VatikanDemokratiedefizit wurzelt tief in der katholischen Kirche

Papst Franziskus hat ein neues Gremium geschaffen, um Reformen der Kurie vorzubereiten. Demokratisieren wird das die katholische Kirche nicht. von Wolfgang Thielmann

Papst Franziskus Reformen Vatikan

Papst Franziskus  |  © Franco Origlia/Getty Images

Ist das die Revolution von oben? Will Papst Franziskus die Kirche demokratisieren? Die Nachricht schlug ein: Franziskus hat acht Kardinäle aus fünf Kontinenten zu Beratern berufen, um den Vatikan, die Regierungszentrale der katholischen Kirche, zu modernisieren: weniger Dekrete, mehr Mitbestimmung, weniger Hof, mehr Dienstleistung.

Immer noch gleicht der Vatikan einem spätmittelalterlichen Königtum. Das spürte selbst der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, als Franziskus ihn traf. Nicht nur, dass Schneiders Frau sich einen schwarzen Tüllschleier überwerfen musste. Das vatikanische Bulletin vermeldete zudem, er sei empfangen worden "con entourage". In der deutschen Fassung hieß es: "mit Gefolge". Der Mann an Schneiders Seite war Thies Gundlach, der Cheftheologe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zum ersten Mal in seinem Leben sah sich der demokratiegewohnte Protestant zum "Gefolge" degradiert.

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Papst Franziskus hat den Hofstaat schon ziemlich durcheinandergeworfen. Er durchbricht Kleiderordnungen und Residenzpflichten. Er nimmt Bäder in der Menge, statt Abstand zu halten. Und er hat seine Wahlrede vor den Kardinälen veröffentlichen lassen, wie ein Regierungsprogramm, das das vatikanische Protokoll nicht vorsieht. Mit den acht Kardinälen hat er auch das lange geforderte Kabinett geschaffen, heißt es, eine Ministerkonferenz, in der wichtige Entscheidungen auf den gemeinsamen Tisch kommen.

Am Ende entscheidet Franziskus allein

Bisher hat im Vatikan der Papst das letzte Wort – und nur er. Das System setzt sich fort bis in die letzte Landpfarrei. Im Bistum hat der vom Papst eingesetzte Bischof das Sagen, im Glauben, beim Recht und in der Verwaltung. Und in der Gemeinde bestimmt der vom Bischof berufene Pfarrer. Der hat seinem Bischof Gehorsam versprochen, und der Bischof dem Papst.

Es gibt kein Anzeichen dafür, dass sich daran etwas ändert. Das Demokratiedefizit lebt in den Genen der katholischen Kirche. Deshalb hat der vatikanische Pressesaal sorgfältig formuliert: Die acht Kardinäle beraten den Papst. Die Entscheidung liegt bei ihm. Das System ist gesichert wie eine Doppelnaht. Die Spitzen der Zwillingsnadel heißen: monarchischer Episkopat und apostolische Sukzession.

Beide entstanden sehr bald nach der Abfassung der Bibel, aber sie finden sich nicht darin. Und sie sind ein Grund, warum die Überlieferung, also die Entscheidungen der Päpste, mindestens den gleichen Rang hat wie die Heilige Schrift selbst.

Der monarchische Episkopat des Papstes und, von ihm abhängig, der Geweihten, ist ein Kind des zweiten Jahrhunderts. Das junge Christentum wurde verfolgt. Und es hatte die ersten internen Kämpfe hinter sich gebracht. Verfechter eines modifizierten Judentums waren ausgeschlossen worden. Und mit Gnostikern, die sich auf Geheimlehren Jesu beriefen, führte die Kirche einen langen, anstrengenden intellektuellen Streit. Noch hatte sie keine politische Macht und konnte niemanden einfach ausschließen.

Leserkommentare
    • Ghede
    • 15. April 2013 19:13 Uhr

    Warum sollte die katholische Kirche auch nur ansatzweise das Demokratiedefizit heilen wollen? Die Struktur und Hierarchie sind nicht nur Selbstzweck, sondern auch ganz wesentlich für etliche Glaubenslehren und -dogmen, ohne die die katholische Kirche kaum mehr unterscheidbar wäre von den protestantischen Kirchen bzw. Gemeinschaften.

