Anschlag in Boston : "Wir dürfen uns nicht terrorisieren lassen"

Der Anschlag in Boston hat Amerika in Angst versetzt. Das ist genau die falsche Reaktion, schreibt US-Autor Bruce Schneier. Denn dann hätten die Täter gewonnen.
Nach dem Anschlag auf den Marathon versammeln sich Menschen am Bostoner Kenmore Square. © Alex Trautwig/Getty Images

Es wäre einfach, Angst zu haben, während langsam die Details des Bombenanschlags in Boston bekannt werden. Es wäre einfach, sich machtlos zu fühlen und von unseren gewählten Anführern zu verlangen, etwas zu tun – irgendetwas –, um unsere Sicherheit zu gewährleisten.

Es wäre einfach, aber es wäre falsch. Wir müssen wütend sein und mit den Opfern fühlen, ohne Angst zu haben. Unsere Ängste würden den Angreifern geradewegs in die Hände spielen – und das Ausmaß ihres Siegs vergrößern, welche Ziele und welche Gruppe auch immer dahinter stecken. Wir müssen keine Angst haben, und wir sind nicht machtlos. Tatsächlich haben wir die ganze Macht, und es gibt eine Sache, die wir tun können, um Terrorismus unwirksam zu machen: uns weigern, terrorisiert zu werden.

Das zu tun, ist schwer, weil der Terrorismus genau dazu da ist, Menschen Angst zu machen – weit über die eigentliche Gefahr hinaus. Viele Forschungsberichte über Angst und das Gehirn lehren uns, dass wir Gefahren überbewerten, die selten, spektakulär, wahllos – in diesem Fall traf es auch ein unschuldiges Kind –, sinnlos, entsetzlich und drastisch sind. Terrorismus drückt alle Knöpfe für Angst bei uns, wirklich fest, und wir reagieren übertrieben.

Aber unser Gehirn führt uns an der Nase herum. Auch wenn dieser Vorfall ein paar Wochen lang in den Nachrichten sein wird, sollten wir ihn als das erkennen, was er ist: ein seltener Vorfall. Das ist der Kern dessen, was wir als Nachrichten definieren: etwas, das ungewöhnlich ist – in diesem Fall etwas, das fast nie passiert.

Terroristen sind dumm

Erinnern Sie sich an die Zeit nach 9/11, als vorhergesagt wurde, wir würden diese Art von Anschlägen fortan alle paar Monate erleben? Das ist niemals passiert, und zwar nicht, weil die TSA (amerikanische Transportsicherheitsbehörde) an Flughäfen Taschenmesser und Schneekugeln beschlagnahmt hat. Dem FBI gebührt Anerkennung, weil es Netzwerke von Terroristen aufgedeckt und die Finanzierung des Terrors unterbunden hat. Aber wir haben die Gefahr auch übertrieben gesehen. Unsere Vorstellung davon, wie einfach es ist, Dinge in die Luft zu sprengen, beziehen wir aus Fernsehen und Kino. Terrorismus ist viel schwieriger als die meisten Menschen denken. Es ist schwer, willige Terroristen zu finden, es ist schwer, einen Plan aufzustellen, es ist schwer, die nötigen Materialien zu beschaffen, und es ist schwer, einen geeigneten Plan umzusetzen. Als Gruppe zusammengenommen, sind Terroristen dumm, sie machen dumme Fehler; kriminelle Genies sind ein weiterer Mythos aus Filmen und Comicbüchern.

Selbst die 9/11-Terroristen hatten einfach nur Glück.

Wenn es für uns schon schwer ist, dies nüchtern zu betrachten, ist es für unsere Anführer noch viel schwerer. Sie werden Angst haben, dass sie den Stempel "soft on terror" aufgedrückt bekommen, wenn sie ehrlich darüber sprechen, dass absolute Sicherheit nicht möglich ist und sich Terrorismus nicht vermeiden lässt – oder dass es manche amerikanischen Ideale wert sind, auch in Zeiten der Not daran festzuhalten. Sie werden Angst haben, von den Amerikanern abgewählt zu werden. Vielleicht haben sie recht, aber wo sind die Führer, die keine Angst haben? Was ist denn mit "Das einzige, das wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst"?

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