Nach den AnschlägenBoston trauert, Boston trotzt

Boston sucht nach seiner neuen Normalität. So viel ist sicher: Eingeschüchtert hat das Attentat hier kaum jemanden. Von Kim Bode, Boston von Kim Bode

Teilnehmer des Boston-Marathons umarmen sich, als sie eine Tag nach den Anschlägen ihre Medaillen abholen.

Teilnehmer des Boston-Marathons umarmen sich, als sie eine Tag nach den Anschlägen ihre Medaillen abholen.   |  © Adrees Latif/Reuters

Bailey bringt die Menschen zum Weinen und das ist gut. Deswegen ist der Therapiehund im Hilfslager am Tag nach den Terroranschlägen auf den Boston-Marathon äußerst beliebt. Eigentlich ist es auch gar kein Hilfslager in der alten Waffenkammer der Stadt. The Castle dient eigentlich nur als Abholstation für die gelben Beutel der Läufer, die sie dringend zurückhaben wollen. "Dass viele von ihnen noch viel mehr brauchen, merken sie erst, wenn ihnen hier Essen, Trinken und  Beratungsdienste angeboten werden", sagt Jana Sweeny vom Roten Kreuz. So wie die Emotionen plötzlich aus ihnen herausbrechen, wenn sie in Baileys Hundeaugen schauen und sich in das weiche Fell des massigen Golden Retrievers kuscheln.

Terroristen aus dem eigenen Land

24 Stunden nach den Explosionen ist die Stadt noch immer im Schock. Die Stimmung schwankt zwischen Trauer und Trotz. Die Fahne auf dem Castle weht auf Halbmast. Soldaten bewachen die Hintertür. Vorne humpeln Marathonläufer die paar Stufen des Haupteingangs hinunter – der Muskelkater. Einige lachen, andere weinen. Manche sprechen fremde Sprachen. Und alle fragen sich: wer? Woher? Und Warum?

Anzeige

Über Täter und Motive weiß man so gut wie nichts. Bisher hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Das FBI ermittle im Zusammenhang eines Terrorakts, sagte Präsident Barack Obama, der am Donnerstag für einem Gedenkgottesdienst nach Boston kommen wird. Erste Ermittlungsergebnisse deuteten darauf hin, dass heimische Extremisten ihn verübt haben könnten, sagte Saxby Chambliss, republikanischer Senator aus dem US-Bundesstaat Georgia und Mitglied des Geheimdienstausschusses: homegrown terrorism nennen sie das hier. "Ein Teil von mir wünscht sich geradezu, dass es homegrown war", sagt eine New Yorkerin mit Familie in Boston. "Damit die Ausländerfeindlichkeit nicht noch weiter geschürt wird."

Was man weiß am Tag danach, sind vor allem Zahlen: zwei Bomben, gebastelt aus Sechs-Liter-Schnellkochtöpfen, gefüllt mit Metallsplittern, explodiert im Abstand von zwölf Sekunden. Drei Tote: ein achtjähriger Junge, eine 29-jährige Restaurantleiterin und ein Student der Boston University. 176  Verletzte, 17 davon noch immer in Lebensgefahr. Und was man nicht aus dem Kopf bekommt: die Bilder des blutigen Schlachtfelds am Ende der Marathonstrecke und die Berichte von umherfliegenden Gliedmaßen und herausoperierten Metallsplittern, die danach den Behörden zur Untersuchung übergeben wurden.

Solidarität in Stadt und Nation

Nach dem schwersten Anschlag seit dem 11. September 2001 geht eine Welle der Solidarität durch die Stadt. Einige Restaurants in Boston bieten kostenlose oder verbilligte Mahlzeiten für Rettungshelfer, Polizisten, Feuerwehrmänner und auch Läufer an. Einige Bars laden zu Benefiz-Konzerten, andere Lokale haben angekündigt, einen Prozentsatz ihrer Umsätze zu spenden. Nicht nur hier, in der Stadt der Jogger, sind viele Läufer Blau und Gelb gekleidet, in den Farben des Boston-Marathons. Andere, die gar nicht vorhaben zu joggen, tragen den ganzen Tag Sportklamotten. Überall im Land werden Gedenkläufe geplant und in sozialen Netzwerken organisiert.