    Mithin ist das Demokratiedefizit der katholischen Kirche ein - wenn nicht sogar das - definierende Merkmal des Katholizismus. Deswegen ist schon die Frage nach entsprechenden Reformen irgendwie seltsam. Es wird nicht passieren. Nicht heute, nicht in zehn, nicht in hundert und vermutlich auch nicht in tausend Jahren.

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    "Der Mann an Schneiders Seite war Thies Gundlach, der Cheftheologe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zum ersten Mal in seinem Leben sah sich der demokratiegewohnte Protestant zum "Gefolge" degradiert."
    An diesen beiden Sätzen kann man die "Denke" der Amtsprotestanten erkennen. Hat der Mann kein Selbstbewusstsein, oder warum stört er sich daran, als "Gefolge" bezeichnet zu werden. Der Herr der Kirche hat m. W. nur "Gefolge". Allein schon der Begriff "Cheftheologe" sagt einiges aus.
    Im Übrigen hat die kath. Kirche kein Demokratie-Defizit. Das westliche Muster der Demokratie mag für viele das Maß aller Dinge sein, bei einigermaßen objektiver, tiefgründiger Betrachtung darf dies sehr wohl bezweifelt werden.

    Das geht natürlich nicht. Das wurde schließlich in jahrhundertelanger Auseinandersetzung geklärt wie noch vor nicht ganz so langer Zeit die Jungfrauengeburt.

    Dann womöglich noch eine Frauenquote. Nein, wahrer Glaube ist etwas anderes!

    Aus diesem Grund ist es nur erforderlich, etwas effektivere Führungsstrukturen einzuführen, damit die Worte Seiner Heiligkeit rascher durch die Hierarchie dringen.

    Wichtig für die Mission ist natürlich auch die Wahrung des Scheins. Die Geldwaschanlage Vatikanbank wird natürlich niemals abgeschafft, der Reichtum des Vatikans niemals versilbert.

    Für die Schafe des Hirten müssen trotzdem Zeichen gesetzt werden, aus denen sie zu entnehmen glauben können, dass der Vatikan entsprechend der Bergpredigt handelt. Auch das wird durch Reformen effektiver verwirklicht werden müssen, hat natürlich mit Demokratie aber überhaupt nichts zu tun.

    • R1W1
    • 15. April 2013 20:24 Uhr

    Danke für den Kommentar. Da schließe ich mich gerne an.

    Es stimmt, die kath. Kirche muß nicht modernisieren. Aber sie muß dann auch damit rechnen, das (hoffentlich) mehr und mehr Aussteiger diesen Laden obsolet machen.

    Der Begriff "Oxymoron" beschreibt ihn exakt, den Widerspruch in sich: Seit wann ist "Papst" denn "Demokratie"?

  1. «Ecrasez l'infâme!» (Voltaire über die katholische Kirche)

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    Zermalt die Niederträchtige!

  2. Das Verhalten des Vatikans ist vermutlich richtig. Wie seltsam wäre es, wenn die katholische Kirch irgendwann die evangelische würde. Interessanterweise ist die Austrittsrate in Deutschland ähnlich bzw. sogar bei den Evangelikalen höher http://www.kirchenaustrit.... Warum sollte sich die katholische Kirche weitgehend reformieren, wenn sie dadurch bloß ihr 'Markenzeichen' verliert. Die Welle würde es vermutlich nicht aufhalten. Die Kirche beruht immerhin auf dem Matthäus-Zitat und der Papst ist der Nachfolger Petrus'. Irgendwie erinnert mich das Gehabe zuweilen dennoch an den Großinquisitor Dostojewskis.
    Und auf der anderen Seite sorgen die Kritiker vermutlich dafür, dass sich die Fronten verhärten. Wenn Bildung zu wenigstens teilweiser Areligiösität führt, dann würde das doch bedeuten, dass ihnen irgendwann die intelligenten Schafe ausgehen, oder? Wenn nicht, dann ist vermutlich die Ausgangsthese falsch, oder es bedarf nicht vieler Intelligenter Machthungriger, was ich nicht glaube.

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    "Das Verhalten des Vatikans ist vermutlich richtig. Wie seltsam wäre es, wenn die katholische Kirch irgendwann die evangelische würde."

    Absolut nicht.
    Immerhin ist die evangelische Kirche die fundamentalistischere.

    unabhängig davon bin ich mal gespannt, wie alt dieser papst wird...

