssiges Motiv.

Einige Hinweise sprechen für die Islamismus-These. Tamerlan war wohl ein gläubiger Mensch. Einer lokalen Sportzeitung erzählte er, dass er als Moslem auf Tabak und Alkohol verzichte. Er bezeichnete sich als "sehr religiös". Seine Tante sagte in einem Interview mit CNN , dass er vor drei Jahren begonnen habe, seine Religion zu praktizieren. Er habe fünfmal am Tag gebetet.

YouTube-Kanal mit Dschihadisten-Videos

Es gibt einen YouTube-Kanal, der laut CBS Tamerlan zugeschrieben wird. Darin waren mehrere islamische Videos aufgelistet. Zudem findet sich dort eine mit "Terrorismus" betitelte Rubrik mit zwei Videos von Dschihadisten.

Auch könnte man die Herkunft der Brüder in einen Zusammenhang mit dem Dschihad stellen. Sie kamen ursprünglich aus Tschetschenien. Dort kämpfen islamistische Kämpfer für die Unabhängigkeit von Russland. Doch bisher ist keine Verbindung zum tschetschenischen Widerstand bekannt. Außerdem ist deren Gegner Russland und nicht Amerika. Tamerlan Zarnajew reiste vor einem Jahr nach Dagestan, eine Nachbarregion von Tschetschenien, in der die Familie eine Zeit lang gelebt hatte. Das Wall Street Journal zitierte den Vater, der mit auf der Reise war: Sie hätten dort Verwandte besucht.

2010 bekamen die US-Behörden einen Hinweis von einer ausländischen Regierung, bisher ist nicht bekannt, von welcher. Demnach habe sich Tamerlan Zarnajew radikalisiert. FBI-Agenten sprachen daraufhin mit ihm. Ihnen sei aber nichts Verdächtiges aufgefallen. Sie hätten den Fall auf sich beruhen lassen, berichtete Reuters.

Tamerlan und Dschochar waren sehr verschieden

Der Onkel der beiden Brüder ist aber überzeugt, dass nicht die Religion sie zu ihrer Tat trieb. Sie seien Verlierer gewesen und hätten gehandelt aus Hass auf jeden, der besser war. Tatsächlich war der ältere Bruder, Tamerlan, wenig erfolgreich. Seine Karriere als Boxer scheiterte, schreibt das Wall Street Journal. Zudem musste er das College verlassen, weil er es sich nicht mehr leisten konnte. Und er fand keinen Job. Tamerlan war etwa 16 Jahre alt, als er 2004 in die USA kam. Er fand sich offenbar nicht so gut in der Gesellschaft zurecht. Einer lokalen Zeitung sagte er einmal, er habe keine amerikanischen Freunde.

Sein jüngerer Bruder Dschochar wird ganz anders beschrieben. Er kam bereits 2002 mit seinen Eltern ins Land, da war er zehn Jahre alt. Er gilt als sehr gut integriert, ein Schulkamerad beschreibt ihn laut Reuters als "all-american kid".

Ein anderer Schulfreund erzählte Politico, dass Religion im Leben von Dschochar überhaupt keine Rolle spielt. Auch habe er keinen Kontakt zu den muslimischen Cliquen in der Schule gehabt. "Er ist ein Kiffer, ein normaler Kiffer. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass er jemandem böse sein kann, geschweige denn, dass er jemanden verletzen kann", sagte der Schulfreund.

Auch sonst finden sich bei Dschochar bisher keine Hinweise auf die Motive der Tat, weder religiöse noch soziopathische. Die einzig bisher plausible Erklärung ist, dass er sich seinem Bruder angeschlossen hat. Der habe einen sehr großen Einfluss auf ihn gehabt, sagt sein Vater.

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Leserkommentare
    • edgar
    • 20. April 2013 20:10 Uhr

    "Als Motiv sind vor allem zwei Möglichkeiten denkbar: ..."

    Ich kann mir da jede Menge denken.
    Vielleicht wurden sie auch nur beauftragt, vielleicht von Menschen deren Motive sie unterstützen konnten und wollten, vielleicht auch nur für Geld. Man soll sich Geld ja nicht gerade abgeneigt gezeigt haben.

    Vielleicht .......

    4 Leserempfehlungen
  1. Dafür viel Widersprüchliches.

    Beispielsweise: Warum gibt die Polizei in Bosten zwei komplett unterschiedliche Versionen vom Verlauf der Festnahme heraus?

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    • edgar
    • 20. April 2013 20:39 Uhr

    "Täterschaft ist nicht bewiesen"

    • RGFG
    • 20. April 2013 22:06 Uhr

    Nur mal so gefragt. Oder anders gefragt - wozu diese gestelzten Unschuldsvermutungen?

    Jetzt mal Butter bei die Fische: Warum gab die Polizei ihrer Meinung nach zwei unterschiedliche Versionen der Festnahme heraus?

  2. "Einige Hinweise sprechen für die Islamismus-These. Tamerlan war wohl ein gläubiger Mensch. Einer lokalen Sportzeitung erzählte er, dass er als Moslem auf Tabak und Alkohol verzichte. Er bezeichnete sich als "sehr religiös"."

    Man stelle sich vor, die Verdächtigen wären Christen gewesen (und dieser Absatz entsprechend umgestellt) - da gäbe es einen großen Aufschrei, wie man es denn wagen könne, die Religion selbstverständlich als Ursache für die Tat anzunehmen.