Dort tauschen sich auch die meisten aus und äußern große Anerkennung für die Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort. "Danke, Boston", schreibt etwa Nancy Smith auf der Facebook-Seite des Marathons. "Ich hatte gerade die 25-Meilen-Marke genommen, als die Polizei die Strecke schloss. Fremde wurden meine Familie." Sie habe nicht zurück ins Hotel in unmittelbarer Nähe des Tatorts gedurft, ohne Geld und warme Kleidung. Fremde Menschen hätten ihr Kleidung, Essen und Unterkunft angeboten und sie schließlich zurück zum Hotel gebracht. "Das war mein 13. Marathon, Boston. Ich werde wiederkommen", schließt sie ihren Beitrag.

Marathon auch 2014

Ob die Marathon-Tradition Bostons im kommenden Jahr fortgesetzt wird, war zunächst fraglich. Doch die Veranstalter zeigen sich kämpferisch: "Boston ist stark. Boston ist unverwüstlich. Boston ist unser Zuhause. Und Boston hat uns unheimlich stolz gemacht in den vergangenen 24 Stunden", sagte der Chef der Boston Athletic Association, Thomas Grilk. "Wir fühlen uns verpflichtet, die Tradition des Laufs mit dem 118. Boston-Marathon im Jahr 2014 fortzusetzen."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. den / die Täter dingfest zu machen.

    [...]
    Mein Mitleid gilt den Opfern.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Spekulationen. Danke, die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    überhaupt nicht im Inland aktiv werden, aber solche Kleinigkeiten spielen in den USA seit dem 11.September vermutlich auch keine Rolle mehr. Für die Geheimdienste wurden im Jahr 2010 80 Milliarden Dollar ausgegeben ( heute eher noch mehr ), und es braucht nur zwei Kochtöpfe als Bomben um die Grenzen dieser Hightechschnüffeldienste aufzuzeigen

    http://sommers-sonntag.de/?p=2061

    ..bekommen die verschiedenen Dienste 2010 zusammen mehr als 80 Milliarden Dollar (58 Milliarden Euro).Clappers Behörde, zu der der Auslandsgeheimdienst CIA und 16 weitere Organisationen gehören, bekommt 53,1 Milliarden Dollar (38,5 Milliarden Euro). Weitere 27 Milliarden Dollar (20 Milliarden Euro) sind für die militärischen Nachrichtendienste bestimmt.

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  2. Der Ruf danach wird jetzt laut.

    Wir müssen Überwachungskameras und Drohnen überall und omnipräsent zur Verfügung haben.

    Nur Drohnen und eine permanente Überwachung eines jeden Bürger-PCs können den möglicherweise islamistisch verursachten Terror noch verhindern.

    Der Überwachungsstaat muss kommen - anders geht es nicht!

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    er wird von der Wirklichkeit übertroffen werden.
    Leute wie Herr Uhl und Konsorten holen schon wieder ihre ewiggestrigen Pläne aus der untersten Schublade.
    So wird den Terroristen erst zum Triumph verholfen.

  3. er wird von der Wirklichkeit übertroffen werden.
    Leute wie Herr Uhl und Konsorten holen schon wieder ihre ewiggestrigen Pläne aus der untersten Schublade.
    So wird den Terroristen erst zum Triumph verholfen.

    3 Leserempfehlungen
  4. 4. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/ls

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt, da unsachlich. die Redaktion/ls

  5. "Ein Teil von mir wünscht sich geradezu, dass es homegrown war ... Damit die Ausländerfeindlichkeit nicht noch weiter geschürt wird."

    Nicht damit man sich womöglich nach außen zur wehr setzen müsste ... und wo man doch so Anfällig für "Ausländerfeindlichkeit" sei ...

    So ganz souverän im Sinne der Überschrift klingt es für mein Logikempfinden nicht wirklich, dass man aber von bestimmter Seite* jedenfalls nicht attackiert worden sein mag.

    Man stelle sich mal vor: 7. Dezember 1941: "Hoffentlich waren es nicht Flieger aus dem Ausland - bitte, bitte nicht von einer Insel".

    Mein Eindruck ist ganz im Gegenteil: dass der Terrorismus (und allerdings nicht nur der Terrorismus im engeren Sinne) dem Selbstbehauptungswillen der USA bereits eine bizarr-bedenkliche Schlagseite verpasst hat.

    *http://gulfbusiness.com/2013/04/saudi-king-condemns-boston-bombs-as-sham...

    Keine Chance: Was seine Gegner machen (grundsätzlich, für hier sei nichts unterstellt) dass kriegt der Boss angelastet. So funktionieren wir doch inzwischen, oder ?

