Im Fernseher laufen russische Zeichentrickfilme, während Margarita Prigorinas drei Kinder durch die Einzimmerwohnung im estnischen Narva toben. Margarita selbst sitzt auf dem Schlafsofa neben ihrem Freund Roman Shturmanov. Doch als Lisa, das älteste der drei Mädchen, ihrer Mutter etwas zeigen will, reagiert sie nicht. Ihre Augen sind glasig, sie schaut in die Ferne.

Seit mehr als 15 Jahren ist die 30-jährige Margarita heroinabhängig. Jeden Tag geht sie in ein kleines Büro des städtischen Krankenhauses in der Innenstadt von Narva. Margerita trinkt dort ihre Dosis Methadon vor den Augen des Personals aus, nachdem sie in einem kleinen Heft den Empfang unterschrieben hat. Methadon wird in Estland kostenlos an Süchtige verteilt, um Abhängigkeit und Beschaffungskriminalität zu senken.

Estland ist in der Europäischen Union das Mitgliedsland mit dem größten Wirtschaftswachstum. Viele Technologie-Unternehmen haben sich hier angesiedelt. Das bekannteste ist Skype, das inzwischen zu Microsoft gehört. 2004 trat Estland der Europäischen Union bei und führte 2011 als bisher einziger baltischer Staat den Euro ein.

Allerdings nimmt Estland eine weitere Spitzenposition ein: Das Land hat die höchste HIV-Rate in Europa. Rund 1,3 Prozent der Bevölkerung ist HIV-positiv – die Rate ist zehnmal so hoch wie die Deutschlands. Margarita Prigorina weiß seit 2001, dass sie HIV-positiv ist. Sie hat sich angesteckt, als sie die Spritzen mit anderen Süchtigen teilte.

Auch Igor Sobolev ist HIV-positiv. Er infizierte sich schon vor 20 Jahren, als er 14 Jahre alt war. Anders als Margarita geht er offensiv damit um. Er leitet das estnische Netzwerk für HIV-Positive, die NGO EHPV, das versucht, die Bevölkerung über Aids aufzuklären und in Narva die Betroffenen psychologisch betreut. Auch Margarita Prigorina lässt sich dort beraten. Igor ist laut Statistik der Weltgesundheitsorganisation einer der wenigen Fälle, die schon vor dem Jahr 2000 registriert wurden.

HIV-Infizierte werden stigmatisiert

Denn bis zum Winter des Jahres 2000 gab es nur zwischen eine und zwölf Neuinfektionen pro Jahr in Estland. Doch im Jahr darauf breitete sich die Krankheit rasant in der Drogenszene aus. 2001 gab es 1.475 neu registrierte Fälle. Rund 90 Prozent der Infektionen betrafen Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren, die ihr Fixerbesteck teilten, sagt das AIDS Counseling Center in Estland. Hauptsächlich betroffen war damals die Region Ida-Virumaa im Nordosten des Landes, an der Grenze zu Russland. Mittlerweile steigt die Neuansteckungsrate in Estland zwar nicht mehr, aber sie liegt immer noch auf einem sehr hohen Niveau. Außerdem stecken sich heute immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft über Sexualkontakte an.

In der estnischen Gesellschaft werden die Infizierten oft stigmatisiert, sagt Igor Sobolev. HIV gelte als ein Problem der russischsprachigen Minderheit, die knapp ein Viertel der estnischen Bevölkerung stellt und zu der auch Margarita gehört. In manchen Regionen wie in der Stadt Narva, wo Margarita wohnt, sind nicht einmal drei Prozent der 65.000 Einwohner Esten.

Die Betroffenen würden abgestempelt als drogenabhängige Junkies, die sich nicht eingliedern wollten, sagt Sobolev. Ihre Scham und Verunsicherung ist oft groß. Nicht selten führt das zu unverantwortlichem Verhalten. Margarita verheimlicht ihre HIV-Infektion, unter anderem weil in den ländlichen Strukturen Estlands sonst jeder davon wüsste. Sie geht dabei jedoch soweit, nicht einmal ihrem Freund Roman davon zu erzählen – und ihn damit in Gefahr zu bringen. Seit zwei Jahren sind sie ein Paar. Aber sie hat sich noch immer nicht getraut, es ihm zu sagen, weil sie Angst hat, ihn zu verlieren.

Igor Sobolev sagt, es sei für die Infizierten auch sehr schwer, einen Job zu finden, nicht nur, weil die Arbeitgeber sie nicht einstellten, sondern auch, weil viele der Betroffenen aus der russischen Minderheit ihre Rolle am Rand der Gesellschaft verinnerlicht hätten. Sie hätten kein Selbstvertrauen mehr, sich überhaupt um einen Job zu bemühen.

Wie Margarita, die sich wegen ihrer Sucht, der Infektion und der langen Arbeitslosigkeit inzwischen arbeitsunfähig fühlt. Sie hat eine Ausbildung zur Maschinenwärterin in einer der großen Textilfabriken gemacht, für die die Gegend bekannt war. Aber längst ist die letzte der Fabriken hinter die Grenze nach Russland gezogen, wo die Arbeitskräfte billiger sind. Der Drogenhandel begann über die russische Grenze zu florieren. Margarita und mehr als die Hälfte ihrer Freunde steckte sich mit HIV an. Im Sommer will sie es noch mal mit der Jobsuche versuchen, aber dass sie es wirklich schafft, glaubt sie nicht.

Um Mitternacht schläft die gesamte Familie in dem kleinen Wohnzimmer. Der Fernseher flackert immer noch und Roman kuschelt sich an Margarita.