    Überhaupt ist die Islamismusthese eher nur die übliche Suche nach einfachen Antworten. Ebenso, wie nach jedem Amoklauf das Schlagwort "Killerspiele" fällt, sind es bei Terrorakten der Islam oder sonstiger Fanatismus. Dann kann man sagen, es war halt nur das böse Killerspiel/die fiesen Islamisten, und muß nicht wirklich weiter darüber nachdenken und am Ende gar auf weniger komfortable Antworten stoßen.

    9 Leserempfehlungen
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    Die in der westlichen Hemisphäre in den letzten jahren verübten Anschläge haben wenige sich wiederholende Hintergründe. Einer der prominentesten scheint radikaler islamischer Fundamentalismus (https://de.wikipedia.org/...) Auf diese Hintergründe wurde überprüft. Inwiefern ist das ungewöhnlich oder ungerecht? Durch christlichen Fundamentatlismus motivierte Anschläge sind schlicht nicht sehr wahrscheinlich. Warum muss man gleich behandeln, was in diesem Kontext nicht gleich zu sein scheint?

    • vonDü
    • 20. April 2013 20:27 Uhr

    Ist ein Anschlag dieser Art, weniger "krankhaft", wenn er politisch, oder religiös begründet wäre?

    7 Leserempfehlungen
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    4. "slamismus oder krankhafte Raserei?
    Ist ein Anschlag dieser Art, weniger "krankhaft", wenn er politisch, oder religiös begründet wäre?

    abgesehen davon ist Islamismus,Salafismus ja eine kranke Angelegenheit für Menschen aus dem westliche Kulturkreis.

    • edgar
    • 20. April 2013 20:39 Uhr
    2 Leserempfehlungen
  3. das erscheint aus christlicher Sicht immer noch kaum vorstellbar.

    Unglaublich, wie mit dem Thema in den (TV-)Medien umgegangen wird.
    Ein Moslem gibt im Internet-Profil den Islam als Religion an.
    Ein Moslem zitiert aus dem Koran: "Tue Gutes..."
    Ein Moslem betet mehrmals am Tag.
    Sowieso ist er sehr gläubig.

    Ja, dann muss er ja ein islamistischer Fundamentalist sein.

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    im Text stand, dass es EINE mögliche Erklärung ist.

    Was soll daran falsch sein? Wollen sie bestreiten, dass es eine mögliche Erklärung ist?

    In meinem Kommentar steht, dass ich mich auch auf TV-Medien beziehe.

    2. Ja, ich möchte bestreiten, dass das eine mögliche Erklärung ist. Denn Jemand, der sich offen zu seiner Religion bekennt ist deswegen nicht zwangsläufig Terrorist. Eine Verbindung zu einer fundamentalistischen Organisation wurde ja bisher noch nicht gefunden.

  4. nur mal so....der Aeltere, von dem weiss man er wollte die USA verlassen, dahin wo er glaubte zum Gotteskaempfer ausgebildet zu werden. Der Juengere, normal, kiffend, fuer den war des Bruders Wort wie des Vaters...keine Diskussion. Der Aeltere brauchte nun, meinte er zu wissen einen Beweis, der Entschlossenheit seines Kampfes. Das ist das Muster der Taliban, des Terrors in Bagdad, im Gaza Streifen. Da ist keine Organisation, der Islam ist die "Klammer". Nirgends im Koran wird zu solchen Attentaten aufgerufen. Nicht zu "Selbst Sprengungen". Der "Plan" von A.Q. ist, es gibt keinen mehr. Da soll ja die "Topf Bombe" verlinkt gewesen sein. Das ist der "Plan" lauter kleine zusammenhangslose Attentate, "Stiche" . Besonnenheit ist hier gefragt, wie Obama sie bisher zeigt, toll

    2 Leserempfehlungen
    • gooder
    • 20. April 2013 22:02 Uhr

    Wenn es sich um islamistischen Terrorismus handeln sollte,müsste Obama den Schulterschluss mit Wladimir Putin im Kampf gegen den Terror suchen,denn dass Putin mit seinem Kampf gegen den kaukasischen Terrorismus im Recht war und die USA mit ihrer ständigen Krittelei an Putin an diesem Punkt im Unrecht, dürfte damit bewiesen sein.Desweiteren müssten die USA Distanz zu den Saudis schaffen, die diesen Terror sponsorn, was dann auch das Ende der von den USA geförderten saudischen Einmischung in die Aggression gegen Syrien bedeuten dürfte.

    5 Leserempfehlungen
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    Das Putin mit allem "Recht" den tscheteschenischen Widerstand zu brechen, ist sicherlich nicht eines der Gründe für das langjährige Währen des Problems. Auch Terrorismus hat seinen Ursprung und irgendwann einmal, weiß man gar nicht, was Ursache und Symptom ist. Aber dann spielt es keine Rolle, man hat genügend Feuer über die Übeltäter der Gegenseite um seine Sache weiterhin zu rechtfertigen. Das gilt für beide Seiten.

    • FLH80
    • 21. April 2013 7:51 Uhr

    Gar nichts ist genau bewiesen. Die beiden sind mutmaßliche Täter! Und ihr Motiv ist unklar! Dass sie aus Tschetschenien stammen reicht weder in Boston noch in Moskau aus, um zu sagen, dass sie Terroristen sind und bekämpft werden müssen.
    Und die Gründe, warum Tschetschenen oder überhaupt Menschen in Regionen, wo Armut, Krieg oder andere Krise herrscht, zu Terroristen werden, wird viel zu oft in den jeweiligen Hauptstädten nicht zur Kenntnis genommen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte CNN | Dschochar Zarnajew | Tamerlan Zarnajew | Anschlag | CBS | College
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