Boston-Anschlag : Brüderpaar aus Tschetschenien lebte in den USA

Zwei Brüder aus Tschetschenien sollen den Anschlag von Boston verübt haben. Hinweise auf Religiosität und misslungene Integration verstärken Spekulationen.
Journalisten machen Bilder der Fahndungsfotos, auf denen die beiden verdächtigen Brüder zu sehen sind. © Lucas Jackson/Reuters

Zwei Brüder sollen für den Bombenanschlag auf den Boston-Marathon verantwortlich sein. Noch werden die Informationen über die beiden Männer zusammengetragen, in US-Medien wird viel spekuliert. Bislang bekannt ist nur, dass der 19-jährige Dschochar Z. und sein 26-jähriger Bruder als mutmaßliche Täter für die Bomben von Boston gelten und dass der Ältere von beiden bei der Verfolgung durch die Polizei erschossen wurde.

Auslöser der Verfolgungsjagd war die Veröffentlichung der Fahndungsfotos zum Boston-Anschlag durch das FBI am Donnerstagabend. Wenige Stunden später überfielen zwei Männer, die auf den Bildern der Überwachungskameras zu sehen sind, einen kleinen Laden. Vermutlich wollten sie sich Geld für ihre Flucht verschaffen. Ihre Entdeckung durch die Polizei ist nach bisherigem Stand aber einem Zufall geschuldet: Ein Wachmann der Universität in Cambridge wurde wegen Ruhestörung auf den Campus gerufen und in seinem Auto erschossen. Als die Polizei eintraf, kam es zu Schusswechseln, die Jagd begann.

Nach übereinstimmenden Berichten nahmen die beiden Männer einen Mann als Geisel und flohen in dessen Auto. Ein halbe Stunde später wurde er freigelassen, in dem Chaos soll ein Flüchtiger den anderen mit dem geraubten Wagen angefahren haben. Verfolgt von der Polizei warfen sie demnach Sprengsätze aus dem Auto und schossen auf die Streifenwagen. Die Polizisten schossen zurück. Einer der Flüchtenden starb später im Krankenhaus, Tamerlan Z. Seine Leiche wies schwere Verletzungen von Schüssen, aber auch von einem Sprengsatz auf, den er offenbar am Körper trug.

2002 aus Dagestan eingereist

Nun werden Motiv und Hintergründe der beiden Brüder beleuchtet. Bislang bekannt ist, dass sie seit einigen Jahren in den USA leben, ursprünglich aber aus der Kaukasus-Region stammen. Tschetschenien ist Polizeiangaben zufolge ihre Heimat. In den Medien wird spekuliert, dass sie als Bürgerkriegsflüchtlinge mit ihrer Familie schließlich in Kirgisistan eine neue Heimat fanden. Die kirgisische Nationalität soll in ihren Pässen eingetragen sein, vor ihrer Einreise in die USA haben sie aber in der Republik Dagestan gelebt. Die Direktorin der Schule Nummer 1 in der Hauptstadt Machatschkala bestätigte der New York Times, dass die Familie 2002 von Dagestan in die USA gezogen sei. Ein Jahr zuvor sei sie aus Kirgisistan in das Land gekommen.

Wie genau die Familie mit zwei Söhnen und zwei Töchtern in die USA gelangte, darüber herrscht ebenfalls noch Unklarheit. Das Wall Street Journal berichtete, dass sie als tschetschenische Bürgerkriegsflüchtlinge kamen und bei ihrer Ankunft in Cambridge von der dortigen tschetschenischen Community unterstützt wurden. Möglicherweise kamen die Brüder auch erst nacheinander in die USA, einer mit den Eltern 2002, der andere erst 2004, berichtete die Zeitung.

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Kommentare

106 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

die Qualität der Kommentare

"Och, wisst ihr? Nimmt die Qualität der Kommentare auf Zeit Online eigentlich überall ab oder ist dieser Kommentar nur der hohen Wogen und Emotionalität dieses Themas geschuldet?"

Die Qualität nimmt eindeutig ab. In erster Linie, durch die starke Zunahme argumentfreier Kommentare. Zu denen der Ihre zählt.

Es bleibt Ihnen unbenommen, sich in den Mainstream einzuordnen und auch beim x-ten Artikel zum Anschlag, zum x-ten Mal außer Betroffenheit nichts zu äußern. Aus meiner Sicht, verkommt das zum inhaltsleeren Ritual, wenn man es bei jedem Post wiederholt.

Deswegen fand ich ich es nützlicher über den Artikel, und die möglichen Folgen des Anschlages nachzudenken, speziell auf die Folgen für Obamas Politik. Wer die Reaktionen der USA auf Terror erlebt hat, das politische Gefüge versteht, die Haltung der Bevölkerung zu "war on terror", Drohnen und Guantanamo kennt, der muss davon ausgehen, dass auch dieser Anschlag Folgen haben wird. Unabhängig davon, was letztlich der genaue Hintergrund der Täter ist.

