Man hört sie schon beten, ehe man sie sieht: die Männer an der Klagemauer mit ihren Gebetsschals um die Schultern und den Gebetsriemen an den Armen. Die einen beugen sich konzentriert gen Klagemauer, die anderen tanzen und singen laut. Dem jüdischen Kalender folgend, hat der Nisan begonnen, die Männer begrüßen den neuen Monat.

Nebenan, im Bereich für Frauen, ist es viel ruhiger. Die Frauen beten zwar auch, verneigen sich gen Osten, bewegen ihre Lippen, doch sie tun es stumm. Wenig später aber betritt eine große Gruppe Frauen den Platz vor der Klagemauer, sie tragen bunte Kleidung, sie gehen in den Bereich, der den Frauen vorbehalten ist, stellen sich in Reihen auf und verteilen Gebetsschals untereinander. Und sie beten laut.

Diese Frauen gehören zur Gruppe Neschot Hakotel, auch bekannt unter der englischen Bezeichnung Women of the Wall, also Frauen der Mauer. Diese private Organisation gläubiger Jüdinnen setzt sich dafür ein, dass auch Frauen an der Klagemauer so beten können wie die Männer: singend, mit Schals und Riemen.

Das ist eigentlich verboten; der Rabbi der Klagemauer hat das mit Verweis auf althergebrachte, religiöse Praktiken so verfügt und die israelische Polizei muss es einem Richterspruch zufolge durchsetzen. Allein in den vergangenen sechs Monaten wurden 48 Frauen durch Polizisten von der Klagemauer abgeführt; seit gut zwei Jahren konnte die Frauengruppe nicht ein einziges Mal beten, ohne dass eine von ihnen festgenommen worden wäre.

"Wir wollen nur so unseren Glauben feiern"

"Die Polizei macht nur, was der Rabbi ihnen sagt. Und er sagt: Nicht die Frauen brauchen Schutz, wir brauchen Schutz", sagt Anat Hoffman von Neschot Hakotel. Der Staat Israel habe den Rabbinern die Herrschaft über die Mauer überlassen, und die nutzten diese Macht nun, um ihre Sicht auf das Judentum durchzusetzen.

"Dass wir kriminalisiert werden und als Provokateurinnen dastehen – das ist doch nicht normal", sagt Hoffman. "Wir wollen nur so unseren Glauben feiern, wie Juden das nun einmal tun. Wo will ich das tun? Natürlich dort, wo es alle Juden tun: an der Klagemauer."

Der Vorsitzende der Einwanderungsbehörde Jewish Agency, Nathan Scharanski, soll den Streit schlichten. Sein Plan: Zusätzlich zu der Männer- und der Frauensektion an der Mauer solle ein dritter Bereich eingerichtet werden, wo beide Geschlechter gleich behandelt werden. Die Kontrahenten hätten das positiv aufgenommen, schrieb die Jerusalem Post.