Bailey bringt die Menschen zum Weinen und das ist gut. Deswegen ist der Therapiehund im Hilfslager am Tag nach den Terroranschlägen auf den Boston-Marathon äußerst beliebt. Eigentlich ist es auch gar kein Hilfslager in der alten Waffenkammer der Stadt. The Castle dient eigentlich nur als Abholstation für die gelben Beutel der Läufer, die sie dringend zurückhaben wollen. "Dass viele von ihnen noch viel mehr brauchen, merken sie erst, wenn ihnen hier Essen, Trinken und  Beratungsdienste angeboten werden", sagt Jana Sweeny vom Roten Kreuz. So wie die Emotionen plötzlich aus ihnen herausbrechen, wenn sie in Baileys Hundeaugen schauen und sich in das weiche Fell des massigen Golden Retrievers kuscheln.

Terroristen aus dem eigenen Land

24 Stunden nach den Explosionen ist die Stadt noch immer im Schock. Die Stimmung schwankt zwischen Trauer und Trotz. Die Fahne auf dem Castle weht auf Halbmast. Soldaten bewachen die Hintertür. Vorne humpeln Marathonläufer die paar Stufen des Haupteingangs hinunter – der Muskelkater. Einige lachen, andere weinen. Manche sprechen fremde Sprachen. Und alle fragen sich: wer? Woher? Und Warum?

Über Täter und Motive weiß man so gut wie nichts. Bisher hat sich niemand zu dem Anschlag bekannt. Das FBI ermittle im Zusammenhang eines Terrorakts, sagte Präsident Barack Obama, der am Donnerstag für einem Gedenkgottesdienst nach Boston kommen wird. Erste Ermittlungsergebnisse deuteten darauf hin, dass heimische Extremisten ihn verübt haben könnten, sagte Saxby Chambliss, republikanischer Senator aus dem US-Bundesstaat Georgia und Mitglied des Geheimdienstausschusses: homegrown terrorism nennen sie das hier. "Ein Teil von mir wünscht sich geradezu, dass es homegrown war", sagt eine New Yorkerin mit Familie in Boston. "Damit die Ausländerfeindlichkeit nicht noch weiter geschürt wird."

Was man weiß am Tag danach, sind vor allem Zahlen: zwei Bomben, gebastelt aus Sechs-Liter-Schnellkochtöpfen, gefüllt mit Metallsplittern, explodiert im Abstand von zwölf Sekunden. Drei Tote: ein achtjähriger Junge, eine 29-jährige Restaurantleiterin und ein Student der Boston University. 176  Verletzte, 17 davon noch immer in Lebensgefahr. Und was man nicht aus dem Kopf bekommt: die Bilder des blutigen Schlachtfelds am Ende der Marathonstrecke und die Berichte von umherfliegenden Gliedmaßen und herausoperierten Metallsplittern, die danach den Behörden zur Untersuchung übergeben wurden.

Solidarität in Stadt und Nation

Nach dem schwersten Anschlag seit dem 11. September 2001 geht eine Welle der Solidarität durch die Stadt. Einige Restaurants in Boston bieten kostenlose oder verbilligte Mahlzeiten für Rettungshelfer, Polizisten, Feuerwehrmänner und auch Läufer an. Einige Bars laden zu Benefiz-Konzerten, andere Lokale haben angekündigt, einen Prozentsatz ihrer Umsätze zu spenden. Nicht nur hier, in der Stadt der Jogger, sind viele Läufer Blau und Gelb gekleidet, in den Farben des Boston-Marathons. Andere, die gar nicht vorhaben zu joggen, tragen den ganzen Tag Sportklamotten. Überall im Land werden Gedenkläufe geplant und in sozialen Netzwerken organisiert.

Dort tauschen sich auch die meisten aus und äußern große Anerkennung für die Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort. "Danke, Boston", schreibt etwa Nancy Smith auf der Facebook-Seite des Marathons. "Ich hatte gerade die 25-Meilen-Marke genommen, als die Polizei die Strecke schloss. Fremde wurden meine Familie." Sie habe nicht zurück ins Hotel in unmittelbarer Nähe des Tatorts gedurft, ohne Geld und warme Kleidung. Fremde Menschen hätten ihr Kleidung, Essen und Unterkunft angeboten und sie schließlich zurück zum Hotel gebracht. "Das war mein 13. Marathon, Boston. Ich werde wiederkommen", schließt sie ihren Beitrag.

Marathon auch 2014

Ob die Marathon-Tradition Bostons im kommenden Jahr fortgesetzt wird, war zunächst fraglich. Doch die Veranstalter zeigen sich kämpferisch: "Boston ist stark. Boston ist unverwüstlich. Boston ist unser Zuhause. Und Boston hat uns unheimlich stolz gemacht in den vergangenen 24 Stunden", sagte der Chef der Boston Athletic Association, Thomas Grilk. "Wir fühlen uns verpflichtet, die Tradition des Laufs mit dem 118. Boston-Marathon im Jahr 2014 fortzusetzen."