Vatikan : Demokratiedefizit wurzelt tief in der katholischen Kirche

Papst Franziskus hat ein neues Gremium geschaffen, um Reformen der Kurie vorzubereiten. Demokratisieren wird das die katholische Kirche nicht.
Papst Franziskus © Franco Origlia/Getty Images

Ist das die Revolution von oben? Will Papst Franziskus die Kirche demokratisieren? Die Nachricht schlug ein: Franziskus hat acht Kardinäle aus fünf Kontinenten zu Beratern berufen, um den Vatikan, die Regierungszentrale der katholischen Kirche, zu modernisieren: weniger Dekrete, mehr Mitbestimmung, weniger Hof, mehr Dienstleistung.

Immer noch gleicht der Vatikan einem spätmittelalterlichen Königtum. Das spürte selbst der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, als Franziskus ihn traf. Nicht nur, dass Schneiders Frau sich einen schwarzen Tüllschleier überwerfen musste. Das vatikanische Bulletin vermeldete zudem, er sei empfangen worden "con entourage". In der deutschen Fassung hieß es: "mit Gefolge". Der Mann an Schneiders Seite war Thies Gundlach, der Cheftheologe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zum ersten Mal in seinem Leben sah sich der demokratiegewohnte Protestant zum "Gefolge" degradiert.

Papst Franziskus hat den Hofstaat schon ziemlich durcheinandergeworfen. Er durchbricht Kleiderordnungen und Residenzpflichten. Er nimmt Bäder in der Menge, statt Abstand zu halten. Und er hat seine Wahlrede vor den Kardinälen veröffentlichen lassen, wie ein Regierungsprogramm, das das vatikanische Protokoll nicht vorsieht. Mit den acht Kardinälen hat er auch das lange geforderte Kabinett geschaffen, heißt es, eine Ministerkonferenz, in der wichtige Entscheidungen auf den gemeinsamen Tisch kommen.

Am Ende entscheidet Franziskus allein

Bisher hat im Vatikan der Papst das letzte Wort – und nur er. Das System setzt sich fort bis in die letzte Landpfarrei. Im Bistum hat der vom Papst eingesetzte Bischof das Sagen, im Glauben, beim Recht und in der Verwaltung. Und in der Gemeinde bestimmt der vom Bischof berufene Pfarrer. Der hat seinem Bischof Gehorsam versprochen, und der Bischof dem Papst.

Es gibt kein Anzeichen dafür, dass sich daran etwas ändert. Das Demokratiedefizit lebt in den Genen der katholischen Kirche. Deshalb hat der vatikanische Pressesaal sorgfältig formuliert: Die acht Kardinäle beraten den Papst. Die Entscheidung liegt bei ihm. Das System ist gesichert wie eine Doppelnaht. Die Spitzen der Zwillingsnadel heißen: monarchischer Episkopat und apostolische Sukzession.

Beide entstanden sehr bald nach der Abfassung der Bibel, aber sie finden sich nicht darin. Und sie sind ein Grund, warum die Überlieferung, also die Entscheidungen der Päpste, mindestens den gleichen Rang hat wie die Heilige Schrift selbst.

Der monarchische Episkopat des Papstes und, von ihm abhängig, der Geweihten, ist ein Kind des zweiten Jahrhunderts. Das junge Christentum wurde verfolgt. Und es hatte die ersten internen Kämpfe hinter sich gebracht. Verfechter eines modifizierten Judentums waren ausgeschlossen worden. Und mit Gnostikern, die sich auf Geheimlehren Jesu beriefen, führte die Kirche einen langen, anstrengenden intellektuellen Streit. Noch hatte sie keine politische Macht und konnte niemanden einfach ausschließen.

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Kommentare

140 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren

Sie begreifen sich aber selbst als Staat.

Erstens _haben_ sie (die römischen Kleriker) vor langer Zeit schon einen völkerrechtlich souveränen (Vatikan-)Staat geschenkt bekommen, und zweitens verstehen sie sich durchaus als Staatengebilde, denn sonst hätten sie wohl kaum eine die weltlichen Staaten (hier einmal ganz im Wortsinne "katholisch") übergreifende und von ihnen bevorzugt angewendete Rechtsordnung. Was unter deren Anwendung zu verstehen ist, hat man in jüngster Zeit auch in D erleben dürfen, als -nach deutschem Strafrecht- gewöhnliche Verbrechen zunächst einmal nach Kirchenrecht geahndet werden sollten, bis es infolge der öffentlichen Proteste nicht mehr anders ging, auch nach weltlichem Recht zu handeln. Wer eine noch stärker als Staat im Staat organisierte Religionsgemeinschaft als die römische Kirche kennt, möge es mir mitteilen.

Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole

Ich habe schon weiter oben dazu gepostet. Die katholische Kirche ist NICHT der Vatikan. Ich bin katholisch, habe aber nicht vatikanische Staatsbürgerschaft. Das gilt für so gut wie alle Katholiken weltweit. Und die paar hundert Leute, die tatsächlich Bürger des Vatikans sind, haben eine Doppelstaatsbürgerschaft. Der Vatikan (bzw. der "Heilige Stuhl") gilt übrigens nicht als "Staat" sondern als "nichtstaatliches Völkerrechtssubjekt". (Völkerrechtsexperten mögen mir jetzt verzeihen, aber ich versuche hier, jemandem, der nicht viel Ahnung hat, in möglich einfache Worten, etwas zu erklären, ohne auf die Feinheiten einzugehen.)
Das Kirchenrecht gilt übrigens nicht statt dem weltlichen Recht, sondern zusätzlich, v.a. für Kleriker. Ich weiß nicht, wie das in -Deutschland ist. Aber hier in Österreich gilt für Beamte eine Art Disziplinarrecht. Lässt sich ein Beamter etwas zuschulden kommen, kommt er natürlich vor ein normales Gericht, aber ZUSÄTZLICH noch vor eine Disziplinarkommission, die ihm noch eine ZUSÄTZLICHE Strafe aufbrummen kann. So läuft es auch für Kleriker und das weltweit. Anderslautende Behauptungen sind nur Legenden und werden nicht dadurch wahrer, wenn andauernd wiederholt werden (leider auch von den Medien).

Ich stamme aus dem Münsterland

und habe eine riesen-katholische Verwandschaft. Ein Großcousin ist sogar geweihter Diakon, ein anderer Professor theo. Beide durften nicht Priester werden, weil sie sich während des Studiums verliebten und heirateten.

Ich bleibe dabei, die katholiche Taufe wird mit der Tilgung der Erbsünde verbunden. Warum gibt es sonst die Nottaufe ? Ungetaufte kamen früher ins Fegefeuer, heute heißt das Warteram, sagte man mir..

Die Befreiung von Priestern und Mönchen vom Kriegsdienst geht auf das Reichskonkordat zurück..

Mir ist bekannt, einmal katholisch, immer katholisch, außerdem durch Scheidung ein Ehebrecher, also mehrfach exkommuniziert.
Ausgetreten bin ich nachdem der Essener Bischof Overbeck bei "Anne Will" sinngemäß erklärte "...Homosexualität ist eine schwere Sünde und wieder die Natur ..." Ich bin zwar nicht betroffen, aber da reichte es mir.

Overbeck ist auch Militärbischof, Nachfolger von Bischof Mixa.
Wer bestimmt eigentlich die Benennung von Militärbischöfen und wie geht Overbeck wohl mit einem schwulen Soldaten in Afghanistan um ?

Noch einen schönten Tag.

nur eine Kleinigkeit

Die Genauigkeit Ihrer Ausfuehrungen ist haarstraeubend schlecht, wenn auch viele Kritikpunkte mit meinen eigenen Ansichten uebereinstimmen.

Z.B. was den Zugang ihrer Verwandten zum Priesteramt angeht.

Wenn sie sich berufen fuehlten (und noch dazu die uebliche Ausbildung durchlaufen haben), WARUM durften Sie nicht auch Priester werden? wegen Dienstvorschriften (nicht etwa Glaubensinhalten), die in der ueberwundenen mittelalterlichen gesellschaftsform ihren Ursprung hatten und seither nicht revidiert, sondern je nach Bedarf und Zeitgeist religioes verbraemt wurden.

Nur eine Kleinigkeit moechte ich noch geraderuecken, vielleicht hilft Ihnen in der Hinsicht eine etwas groessere Genauigkeit?

Naemlich nicht wegen einer Scheidung bzw. Trennung wird man exkommuniziert, sondern nur wegen einer Wiederverheiratung. Ich finde das ist ein wichtiger Unterschied.

"Mit "einmal katholisch, immer katholscih" kann ich nichts anfangen - ich denke das ist eher ein Wahlspruch ihrer verwandtschaft oder Ihrer lokalen Subkultur.

Glaubensinhalt bzgl. der bedeutung der Taufe ist das aber eben nicht.