Ein Polizist in Boston © Spencer Platt/Getty Images

Ermittler in Boston haben keine weiteren Bomben gefunden. Damit bleibt es dabei, dass während des Marathons zwei Sprengsätze detonierten. Das teilte der Gouverneur von Massachusetts, Deval Patrick, mit. Zunächst hatte es geheißen, dass möglicherweise zwei oder drei weitere Sprengsätze entdeckt worden seien, die glücklicherweise nicht funktioniert hätten.

Patrick zufolge fand die Polizei mehrere verdächtig erscheinende Gegenstände, die vorsichtshalber gesprengt worden seien. Dabei habe es sich aber nicht um Bomben gehandelt.

US-Präsident Barack Obama bezeichnete die Tat nun erstmals als einen Terrorakt. Man wisse aber noch nicht, wer genau dahinter stehe, ob eine Organisation oder einzelne Täter, sagte er.

Behörden ermitteln in zwei Richtungen

Die Sicherheitsbehörden in den USA fahnden nach dem Terroranschlag auf den Boston-Marathon in zwei Richtungen: In Betracht kommen für sie regierungsfeindliche Gruppen aus dem Inland oder radikale Islamisten. Drei Menschen waren getötet und 150 zum Teil schwer verletzt worden. Für beide Tätertheorien sprechen jeweils unterschiedliche Indizien.

So deutet der Zeitpunkt der Anschläge – am Montag wurde in Massachusetts der Patriots' Day begangen – eher auf einen Angriff von einheimischen Radikalen, die die Macht des Staates zurückdrängen wollen. Der 15. April ist in den USA auch die Frist für die Abgabe der Steuererklärung – ein emotionales Thema für Extremisten, die in den USA als "right wing extremists" dem rechten politischen Spektrum zugerechnet werden. Dabei handelt es sich aber nicht notwendigerweise um Neo-Nazis oder Rechtsradikale nach europäischem Verständnis.

In dieser Woche, genauer am 19. April, nähern sich zudem zwei Jahrestage mit symbolischer Bedeutung: Das gewaltsame Ende der Waco-Belagerung 1993 in Texas und der Anschlag in Oklahoma City 1995, bei dem fast 170 Menschen ums Leben gekommen sind.

Nach Angaben der New York Times ähneln die Sprengsätze in Boston – laut Ermittlerkreisen bestanden sie aus Schießpulver und Metallkugeln– jener Rohrbombe, die der radikale Abtreibungsgegner Eric Rudolph im Juli 1996 bei seinem Anschlag auf die Olympischen Spiele in Atlanta verwendet hatte. Damals wurde in den USA zum ersten Mal ein sportliches Großereignis Ziel eines Anschlags.

Als zweite Theorie wird Insidern zufolge eine direkte oder indirekte Verbindung zu islamischen Extremisten diskutiert. Hierfür spräche die Vorgehensweise, sagten hochrangige Ermittler der Nachrichtenagentur Reuters. Die Zündung von zwei Sprengsätzen kurz hintereinander bei einem Großereignis sei die Art von Angriff, die vom Islamisten-Magazin Inspire propagiert werde. In einer der jüngsten Ausgaben war eine detaillierte Anleitung zum Eigenbau und Einsatz von Sprengsätzen enthalten.

Die Zeitschrift Inspire wird vom jemenitischen Al-Kaida-Ableger verbreitet. Sie enthält englischsprachige Aufrufe an Muslime im Westen, Angriffe selbst mit bescheidenen Mitteln auszuführen.

Pakistan-Taliban streiten Verantwortung ab

Bislang hat sich niemand aus der islamistischen Szene zu dem Anschlag bekannt – im Gegenteil. So betonten die pakistanischen Taliban, keine Verantwortung für die Explosionen beim Marathon in Boston zu tragen. "Wir sind für Angriffe auf die USA und ihre Verbündete, sind jedoch in diese Angriffe nicht verwickelt", sagte der Sprecher der Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP), Ehsanullah Ehsan, der Nachrichtenagentur AFP.

Die TTP hat in Pakistan zahlreiche Selbstmordanschläge verübt und auch mit Angriffen auf US-Städte gedroht. Im Mai 2010 wurde ein Autobombenanschlag auf den Times Square in New York verhindert, der laut einem Internetvideo angeblich von der TTP geplant worden war.

Offenbar gibt es bereits erste konkretere Hinweise auf mögliche Täter. Wie der Fernsehsender WBZ-TV berichtete, hat die Polizei eine Wohnung in Revere, einem Vorort Bostons, durchsucht. Die Polizei bestätigte, dass es einen Durchsuchungsbefehl gegeben habe und dass die Aktion Teil der Ermittlungen zum Anschlag auf den Marathon sei. Die Zeitung Boston Herald meldet, dass unter den Ermittlern Agenten des Ministeriums für Innere Sicherheit sind.

Derweil ging in Boston die Nationalgarde des Bundesstaates Massachusetts in Stellung, während schwer bewaffnete Polizisten die Krankenhäuser sicherten. Große Teile der Innenstadt blieben abgesperrt. Die Bundespolizei FBI übernahm die Führung bei den Ermittlungen, an denen sich neben den örtlichen Behörden auch der Geheimdienst CIA beteiligte. Übereinstimmend hieß es, vor dem Angriff habe es keine Warnung gegeben. Der leitende FBI-Beamte Richard DesLauriers sagte, ein terroristischer Zusammenhang werde nicht ausgeschlossen. Nähere Auskünfte zu ersten Erkenntnissen der Fahnder oder zur Richtung der Ermittlungen lehnte er ab.