  3. "Der Mann an Schneiders Seite war Thies Gundlach, der Cheftheologe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zum ersten Mal in seinem Leben sah sich der demokratiegewohnte Protestant zum "Gefolge" degradiert."
    An diesen beiden Sätzen kann man die "Denke" der Amtsprotestanten erkennen. Hat der Mann kein Selbstbewusstsein, oder warum stört er sich daran, als "Gefolge" bezeichnet zu werden. Der Herr der Kirche hat m. W. nur "Gefolge". Allein schon der Begriff "Cheftheologe" sagt einiges aus.
    Im Übrigen hat die kath. Kirche kein Demokratie-Defizit. Das westliche Muster der Demokratie mag für viele das Maß aller Dinge sein, bei einigermaßen objektiver, tiefgründiger Betrachtung darf dies sehr wohl bezweifelt werden.

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  4. Das geht natürlich nicht. Das wurde schließlich in jahrhundertelanger Auseinandersetzung geklärt wie noch vor nicht ganz so langer Zeit die Jungfrauengeburt.

    Dann womöglich noch eine Frauenquote. Nein, wahrer Glaube ist etwas anderes!

    Aus diesem Grund ist es nur erforderlich, etwas effektivere Führungsstrukturen einzuführen, damit die Worte Seiner Heiligkeit rascher durch die Hierarchie dringen.

    Wichtig für die Mission ist natürlich auch die Wahrung des Scheins. Die Geldwaschanlage Vatikanbank wird natürlich niemals abgeschafft, der Reichtum des Vatikans niemals versilbert.

    Für die Schafe des Hirten müssen trotzdem Zeichen gesetzt werden, aus denen sie zu entnehmen glauben können, dass der Vatikan entsprechend der Bergpredigt handelt. Auch das wird durch Reformen effektiver verwirklicht werden müssen, hat natürlich mit Demokratie aber überhaupt nichts zu tun.

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  5. Die Katholische Kirche ist aber kein Staat, sondern eine Religionsgemeinschaft. Wenn jemand nicht mit den Strukturen einverstanden ist, ist er nicht gezwungen, dabei zu sein. So betrachtet, besteht nicht einmal ein Demokratiedefizit, denn diejenigen, die dabei bleiben, signalisieren genau mit diesem Dabeibleiben, dass sie mit dem, was ist, einverstanden ist. All ihr Rufer nach Demokratie: Was wollt ihr denn mehr?

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    Erstens _haben_ sie (die römischen Kleriker) vor langer Zeit schon einen völkerrechtlich souveränen (Vatikan-)Staat geschenkt bekommen, und zweitens verstehen sie sich durchaus als Staatengebilde, denn sonst hätten sie wohl kaum eine die weltlichen Staaten (hier einmal ganz im Wortsinne "katholisch") übergreifende und von ihnen bevorzugt angewendete Rechtsordnung. Was unter deren Anwendung zu verstehen ist, hat man in jüngster Zeit auch in D erleben dürfen, als -nach deutschem Strafrecht- gewöhnliche Verbrechen zunächst einmal nach Kirchenrecht geahndet werden sollten, bis es infolge der öffentlichen Proteste nicht mehr anders ging, auch nach weltlichem Recht zu handeln. Wer eine noch stärker als Staat im Staat organisierte Religionsgemeinschaft als die römische Kirche kennt, möge es mir mitteilen.

    "Wenn jemand nicht mit den Strukturen einverstanden ist, ist er nicht gezwungen dabei zu sein ".
    Sie irren sich. Mit zwei Wochen war ich leider noch nicht so klar im Kopf um entscheiden zu können, ob die RKK nun die richtige Kirche für mich ist.
    Mit der Taufe wird man katholisch, kann erst nach der Volljährigkeit austreten und wenn nicht, wird man kirchensteuerpflichtig.
    Die Taufe ist nach der kath. Lehre sehr wichtig, weil damit die "Erbsünde" getilgt wird. Eva war die Sündige. Sie pflückte einen Apfel vom verbotenen Baum und wurde deshalb mit ihrem Mann Adam aus dem Paradies vertrieben.
    Dort zeugten sie Abel, den Guten und Kain den Bösen. (kleiner Katechismus).

