Anschläge in Boston : Eieruhr-Sprengsatz erschwert Tätersuche

Schnellkochtöpfe, Eieruhr, Nägel und Metallkugeln: Die Sprengsätze in Boston waren simpler Bauart. Die Ergebnisse der Ermittlungen vergrößern den Kreis möglicher Täter.
Ermittler am Ort der Anschläge in Boston © Adrees Latif/Reuters

Die Ermittler haben bei den Anschlägen in Boston zwar noch immer keine konkrete Spur, haben aber die Beschaffenheit der Sprengsätze entschlüsselt. Wie mehrere US-Medien berichten, handelte es sich um zwei Bomben simpler Bauart, die in dunklen Nylontaschen oder Rucksäcken in der Nähe der Ziellinie des Marathonlaufes abgestellt wurden und im Abstand von zwölf Sekunden detonierten. Es handele sich um Sprengsätze aus einfachen, handelsüblichen Schnellkochtöpfen, die mit Nägeln, Metallkugeln und Schwarzpulver gefüllt und mit Eieruhren als Zünder ausgestattet waren, berichtete unter anderem die Washington Post.

Dem Bericht zufolge könnte der Bau der Bombe damit weniger als 100 Dollar gekostet haben. Sprengsätze dieser Art wurden bereits früher bei Anschlägen verwendet, die Anleitungen zum Bau finden sich im Internet, etwa auf Seiten radikal-islamistischer Terrorgruppen. Eine solche Anleitung mit dem Titel "Baue eine Bombe in der Küche Deiner Mutter" war den Angaben zufolge mit dem Foto eines Rucksacks als Versteck bebildert. Allerdings werden diese in den USA auch von Rechtsextremen heruntergeladen.

Deshalb helfen die Erkenntnisse den Ermittlern bei der Suche nach den Tätern nur begrenzt weiter. Ein derart einfacher Bausatz lasse kaum Rückschlüsse auf die Herkunft zu, weil die Teile praktisch überall erhältlich seien. "Das wird eine ganze Zeit in Anspruch nehmen", zitierte die Washington Post einen Ermittler der Bundesbehörden.

Amateur oder Profi?

Das Vertrackte: Der simple Sprengsatz könnte einerseits dafür sprechen, dass die Bomben das Werk eines Amateurs waren. Andererseits könnte aber ein professioneller Terrorist bewusst die einfache Bauart gewählt haben, um seine Spuren zu verwischen.

Die US-Behörden haben rund 1.000 Beamte für die Ermittlungen in Boston herangezogen. Bei dem Anschlag waren am Montag drei Menschen getötet und mehr als 180 verletzt worden. 17 Verletzte befinden sich noch in einem "kritischen Zustand". Unter den Toten ist auch ein Achtjähriger, der seinen Vater an der Ziellinie anfeuern wollte. Seine sechsjährige Schwester verlor ein Bein, seine Mutter erlitt schwere Gehirnverletzungen, soll aber auf dem Weg der Besserung sein. Am Donnerstag sollte mit einer Gedenkfeier im Beisein von Präsident Barack Obama den Toten und Verletzten gedacht werden.

Bevölkerung soll Hinweise geben

Um den Tätern auf die Spur zu kommen, haben die Ermittler die Bevölkerung um Hilfe gebeten. Das FBI und die Polizei von Boston forderten Augenzeugen auf, Fotos oder Videos vom Anschlag einzureichen. Aufnahmen, die unmittelbar vor und nach den Explosionen gemacht worden seien, seien besonders wichtig, sagte der örtliche Polizeichef Ed Davis.

Bislang gingen nach Angaben der Ermittler mehr als 2.000 Hinweise ein. Nach Angaben von FBI-Chefermittler Richard DesLauriers wurden bereits viele Stunden Filmmaterial und zahlreiche Fotos analysiert. Die Ermittlungen liefen weltweit. "Wir werden bis ans Ende der Welt gehen, um den oder die Täter dieses abscheulichen Verbrechens zu identifizieren", sagte DesLauriers.

Den Ermittlern zufolge gibt es ein breites Spektrum von möglichen Motiven. Noch sei völlig unklar, ob es sich um einen oder mehrere Täter gehandelt habe. Der Zeitpunkt des Angriffs spreche für einheimische Extremisten, die eine mächtige Zentralregierung ablehnten.
 

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Kommentare

29 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

@ 7: Um welchen Preis "möcht man das wissen"?

Zitat: "Wer die Eieruhren wo und wann gekauft hat, möchte man wissen."

Wirklich? Um welchen Preis?

Ein gewisser Herr Uhl hat schon gefordert, man müsse diese Informationen eben beschaffen, *bevor* etwas passiert, um dann nur noch "nachschlagen" zu müssen. Was bedeutet, daß das gesamte Leben jedes einzelnen aufgezeichnet werden muß, wenn schon der Kauf von Schnellkochtöpfen und Eieruhen als Risikofaktor gelten muß. Gibt es irgendetwas, das nicht über kurz oder lang zu einer Waffe werden kann? Eine Nagelschere, eine spitze Pinzette, die Scherbe einer Bierflasche...

Natürlich möchte vermutlich jeder, der ein wenig Neugierde in sich hat, wissen, wer diesen heimtückischen und gemeinen Anschlag verübt hat. Aber das muß gar nicht der sein, der die Eieruhren gekauft hat. Würden Sie den Diebstahl einer Eieruhr bei der Polizei melden? Oder würden Sie sich nicht lächerlich fühlen und erst einmal annehmen, daß das Ding ganz einfach irgendwo in der Wohnung ist, wo es nicht hingehört?

Was mich zu Kommentar 14 bringt: "... frage ich mich warum (politische oder religiöse)Terroristen immer so dilettantische Bomben bauen."
Weil Dilettantismus kein besonders gutes Suchkriterium in großen Datenbanken ist, vielleicht?

- Fortsetzung folgt -

Lieber ZH1006,

nach gründlciher Laktüre bin ich zu dem Schluss gekommen das hierzu eine Zurückhaltung in den Medien sinnlos ist.
Nach 10 min habe ich ohne Probleme sogar die vermutliche Orginalbauanleitung in einer Dienstvorschrift der US-Armee gefunden, inklusive aller Feinheiten.

Das FM gibt es wohl seit Jahrzehnten als Buch und nun auch als .pdf in den gängigsten Sprachen der Welt!

Nach der Lektüre wird auch klar, das es ohne Bekenner verdammt schwer wird einen Täterkreis einzuengen, denn es ist tatsächlich alles "zu Hause" produzierbar.

Da kommt jeder in Betracht, der Lesen kann!

Peter