Er also auch. Uli Hoeneß – Schöpfer des Dauer-Fußballmeisters Bayern München, einst Stürmergott, Welt- und Europameister, dann überaus erfolgreicher Sportmanager und nebenbei ebenfalls erfolgreicher Wurstfabrikant, ein gefragter Interview-Partner und Talkshow-Gast, eine Autorität auf vielen Gebieten – hat schnöde Gesetze gebrochen. Er hat wie andere Millionen in der Schweiz versteckt und offenbar im großen Stil Steuern hinterzogen. Ein entzauberter, gedemütigter Held.

Das Entsetzen ist nun groß, ebenso wie die Schadenfreude und Häme. Eine Sport-Ikone wird auf Normalmaß zurückgestutzt, die Öffentlichkeit labt sich an seiner Selbstdemontage. Ein Großer wird klein, so klein wie wir. Wieder einmal stürzt ein Ikarus, der der Sonne zu nahe kam, in den Staub. Das freut das gemeine Publikum.

Und hat es Hoeneß nicht verdient? Hat er nicht immer wieder den Moralapostel und Wohltäter herausgekehrt, stets sauberes, faires Verhalten im Fußball wie in der Gesellschaft eingefordert, auf anderen herumgetrampelt, wenn sie seinen hohen Ansprüchen nicht genügten? Hat er nicht bis zum Abwinken Anstand und Ehrlichkeit propagiert, sich selbst gerne als strahlendes Vorbild hingestellt?

Ein Fall klassischer Doppelmoral

Sicher, Hoeneß ist, wie es aussieht, ein Fall klassischer Doppelmoral. Einer, der die Messlatte hoch hängt und selber darunter hindurch schlüpft. Aber damit ist er wahrlich nicht allein. Ahnen wir nicht, dass viele, die wir nur zu gerne vergöttern, ob im Sport, im Fernsehen, im Show-Business oder in der Politik, in Wahrheit auch nur fehlbare Menschen sind, die dem Bild, das sie nach außen vermitteln, beileibe nicht immer genügen? Und wer hat nicht schon einmal selber gegen eigene moralische Ansprüche verstoßen?

In der Bewunderung für scheinbar erhabene Führungsgestalten offenbart sich ebenso wie im Spott, wenn sie schließlich doch als Blender erscheinen, eine Sehnsucht: Dass es noch Menschen gibt, zu denen man vorbehaltlos aufschauen kann; untadelige Autoritäten, die nicht den Verlockungen der Selbstsucht und des schnellen Profits erliegen. Die anders sind, reiner als wir selbst, den Niederungen des Alltags entrückt. Ehrbare Vorbilder in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird und in der es keine allgemeingültigen ethischen Normen mehr zu geben scheint.

Vom Podest gestürzt

Wird aber ein solcher Held bei einem Fehltritt erwischt, egal wie groß oder klein, ist die Abscheu umso größer. Und die Gesellschaft ruft nach Reinigung und Opfer, weil das Objekt der eigenen Projektion nicht genügt, gar nicht genügen kann. Der Kaiser, der jetzt nackt dasteht, muss bestraft werden. Er soll sich, stellvertretend für uns alle, als Sünder bekennen und Buße tun. Er soll Reue zeigen, sich selber zu Boden werfen und zurücktreten. Nur dann, vielleicht, wird ihm vergeben.