    Ein mehrfach verschachteltes Verzagen hat sich auf unserer Seite eingeschlichen. 'Gebe Gott, dass es nicht (wieder) die Saudis waren' - wo es doch um deren Feinde geht.

    Vertrackt bedingt abwehrbereit sozusagen.

    Wenn die Saudis nur atheistisch-militante Feinde hätten, dann wäre es vielen im Westen wohl leichter ums Herz.

    Sehr respektvoll bedingt abwehrbereit.

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 17. April 2013 8:53 Uhr

    Oberflächlichkeit sagt man den Amerikanern nach. Liest man im Bericht über das Verhalten der Bürger ist mir diese solidarische und "oberflächliche" Freundlichkeit lieber als das unfreundliche ach so "Tiefgründige" hierzulande nebst der Solidarität nach Prüfung von Weltanschauung, Partei-und Verbandszugehörigkeit.

    Das ist auf der politischen Ebene anders. In USA wie letzlich in jedem mächtigen Land, aber die Bürger tun und machen, ohne vorher oben anzufragen, was sie tun und lassen sollen.

    • Atan
    • 17. April 2013 9:02 Uhr

    denn mit zwei verhältnismäßig kleinen Bomben haben sie eine fast maximale Hysterie ausgelöst, und praktisch jedes Medium, jeder Semiprominente und Halbexperte müht sich, sie zu schüren.

    So bedauernswert jedes Opfer eines Gewaltverbrechens ist, es ist dieses infernalische Gekreisch, in dem alle sich gegenseitig versichern, dass sie ja eigentlich auch Opfer sind, weil ja schließlich irgendein gesamtamerikanisches Sybol getroffen sei, das jede Vernunft und jede Haltung den Bach hinunter gehen lässt - und am Ende den hier öffentlich betrauerten Opfern ungezählte namenlose hinzufügt.

    Die Dame, die innerlich ein bisschen hofft, die Täter mögen Inländer sein, hat sich wenigstens noch einen Rest politischen Sachverstandes bewahrt - sollte irgendein "islamischer" Hintergrund bestehen, dürften diverse Dorfversammlungen oder Hochzeitsgesellschaften irgendwo am Ende der Welt in Gefahr schweben, in einem Massenbegräbnis zu enden - maximal in einer kurzen Agenturmeldung "betrauert" und als "Terroristen" denunziert.

    Und auch im Falle des "homegrown terrorism" bedient die Hysterie die Täter: statt sich nüchtern auf die gemeinsamen Grundsätze des demokratischen Rechtsstaates zu besinnen, wird man versuchen, die maximale parteiliche Polarisierung zu schüren, weil sich alle Seiten Vorteile davon versprechen.
    Dass die USA als Gesellschaft und Staat durch die künstliche Hyperemotionalisierung nur verlieren können, wagt kaum noch jemand auszusprechen.

    4 Leserempfehlungen
    • Oyamat
    • 17. April 2013 9:30 Uhr

    Zitat aus der Artikeleinleitung: "Eingeschüchtert hat das Attentat hier kaum jemanden."
    Muß ja auch nicht - ich fürchte, das haben die Terroristen aller Couleur längst auch schon mitbekommen. Sie müssen lediglich einen kleinen Umweg mit einplanen, nämlich den über die Politik. Wenn wieder ein als "demokratisch" bezeichneter Staat seine Sicherheit erhöht GEGEN die Bürger, denen die Regierung nicht traut, wenn wieder durch mehr Überwachung verraten wird, wie es in Wahrheit um die Unschuldsvermutung steht, wenn wieder das Leben eingeschränkt wird zugunsten eines Phantoms, einer Ideologie der Sicherheit: dann hat das Attentat genau so eingeschüchtert, wie es nötig ist, um Staaten von innen her zu vernichten.

    Oh doch, Boston *hat* eingeschüchtert - einen Uhl zum Beispiel, der darüber hinaus noch nicht einmal die Pietät hat, die Trauerfrist einzuhalten; und sicher gibt's auch in den Staaten einige, deren Reflexe genauso funktionieren. Damit hat der Anschlag vermutlich sein gewünschtes Ziel erreicht. Ein Schritt in einem langen Marathon, aber das Ziel kommt leider, LEIDER auch für den Terror immer näher.

    MGv Oyamat

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Barack Obama | FBI | Anschlag | Ausländerfeindlichkeit | Marathon | Solidarität
Service