    Mit Frauen und der Sexualität hatte die RKK schon immer ihre Probleme.
    Heiraten von Priestern ist seit ca. 1000 Jahren verboten, Ich (Mann) wurde im Beichtstuhl schon nach "unkeuschen" Gedanken gefragt, als ich noch gar nicht so recht wußte, was das ist.
    -------------------------------------------------------------------------------------
    Im 3. Reich gab es tatsächlich eine Art "Ungehorsam" gläubiger Katholiken.
    Einer meiner Verwandten war Justizbeamter und als solcher "uk" gestellt.
    Die Reichsregierung hatte Beamten untersagt, an öffentlichen kirchlichen Feierlichkeiten teilzunehmen. Er widersetzte sich, indem er an der Fronleichnamsprozession teilnahm. Die Quittung: Einzug an die Ostfront.
    Gott sei Dank kam er nur mit einer Verwundung zurück.

    Zwei Seiten einer Madaille.

    Bei dieser Überschrift mußte ich auch schmunzeln.

    Mir fiel da spontan Harald Martenstein ein, der es auf den Punkt brachte:

    “Mir fiel keine einzige Religion ein, in der Demokratie herrscht, die viel mit westlicher Toleranz gemein hat und die nicht von Ritualen beherrscht würde, der Himmel sei mein Zeuge. Die Grundidee bei einer Religion besteht halt darin, dass die Macht von oben kommt und nicht von unten.”

    http://www.zeit.de/2009/3...

  6. "Und die Reformation räumte mit allen Monarchismen auf und erinnerte sich an die demokratischen Grundzüge im Neuen Testament." Aha? Wär mir neu. In der Bibel steht nichts von Demokratie und Politik, ausser: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt". Luther war mir bisher auch nicht als Demokrat bekannt.
    Der geschichtliche Abschnitt scheint mir also arg an protestantische Erzählungen angelehnt zu sein.
    Glaube kann eigentlich gar nicht demokratisch sein. In der Schlussfolgerung können auch Kirchen nur bis zu einem gewissen Grad sinnvoll auf Mitbestimmung basieren. Die Protestanten haben es irgendwann übertrieben und heute dürfen wir tausende Splitterkirchen bewundern, mit teilweise hanebüchener Theologie (Kreationismus z.B.).
    Wo Franziskus aber sicher einen sinnvollen Schritt machen kann, dass auch Laien mehr Verantwortung bei der Spendung von Sakramenten übernehmen könnten. Ich denke, darauf wird es letzendlich hinaus laufen, in Südamerika gibt es da mehr Erfahrung als in Europa.
    Aber Demokratie? Abstimmen, ob Gott dreifaltig ist - Ja/Nein? Wer sowas erwartet wird mit Sicherheit enttäuscht werden. Es ist ja auch rein technisch bei einer Weltkirche unmöglich.

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  7. Von Demokratie kann selbstverständlich keine Rede sein, denn der Papst ist ein unfehlbarer Monarch. Dass Franziskus seine Krone im Schrank verwahrt, ändert natürlich nichts an seinem Status als Monarch. Die Krone wurde schon von früheren Päpsten meist nur noch für besondere Anlässe getragen, doch selbst Pius XII. trug sie noch häufig.

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    In der Neuzeit ist das sogar fast immer der Fall. Großbritannien, Belgien, Schweden, Niederlande sind schließlich alles Demokratien und Monarchien.

    Ich und viele andere haben schon unzählige Male in irgend einem Zeit-Forum erklärt, wie das mit der Unfehlbarkeit gemeint ist. Ich mag jetzt nicht mehr. Informieren Sie sich selber, bevor Sie irgendwelchen Unsinn darüber schreiben.
    Dass der Vatikan eine (Wahl-)Monarchie ist, stimmt. Aber im Artikel geht es nicht um den Vatikan, sondern um die Katholische Kirche. Dafür, dass das etwas Anderes ist, bin ich selbst ein hervorragendes Beispiel. Stellen Sie sich nur vor: Ich bin Mitglied der Katholischen Kirche, habe aber nicht die vatikanische Staatsbürgerschaft, sondern die österreichische. Etwas Analoges gilt für etwa 1,2 Milliarden Menschen weltweit: Alles keine vatikanischen Staatsbürger! Schauen Sie sich mal in ihrem Bekanntenkreis um. Vielleicht kennen sogar Sie jemanden, der katholisch ist und trotzdem kein Vatikaner.

    Vor dem nächsten Leserbrief belesen Sie sich doch bitte mal, was "Unfehlbarkeit" im Zusammenhang mit dem Papst bedeutet und wie oft ein Papst seit Verkündigung dieses Dogmas davon Gebrauch gemacht hat

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Katholische Kirche | Kirche | Vatikan | Jesus | Bibel | Bischof
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