NSU-Prozess : Die Richter entscheiden erstmals richtig

Es ist korrekt, das Anmeldeverfahren für den NSU-Prozess neu zu überdenken. Nun sollte das Münchner Gericht auch eine Video-Konferenz ermöglichen, kommentiert L. Caspari.

Ja, spinnen die denn? Zwei Tage vor Beginn des weltweit beachteten NSU-Verfahrens lässt das Oberlandesgericht München den Prozessauftakt platzen. Das Ganze verkündet von einer äußerst schlecht gelaunten Pressesprecherin.

"Slapstick" nannte dieses Verhalten der Anwalt einer Opferfamilie. Der Begriff ist treffend – allerdings eher bezogen auf die letzten drei Wochen. Stümperhaft und rücksichtslos gab das Gericht den Unbeirrbaren. Obwohl von allen Seiten heftige Kritik an der Vergabepraxis und den Platzverhältnissen im Gerichtssaal kam. Es brauchte schon ein Einschreiten der Verfassungsrichter, um die Richter zum Einlenken zu bewegen.

Nun sind alle Terminplanungen über den Haufen geworfen. In den Redaktionen herrscht Chaos. Die Münchner Hotels waren von Journalisten bereits ausgebucht, die Fernsehtalkshows zum Thema Prozessauftakt geplant. Geschenkt.

Wirklich Leidtragende sind die traumatisierten Familien der Opfer, die sich psychisch vorbereitet haben auf den Tag, an dem sie der mutmaßlichen Mitverantwortlichen für den Mord an ihren Angehörigen begegnen.

Schlechte Kommunikationsstrategie

Die Opfer müssen nun warten, wieder einmal. Es ist eine neue Tortur für sie, nach den vielen anderen, die sie durchgestanden haben. Mal ganz abgesehen davon, dass sie wohl auch auf Auslagen für bereits gebuchte Bahntickets und Hotelzimmer sitzen bleiben.

Man muss das Münchener Gericht tadeln – für seine wochenlange Ignoranz, seine schlechte Kommunikationsstrategie und seine Uneinsichtigkeit.

Die Entscheidung, das Akkreditierungsverfahren für Journalisten nun noch einmal ganz neu zu überdenken, ist trotz allem richtig. Denn was wäre die Alternative gewesen? Die Vertreter des Gerichts hätten bis zum anvisierten Prozessbeginn am Mittwoch drei zusätzliche Stühle für türkische und griechische Medienvertreter in den Saal stellen können. Welcher Interessierte aus den Heimatländern der Opfer hätte so kurzfristig den Zuschlag bekommen, wer nicht?

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Kommentare

282 Kommentare Seite 1 von 22 Kommentieren

Tut mir leid,

aber da muss ich widersprechen

Es geht um die Fehlerhäufigkeit und der Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines Fehlers. Der ist bei elektronischer Datenübermittlung wesentlich höher, abgesehen davon, dass die schriftlichen Urkunden noch jahrzehntelang überprüft werden können.

Wie wollen Sie sicherstellen, dass alle Medien elektronisch von einem beliebigen Gericht gleichzeitig von dessen Bekanntmachungen per E-Mail benachrichtigt werden. Ein Ding der Unmöglichkeit bei der Vielzahl der kommenden und gehenden Presseorgane. Bei jedem Gericht müsste ein täglich aktualisierter elektronischer Verteiler eingerichtet sein.

[...]
Deswegen: http://www.zeit.de/gesell...

Ich habe nichts gegen moderne Datenübertragungsysteme und selbst seit 1980 finanzmathematische und familienrichterliche Berechnungen programmiert, alle Programme sind nützlich aber n i e fehrlerfrei, Sie müssen immer die Plausibilität im Auge behalten, sozusagen per Hand.

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/au

Es gibt

halt Theoretiker und Praktiker.

Gehen Sie mal in einen Stahl- oder Maschinenbaubetrieb, ohne die Meister und FH-Ingenieure in der Fertigung können die Dipl.Ing.'s in der Entwicklung und Planung einpacken.

Das ist in der Gerichtsbarkeit nicht anders - selbstherrlich sollte da niemand sein. Vom BVerfG kann aber eine gewisse Linie entsprechend der bisherigen Rspr. erwartet werden, sonst haben wir ganz schnell die "Echternacher Springprozession". Schließlich orientieren sich die "Vorderrichter" an den bisherigen Entscheidungen der Obergerichte, wenn es ihnen nicht doch zu bunt wird.

Ich wage zu bezweifeln

das das neue Verfahren besser wird, denn eigentlich müsste man, um sicher zu sein das nicht das gleiche passiert, Ausnahmen generieren.
Das die aber keine rechtliche Grundlagen haben, sollte klar sein.

Man kann eigentlich nur hoffen, das mit dem neuen Verfahren alle zufrieden sind, denn sonst geht diese Posse weiter.