Der Anschlag war "foreign" und Terror. Glaubt wirklich irgend jemand, dass die Chancen einer Schließung von Guantanamo damit steigen? Oder das der President sich zu anderen Themen der Sicherheit nachgiebig zeigen kann?
Business as usual, bzw. unverändert "weiter so" wird wohl kaum die zukünftige Politik bestimmen, wofür schon die Opposition sorgen wird,

Wenn andere Argumente haben, lassen Sie hören, ansonsten lassen Sie es bitte ganz.

Bitte?

Schon. Oder deiner.

Du verwechselst 'Behauptung' mit 'Argument'. Wenn wir deinen Beitrag unter diesem Lichte betrachten haben wir viel Text ohne Argumente mit sehr vielen Behauptungen.

Aber, lass mich dir helfen und duden.de Zitieren:

"Be­haup­tung, die: Äußerung, in der etwas als Tatsache hingestellt wird [was möglicherweise jedoch keine ist]"

"Ar­gu­ment, das: Rechtfertigungsgrund, [stichhaltiger, plausibler] Beweisgrund, Punkt einer Beweisführung"

Oh, und noch etwas: "Sug­ges­tiv­fra­ge, die: Frage, die so gestellt ist, dass eine bestimmte Antwort besonders nahe liegt".
Kein Plan, ob ich wirklich glaube, dass die Chancen einer Schließung von Guantanamo jetzt höher oder niedriger sind. Auch keine Ahnung, ob sich der gütige Herr Präsident sich jetzt zu anderen Themen der Sicherheit 'nachgiebig' zeigen kann. Ich wüsste ja noch nicht einmal, welche 'anderen Themen der Sicherheit' du denn meinen könntest.

Davon ganz abgesehen ist Dschochar Zarnajew US-Staatsbürger und 'Terror' ein recht vager Kampfbegriff, der das, was geschehen eigentlich gar nicht mehr beschreibt. Mag sein, dass die Anklage gegen ihn auf Terrorismus lauten wird; mit dem religiös-fundamentalistisch motiviertem internationalen Terrorismus, der in diesem Kontext meines Empfindens nach etwas zu gerne an die Wand gemalt wird, hatte das nicht viel gemein.

Erklärungen für die Tat

"Welcher Grund auch immer letztendlich man finden mag, für mich wird er fadenscheinig sein. Für solche Taten gibt es einfach keine Erklärung."

Doch, gibt es.

Alle Täter haben eine starke Affinität zu Gewalt und selbst in jungen Jahren massive Gewalterfahrungen gemacht (hier: mindestens durch die Kriegserfahrung). Einer der beiden mutmaßlichen Täter v. Boston ist zuvor bereits durch Gewalttätigkeit gegenüber seiner Partnerin "aufgefallen".

Spätere "Radikalisierungen" und das Adaptieren von Denksystemen, die ideologisch überhöht sind, aber in deren Kern letztendlich ebenfalls Brutalität und das Rechtfertigung von Gewaltausübung stehen, sind nur die sichtbarere Fortführung davon.

Es ist daher m.E. zweitrangig, ob sich die beiden mutmaßlichen Attentäter ggfs. zu radikal-islamistischen Terroristen hingezogen gefühlt und sich mit ihnen identifizert haben. Der Kern des Problems liegt nicht darin, dass die beiden muslimischen Glaubens waren (wie in den USA z.T. argumentiert wird).

Und nur, damit ich nicht missverstanden werde:

Es geht nicht darum, Gewalttaten durch "schwere Kindheitserlebnisse" zu rechtfertigen, sondern darum, den Fokus auf die eigentlichen Ursachen von Attentaten und Terrorismus zu lenken, die aber in der öffentlichen Wahrnehmung meist vernachlässigt werden.

Da viele andere, die Gewalt erfahren haben, es schaffen, selbst nicht gewalttätig zu werden, entbindet dies niemanden davon, Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen.

Genauer lesen

"Wer auf islamfaschistische Seiten verlinkt, wie die beiden Brüder, dann ist dieser berechtigte Verdacht mehr als begründet ."

Ach, werter soutchcross, entweder haben Sie meinen Kommentar nicht vollständig gelesen oder nicht verstanden. (Nicht Verstehenwollen wäre auch noch eine Möglichkeit.)

Ich sprach vom _Kern_ des Problems, nicht davon, dass die beiden Verdächtigen nicht islamistisch-terroristische Hintergründe haben könnten; dass diese sich dem Anschein nach mit einer Ideologie identifiziert haben, erwähnte ich.

Im übrigen war die dokumentierte Gewalttätigkeit im häuslichen Bereich der Grund, warum dem älteren, nun toten, Verdächtigen, die amerikanische Staatsbürgerschaft verweigert wurde.

P.S.: Beschäftigen Sie sich mal mit der Pulsdiagnose in der tibetischen Medizin. Sehr beeindruckend: Sie geben dem Arzt oder der Ärztin Ihre Hand, und diese/r stellt anhand des Pulses eine genaue Diagnose. Sollten Sie mal ausprobieren, wenn Sie es nicht glauben.